Baden
«Es werden falsche Anreize geschaffen» – Geplantes Parkhaus stösst auf Widerstand

Auf dem ABB-Areal ist ein Parkhaus für rund 500 Fahrzeuge geplant. Davon sind nicht alle begeistert: Kritiker sprechen von einer Fehlplanung. Sie befürchten, dass die Strassen aus und nach Baden noch mehr verstopft sein werden.

Martin Rupf
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Unter dem – dann neu gestalteten – Brown-Boveri-Platz soll dereinst ein Parkhaus für 500 Fahrzeuge entstehen.

Unter dem – dann neu gestalteten – Brown-Boveri-Platz soll dereinst ein Parkhaus für 500 Fahrzeuge entstehen.

Sandra Ardizzone

Seite Ende letzten Jahres liegt die Baubewilligung für das Hochhaus Ost und ein Parkhaus für 500 Fahrzeuge auf dem ABB-Areal vor. Bauherrin des Vorhabens ist die ABB; wann das Vorhaben umgesetzt wird, ist noch offen (siehe Text unten).

Schon jetzt stossen die Pläne auf Widerstand. Hubert Kirrmann, Präsident der Velovereinigung Pro Velo Region Baden und langjähriger Beobachter der städtischen Raumplanung spricht von einer «Fehlplanung».

500 Parkplätze würden pro Tag rund 1500 bis 2000 zusätzliche Bewegungen mit Autos auf der Bruggerstrasse generieren. «Ich frage mich, wie und wo dieser zusätzliche Verkehr aufgenommen werden soll.»

Kirrmann spricht Klartext: «Es werden einmal mehr falsche Anreize geschaffen. Ich befürchte, das wird ein Rohrkrepierer. Denn eines hat auch die Vergangenheit gezeigt. Je mehr Parkplätze in der Stadt zur Verfügung stehen, desto mehr Verkehr wird auf den Einfallachsen generiert.»

Dabei stützt sich Kirrmann auch auf Aufhebungen, die im Zusammenhang mit der Ausarbeitung der Ostaargauer Strassenentwicklung (OASE) erstellt wurden. «Diese zeigen ganz klar, dass der Grossteil des Verkehrs hausgemacht ist. Sprich die meisten Autos fahren in oder aus der Stadt.»

Kirrmann geht dabei mit den Planern hart ins Gericht: «Diese Ingenieure und Architekten sind absolut verliebt in die Details ihrer Projekte, ohne aber die raumplanerischen Aspekte ihrer Projekte zu berücksichtigen.»

Er könne sich auch nicht vorstellen, dass die Gewerbevereinigung Freude an den zusätzlichen Parkplätzen habe. «Denn was bringen ihr Kundenparkplätze, wenn man nicht mehr in die Stadt reinkommt?»

Ein Blick in die Zukunft verheisse auf alle Fälle nichts Gutes: «Die Pläne des Kantons rechnen mit bis zu drei Kilometern Stau stadteinwärts auch nach dem Ausbau der Mellingerstrasse. All das ist das Resultat fehlender Städte- und Raumplanung», findet Kirrmann deutliche Worte.

«Das Festhalten an einem Pendlerverkehr des letzten Jahrhunderts ist einer weitblickenden Stadt doch nicht würdig.»

Platz ist mit öV bestens erschlossen

Diesem Urteil kann sich Hans Hauri, nur anschliessen. Von 1984 bis 2000 war Hauri SP-Einwohnerrat von Baden und setzt sich seit Jahren für Umweltanliegen ein. «Vor allem aber bin ich Grossvater von vier Enkelkindern, weshalb es mir ein grosses Anliegen ist, dass unsere Umwelt nicht noch mehr kaputt gemacht wird», so Hauri.

Doch leider sei man auf keinem guten Weg, wenn er nur etwa an den CO2-Ausstoss und die damit zusammenhängende Erderwärmung denke. «Vor diesem Hintergrund kann ich nicht verstehen, dass die Stadt Baden jetzt in der Innenstadt ein Parkhaus mit 500 Parkplätzen plant», sagt Hans Hauri.

Natürlich: Wer unbedingt in die Stadt respektive dort parkieren müsse, der soll Parkplätze vorfinden. «Aber ich befürchte, dass das geplante Parkhaus viele Pendler anlocken wird, was ja eigentlich grotesk ist, da sich das geplante Parkhaus inmitten eines Gebiets befindet, das mit öV bestens erschlossen ist.»

Schon heute staue sich auf Höhe Dättwiler Weiher der Verkehr auf zwei Spuren. 500 zusätzliche Autos werden die Zu- und Wegfahrt weiter verstopfen. Mit dem Bau dieses Parkhauses würde zudem die jetzige Situation sprichwörtlich betoniert, ohne in die Zukunft zu denken.

Hauri versteht nicht, weshalb Firmen heute nicht mehr auf Homeoffice setzen oder etwa ihren Mitarbeitern Apps anbieten, um tageweise Fahrgemeinschaften zu bilden. Auch die Elektrovelos würden noch zu wenig genutzt.

Der aktuelle Fall sei ein weiterer Beleg dafür, weshalb der Aargau beim Agglomerationsfonds leer ausgegangen sei – offenbar weil er zu wenig für «koordinierte Planung von Siedlung, Landschaft und Verkehr in urbanen Räumen» tat.

