Alstom
EU-Kommission genehmigt Verkauf der Alstom-Sparte an General Electric

Die EU-Kommission hat den Verkauf des französischen Konzerns Alstom an das US-Unternehmen General Electric (GE) genehmigt. Was bedeutet das für die Aargauer Alstom-Standorte Baden und Birr?

Michael Wanner und Fabian Fellmann, Brüssel
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Die EU-Kommission hat gestern Dienstag dem Verkauf der Alstom-Energiesparte an den US-Konzern General Electric (GE) zugestimmt. Die EU stellte aber Bedingungen, die für die Mitarbeiter in der Schweiz Konsequenzen haben: Alstom muss Kernelemente der Gasturbinen-Sparte an die italienische Firma Ansaldo verkaufen.

Dadurch will die EU-Kommission verhindern, dass die Amerikaner künftig eine zu dominante Marktposition im Segment der grossen Turbinen für Kraftwerke erhalten, was zu weniger Innovation und höheren Preisen führen würde.

Konkret soll Ansaldo, das zu 40 Prozent der chinesischen Shanghai Electric gehört, die Produktion von zwei Gasturbinen übernehmen. Das lukrative Servicegeschäft hingegen geht an die Amerikaner. Hintergrund der Umwälzungen ist die Tatsache, dass der französische Mega-Konzern in finanzielle Schieflage geriet.

Industriegeschichte: Alstom in der Schweiz

Lange war Alstom der ganze Stolz der Franzosen. Alstom baut die TGV Züge und liefert Turbinen für Atom-, Gas- und Kohlekraftwerke. 2014 stand das Unternehmen vor der Pleite. Der US-Konzern General Electric (GE) und Siemens buhlten um die Energiesparte des französische Energieunternehmens. GE erhielt schliesslich den Zuschlag. Gleichzeitig stieg der französische Staat mit 20 Prozent als grösster Aktionär bei Rest-Alstom ein.
Alstom ist mit allen Sektoren lokal vertreten und beschäftigt laut eigenen Angaben insgesamt über 6100 Mitarbeiter an den vier Standorten Baden, Birr, Oberentfelden und Neuhausen am Rheinfall. Die verschiedenen Beteiligungen von Alstom in der Schweiz gehen auf unterschiedliche Schweizer Traditionsfirmen zurück, die im Lauf der Zeit vom französischen Konzern gekauft wurden. Die Energiesparte wurde 1999 von der ABB zunächst in ein Joint Venture mit der Alstom eingebracht. 2000 erwarb Alstom dann die Anteile von ABB, die damals in finanziellen Schwierigkeiten steckte – und musste eine drohende Insolvenz abwenden. Der Sektor Alstom Grid entstand 1986 in der Schweiz durch die Akquisition des Hoch- und Mittelspannungsgeschäftes von Sprecher & Schuh aus Aarau. Der dritte Teil ist Alstom Transport: Dieser Sektor geht auf die ehemalige SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft) zurück. (ASC)

Folgen für die Arbeitsplätze

Für Alstom Schweiz bedeutet das, dass von den rund 6100 Mitarbeitern künftig rund 5600 für GE arbeiten werden, entweder direkt oder indirekt in neu gegründeten Gemeinschaftsunternehmen zwischen GE und Alstom. Rund 430 Mitarbeiter werden für die italienische Ansaldo tätig sein. Nur die knapp 100 Mitarbeiter der Transportsparte bleiben bei Alstom.

Über mögliche Auswirkungen auf den Industriestandort Schweiz lässt sich zu diesem Zeitpunkt nur spekulieren. Ein GE-Sprecher wollte auf Anfrage keine Aussage zu Auswirkungen für die Mitarbeiter in der Schweiz machen. GE werde zu einem späteren Zeitpunkt über die Strategie nach der Übernahme informieren, hiess es lediglich.

Auch bei Alstom gab es von offizieller Seite dazu keine Auskunft. Der Konzern teilte lediglich mit, der Deal mit GE solle bis Ende Jahr abgeschlossen werden.

Über die Zukunft der Schweizer Standorte wurde verschiedentlich berichtet. So ging aus einem Brief hervor, dass GE-CEO Jeffrey Immelt Frankreichs Präsident François Hollande den Deal dadurch schmackhaft machen wollte, dass Teile des Standortes Baden in das französische Belfort verlegt werden sollen.

Im Frühjahr dieses Jahres hat GE den Mitarbeitern von Alstom Schweiz aber mitgeteilt, dass Baden auch nach der Übernahme als Hauptsitz für das Service- und das Dampfturbinengeschäft ein wichtiger Standort bleiben werde.

«Ich gehe davon aus, dass, wie schon früher kommuniziert, wichtige Bereiche in Baden verbleiben und Baden im Energiegeschäft von General Electric einen wichtigen Stellenwert haben wird,» sagt der Aargauer Regierungsrat Urs Hofmann.

Mit der jüngsten Entscheidung hat die EU-Kommission einmal mehr ihre Macht in Wettbewerbsverfahren unter Beweis gestellt. GE musste diese schon einmal erfahren, als die EU-Kommission 2001 den Kauf des US-Konzerns Honeywell untersagte.

Auch als die Kommission im Frühjahr ein Verfahren wegen des Alstom-Deals eröffnete, wiesen GE und Alstom zunächst jegliche Bedenken der EU zurück. Diese kritisierte, GE erhalte durch den Kauf einen Marktanteil von über 50 Prozent bei grossen Kraftwerksturbinen in Europa. GE antwortete lapidar, das sei ohnehin ein toter Markt.

EU-Kommission setzt sich durch

Doch die EU blieb hart. «Was wir wollen, ist wirksamer Wettbewerb in einem Markt, der einen direkten Einfluss auf die Strompreise hat», wie es Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager ausdrückt.

GE-Chef Immelt schlug darum einen diplomatischen Ton an. Zweimal traf er die EU-Wettbewerbskommissarin Vestager. Diese schien gestern erleichtert über den Kompromiss.

«Ich freue mich, dass wir dieses Vorhaben genehmigen und damit zeigen können, dass Europa wirtschaftsoffen handelt und dass Technologie aus Europa Potenzial hat und Investitionen aus dem Ausland anziehen kann.»

Ringen um Alstom – und GE

In Frankreich wurde das Placet der EU mit Erleichterung aufgenommen. Um Alstoms Energiegeschäft war im vergangenen Jahr ein Bieterkampf zwischen GE und einer Allianz aus dem deutschen Siemens- und dem japanischen Mitsubishi-Konzern entstanden, in den sich die französische Regierung direkt einschaltete. Immerhin hatte der Staat den angeschlagenen Konzern 2004 mit über 2 Milliarden Euro neuem Kapital saniert. Alstom hat in Frankreich derzeit rund 18 000 Angestellte. Der Konzern will sich nun auf den Transportbereich konzentrieren – aus seinen Werken stammt etwa der französische Hochgeschwindigkeitszug TGV.

Auch aus den USA kommen gute Nachrichten für den Deal: Das US-Justizdepartement gab gestern grünes Licht. Nach dem Kauf der Alstom-Energiesparte muss Immelt seinen Aktionären nun beweisen, dass er seinen Mischkonzern aufräumen kann.