Die islamisch-albanische Gemeinschaft betreibt in Kirchdorf ein Vereinslokal, will nun aber nach Gebenstorf zügeln und dort ein Islam-Zentrum errichten. Dagegen wehrt sich der Gebenstorfer Gemeinderat, er geht vor Verwaltungsgericht. Für Unbehagen sorgen die Pläne bei einigen syrischen und türkischen Christen aus Gebenstorf, die zum Teil von radikalen Muslimen aus ihrer Heimat vertrieben wurden (az vom 18. 12.).

Mit Murseli Ibraimov (42), Vizepräsident der islamisch-albanischen Gemeinschaft, nimmt nun erstmals ein Mitglied des Vereins ausführlich Stellung. In der Kirchdorfer Moschee spricht er ausserdem über Mohammed-Karikaturen und seinen täglichen Dschihad.

Herr Ibraimov, haben Sie die neuste Ausgabe von «Charlie Hebdo» gekauft?

Murseli Ibraimov: Nein, selbstverständlich nicht. Ich sehe nicht ein, warum eine Zeitschrift derart provozieren muss. Das ist nicht nötig. Ich finde es auch nicht gut, wenn der Papst oder Jesus schlecht dargestellt werden.

Haben Sie sich die Mohammed-Karikaturen aber angeschaut?

Ja. Jetzt, nach dem Attentat in Paris, habe ich sie gesehen.

Mit welchen Gefühlen?

Jeder Moslem, der sich als solcher bezeichnet, fühlt sich durch diese Karikaturen verletzt, verspürt auch Wut. Man darf eine Karikatur machen über einen Vorbeter oder über einen Moslem. Aber nicht über einen Propheten. Wir haben Mohammed sehr gerne, und es ist inakzeptabel, sich über ihn lustig zu machen, ihn derart zu verhöhnen. Aber es steht ausser Frage, dass diese Provokationen nie im Leben Morde rechtfertigen. Mohammed wurde von Feinden gedemütigt, es wurde mit Steinen nach ihm geworfen, aber seine Freunde haben nie zurückgeschlagen.

Ihr erster Gedanke, als sie vom Massaker in Paris gehört haben?

Es war schockierend, traurig. Der erste Gedanke war dann: Hoffentlich sind die Täter keine Moslems. Denn ich wusste, was dann passieren würde: Dass in den Medien eine Verbindung gemacht wird zwischen dem Islam und dem Terror. Islam aber heisst übersetzt Frieden. Friedliche Terroristen, so etwas gibt es nicht.

Murseli Ibraimov, Vizepräsident der islamisch-albanischen Gemeinschaft, in der Moschee in Kirchdorf.

Murseli Ibraimov, Vizepräsident der islamisch-albanischen Gemeinschaft, in der Moschee in Kirchdorf.

Machen Sie es sich jetzt nicht viel zu leicht? Die Attentäter sagten, sie hätten Mohammed gerächt – den Propheten, an den auch Sie glauben.

Die Werte, die diese Mörder vertreten, widersprechen den Ideen des Islam, wie wir ihn verstehen. Ich habe gelernt: Wer einen Menschen umbringt, bringt die ganze Menschheit um. Wer einem Menschen hilft, hilft der ganzen Menschheit. Der Islam ist eine friedliche Religion. So wird das auch hier in unserer Moschee gepredigt.

Welchen Begriff verwenden sie für die Pariser Mörder? Sind das Attentäter, Extremisten, Terroristen, Islamisten?

Es tut weh, in den Medien immer den Begriff Islamisten lesen zu müssen. Es wird jetzt bei jeder Gelegenheit betont, man müsse zwischen Islam und dem Islamismus unterscheiden. Mir tut es aber bereits weh, wenn im Begriff, der für diese kranken Mörder verwendet wird, das Wort «Islam» vorkommt.

Wie würden Sie reagieren, wenn ein junger Muslim Ihres Vereins Ihnen sagen würde: Ich ziehe nach Syrien in den Dschihad?

Ich würde ihm sagen, dass es sich beim dortigen Krieg um einen regionalen Konflikt handelt, der rein gar nichts mit dem Dschihad zu tun hat. In Europa wird Dschihad fälschlicherweise als Krieg verstanden. Wir aber verstehen als Dschihad unsere Anstrengungen hier, unseren Kampf, unseren Lebensweg. Ich mache jeden Tag Dschihad. Ich kämpfe fürs Überleben, damit ich meine Familie, meine vier Kinder ernähren kann. Dem jungen Mann würde ich also sagen, er solle seinen Dschihad hier machen und eine Lehre abschliessen, arbeiten, eine Familie gründen und ein ruhiges Leben führen.

Können Sie ausschliessen, dass es in Ihrem Verein Mitglieder gibt, die sich radikalisieren lassen?

Zu hundert Prozent.

Im Dezember gab es 62 Personen, die von der Schweiz nach Syrien, in den Irak und nach Somalia zogen, um sich mutmasslich am heiligen Krieg zu beteiligen …

… die Leute, die dorthin reisten, haben nichts zu verlieren im Leben, suchten vermutlich auch Abenteuer und Spass. Solche Menschen gibt es in unserem Verein nicht.

Fühlen Sie sich hier frei, Ihren Glauben so ausleben zu können, wie Sie es wünschen?

Auf jeden Fall. Alle hier im Dorf wissen, dass ich Moslem bin, und mein Glaube ist nie ein Thema. Ich lebe hier, seit ich fünfzehn bin, fühle mich voll integriert, bin zum Beispiel Trainer der 1. Mannschaft des FC Obersiggenthal.

Widerstand gibt es nun aber in Gebenstorf, wo Ihr Verein ein Islam-Zentrum errichten möchte. Wie sehr enttäuscht Sie das?

Ehrlich gesagt habe ich Verständnis für die Haltung des Gemeinderates. Denn vermutlich haben sich die Mitglieder gar nie die Frage gestellt, wer wir wirklich sind, und wehren sich aufgrund von Vorurteilen gegen unser Vereinslokal. Nicht verstehen kann ich hingegen die Ängste der syrischen und türkischen Christen.

Manche von diesen assyrisch-aramäischen Familien geraten beim Gedanken an eine Moschee gefühlsmässig in Aufruhr, weil sie zum Teil von radikalen Muslimen aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Sie sollten aber wissen, dass wir hier mit Radikalismus nichts zu tun haben. Wir wollen in Ruhe unsere Religion ausleben.

Der Gemeinderat befürchtet, dass ein überregionales Vereinslokal entstehen könnte, dass es aber zu wenige Parkplätze gibt und zu viel Lärm entsteht. Zu Unrecht?

Die Bedenken wegen des Verkehrs sind doch nur Ausreden. Die Befürchtung, es könnte ein überregionales Zentrum entstehen, ist unberechtigt. Es gibt hier in der Gegend viele andere Moscheen – beispielsweise in Döttingen und Brugg; besonders diejenige in Neuenhof gefällt mir sehr. Wenn schon, gehen die Muslime vermehrt dorthin.

Gebenstorf zieht den Fall trotz Diskriminierungs-Vorwurf des Regierungsrates an das Verwaltungsgericht weiter …

… die Regierung gab grünes Licht für das Vereinslokal, das war ein wichtiges Zeichen für die Religionsfreiheit. Wir geben nicht auf, haben Geduld. Ich würde mir wünschen, dass die Gebenstorfer sich in Kirchdorf umhören, wo unsere Moschee seit zwanzig Jahren steht. Hier gab es deswegen nie das geringste Problem.