Hauri betont deshalb: «Wenn wir hierin mehr tun, profitieren Umwelt, Bevölkerung und unsere Enkelkinder. Machen wir Baden zum Zentrum für innovative Firmen und sparen wir uns diese 500 Parkplätze.»

Ramseier: «Mangel an Parkplätzen»

Der zuständige Stadtrat und Ressortvorsteher Immobilien/Infrastruktur, Philippe Ramseier (FDP), kann der Kritik respektive den Befürchtungen wenig abgewinnen: «Auto-Parkplätze sind in der Stadt Baden grundsätzlich Mangelware. In Stosszeiten ist es sehr schwierig, Parkplätze zu finden.»

Philippe Ramseier, Stadtrat Baden (FDP) und Ressortvorsteher Immobilien/Infrastruktur «Wenn Baden weiter ein attraktiver Wirtschaftsstandort bleiben soll, müssen wir auch den individuellen motorisierten Verkehr unterstützen.»

Philippe Ramseier, Stadtrat Baden (FDP) und Ressortvorsteher Immobilien/Infrastruktur «Wenn Baden weiter ein attraktiver Wirtschaftsstandort bleiben soll, müssen wir auch den individuellen motorisierten Verkehr unterstützen.»

Philippe Ramseier

Die Stadt werte monatlich die Belegung der stadteigenen Parkhäuser und der Parkhäuser mit städtischer Beteiligung aus. Resultat: 100 Prozent Belegung in Stosszeiten, 75 bis 80 Prozent Belegung an Randzeiten.

Viele Personen seien auf das Auto angewiesen. «Nebst Kunden, die das Gewerbe besuchen, sind es vor allem auch Personen, die mit dem Velo oder zu Fuss nicht unterwegs sein können.»

Zudem wolle die Stadt den vielen hundert neuen Arbeitsplätzen, die im neuen Hochhaus entstehen, Parkplätze zur Verfügung stellen. «Wenn Baden weiter ein attraktiver Wirtschaftsstandort bleiben soll, müssen wir auch den individuellen motorisierten Verkehr unterstützen», ist Ramseier überzeugt.

Aber nicht nur diesen betont der Stadtrat. Ebenso wichtig sei es, gute Rahmenbedingungen für den öV, den Veloverkehr und die Fussgänger zu schaffen.

Ramseier befürchtet das von Hauri und Kirrmann prognostizierte Verkehrschaos nicht. «Erstens darf man nicht vergessen, dass mit dem Bau des neuen Parkhauses rund 250 Parkplätze auf den Verenaäckern verschwinden werden.»

Und zweitens werde der neu gestaltete Schulhausplatz dafür sorgen, dass der Verkehr besser aus der Stadt und in diese rollen wird», ist Ramseier überzeugt.

Ökobonus für ABB-Mitarbeiter

Die ABB Immobilien AG ist nur Bauherrin für das Baugesuch. «Der Bauherr für das Bauprojekt ist noch offen. Die Verhandlungen mit potenziellen Investoren werden nun konkretisiert», sagt Vanessa Flack, Mediensprecherin bei ABB Schweiz.

Die Verhandlungen mit potenziellen Investoren würden nun konkretisiert. «Der Baustarttermin – für das Hochhaus und das Parkhaus – wird sich nach dem Investor richten», so Flack. Es wird mit einer Bauzeit von zwei Jahren gerechnet.

Die ABB-Sprecherin klärt weiter auf: Die Koordinationsgruppe Baden Nord (KBN) ist das gemeinsame Begleitgremium der Stadt Baden und der ABB Immobilien AG für die Umsetzung des Entwicklungsrichtplans Baden Nord (ERP Baden Nord). «Alle relevanten Bauvorhaben wurden und werden im Einklang mit den Vorgaben des ERP Baden Nord umgesetzt.»


Geplant sind überwiegend öffentliche Parkplätze, die mit dem Trafo Parking verbunden werden (ein Teil wird voraussichtlich für Mieter und angrenzende Nachbarn reserviert). Das Parkhaus wird primär über das bestehende Trafo-Parkhaus erschlossen, wobei eine Ausfahrt auch über den Gleisweg im ABB-Areal wegführt.

«Die Haselstrasse wird nicht zusätzlich belastet», betont Flack.
Zur oben genannten Kritik, Firmen sollten statt Parkhäuser zu bauen, lieber die Möglichkeit von Homeoffice schaffen und die Mitarbeiter zu Fahrgemeinschaften motivieren, sagt Flack: «Im Rahmen einer nachhaltigen Umweltpolitik von ABB Schweiz werden die Mitarbeitenden sensibilisiert, ihre ökologische Verantwortung in Beruf und Freizeit wahrzunehmen.»

Die ABB-Räumlichkeiten würden in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs und diverser Buslinien liegen. «Die Nutzung des öV bietet sich also an.» Für geschäftliche Fahrten stünden Mitarbeitenden zwei Elektroautos zur Verfügung oder es könne Mobility genutzt werden. «Zudem belohnt ABB mit dem Ökobonus Mitarbeitende, die aktiv zum Umweltschutz beitragen und mit dem Velo oder dem öV zur Arbeit kommen.»