Baden
Ex-Chef der öffentlichen Sicherheit: «Der Stadtrat stützte meine Entscheide»

Martin Zulauf prägte als Abteilungsleiter während 23 Jahren die öffentliche Sicherheit in der Stadt – beim Zivilschutz, der Feuerwehr und der Polizei. Er erinnert sich etwa an den Partyboom, als Polizisten in Schlägereien verwickelt wurden.

Roman Huber
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Martin Zulauf, Mensch mit Herz, Humor und Konsequenz, hat für Badens Sicherheit viel getan. Mathias Marx

Martin Zulauf, Mensch mit Herz, Humor und Konsequenz, hat für Badens Sicherheit viel getan. Mathias Marx

Dass vor wenigen Wochen sein Abschied aus dem Amtshaus trotz feierlichem Rahmen von Wehmut begleitet war, verwundert nicht. Martin Zulauf, Leiter Abteilung öffentliche Sicherheit der Stadt Baden, gehört zu jenen Personen, die sich nicht in den Vordergrund gedrängt haben, stets Mensch geblieben sind und viel bewirkt haben. Und schmunzelnd wird sogar vom Fusionsturbo gesprochen, hat er doch mehrere Gemeindepolizeien, Zivilschutzorganisationen und mit Ennetbaden auch eine Feuerwehrfusion erfolgreich umgesetzt.

An seine Anfangszeiten erinnert sich Martin Zulauf gerne. «Sepp Bürge war ein Stadtammann, der kurz und bündig entschied. Die Militärsprache gefiel mir. Ich erhielt von ihm Unterstützung, als ich diese neue Abteilung auf die Beine stellen konnte.» Viel habe sich beim Zivilschutz verändert: «Ich übernahm 800 Leute, das war 1991, als ich kurzfristig entschied, die Hälfte davon in die Reserve zu schicken.» Das gab Zündstoff, hat sich nach der Reform 95 aber als richtig erwiesen.

Zur Person

Martin Zulauf, Leiter Abteilung Sicherheit, ist im 65. Lebensjahr in Pension gegangen. Er wurde Ende Oktober von Martin Brönnimann abgelöst. Zulauf wohnt in Ennetbaden, wo seine Frau Regula als Kinesiologin eine Praxis führt. Sie haben zwei Kinder und vier Enkelkinder. Künftig wird er vermehrt in der Lombardei anzutreffen sein. Er führte an Badenfahrten und am Stadtfest das Ressort Sicherheit. Er war aufgrund seiner menschlichen Führung und seiner offenen Art sehr geschätzt. (-rr-)

Er glaubt an den Zivilschutz

Zivilschutz als Nagel- oder gar Jassclub zu bezeichnen, sei eine Frechheit. «Das erzählt man von den 80er-Jahren. Man ist längst dazu übergegangen, die Dienste gezielt zu fördern und das aktive Kader selbstständig arbeiten zu lassen. Das funktioniert in der eigenen Gemeinde gut.» Die Leute seien einfach zu motivieren: «Man muss den Zweck des Zivilschutzes erkennen und auch richtig umsetzen. Ich hatte die Möglichkeit dazu mit einer grösseren Organisation und in andern Gemeinden.» Zulauf glaubte an den Zivilschutz: «Er kann mit seinen Leuten, ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten viel für die Gemeinschaft leisten. Gerade im Bereich der Pioniere, die ihre Arbeiten sehr kompetent ausführen.» Paradebeispiel eines Einsatzes war eine Etappenankunft der Tour de Suisse: «Da hatten meine Leute beim Regeln des Verkehrs die Möglichkeit, Erlerntes eins zu eins umzusetzen.»

Zulauf setzte sich für seine Leute ein. Er brüskierte im Jahr 2010 die kantonalen Stellen, als der dem OK des Eidgenössischen Schützenfestes in Aarau die Helferdienste der ZSO Baden verweigerte. «Es geht nicht, dass der Zivilschutz zum Aufräumen, im Fundbüro oder bei der Munitionsabgabe missbraucht wird. Er soll eingesetzt werden, wofür er ausgebildet wurde», rechtfertigt sich Zulauf, und wird in seinem Ton energischer.

Das Glück in seiner Badener Karriere

Der kleine Kommandant, der rebellierte, das brachte ihm viel Sympathien, aber auch Kritik. Er riskierte seinen Job, liess es darauf ankommen – eine ganz andere Seite des Menschen Zulauf. «Auf der politischen Ebene hatte ich den uns angeschlossenen Gemeinden 100-prozentige Unterstützung. Mir persönlich ging es um die Sache und um meine Leute.» Dass ihm der Stadtrat den Rücken deckte, bezeichnete er als sein Glück in seiner Badener Karriere: «Meine Entscheidungen wurden gestützt, das war für mich wichtig.»

Die Feuerwehr war Neuland für den einst an der Leiter ausgebildeten einfachen Feuerwehrmann einer Berner Landgemeinde. Er verliess sich auf einen kompetenten Kommandanten. Das war zu Beginn Fritz Wanner, dann René Bernhard. «Ich wurde mit dem Kommando Feuerwehr vorübergehend betraut, als der vom Stadtrat gewählte Nachfolger von der Feuerwehr nicht akzeptiert wurde», erzählt Zulauf von einem bewegten Feuerwehrkapitel. «Als Toni Suter kam, wurde er Chef Einsatz und kurz danach Kommandant. Ich übernahm die Geschäftsleitung.» Dass der Fusionsversuch mit Wettingen nicht klappte, erklärt sieht Zulauf damit: «Die Feuerwehr war damals nicht bereit dazu. Heute mag das wieder anders sein.» Lokalchauvinismus in der Feuerwehr? «Das kann man so sagen. Aber das war in beiden Lagern so spürbar.D

Die Fusion, die glatt über Bühne ging

Der Badener Widerstand war aber ausschlaggebend, wie bei der Fusion mit Neuenhof. «In Baden hatten einige Leute oft das Gefühl, man spiele in einer höheren Liga, als man eigentlich ist», sagt der Ennetbadener unverblümt. Die Fusion mit Ennetbaden ging dann glatt über die Bühne. Auch hier hat Zulauf die Erklärung: «Heute weht ein anderer Geist. Da hat Toni Suter auch im menschlichen Bereich viel geleistet. Für die Ennetbadener war es sicher leicht. Ortsfeuerwehren sind heilige Kühe.»

Martin Zulauf war insbesondere Badens Polizeikommandant. In diesem Bereich hat sich laut Zulauf vieles verändert. Auch das Ansehen der Polizei, das unter einzelnen selbst ernannten «Sheriffs» gelitten hatte. «Früher wurde die Polizei oft belächelt. Das Polizeijournal im Badener Tagblatt las sich wie der Bericht eines Kabaretts», sagt Zulauf. Und lacht. Mit gutem Grund: Er hat den Beitrag, was für die BT-Leser lustig gewesen sein mag, gestrichen.

Einvernahmen und Anzeigen

Zulauf übernahm 1997 das Korps, als das Projekt Horizonte begann. Die Grundsatzfrage hiess Einheitspolizei oder duales System. Die Stadt Baden spielte auch im Sicherheitsbereich eine besondere Rolle im Kanton. Die Stadtpolizei anerbot sich als Pilotgemeinde. «Es stellte sich sehr früh die Frage, ob wir dieser Aufgabe gewachsen sind.» Zulauf erinnert sich: «Im Korps gab es Angehörige, die dem nicht gewachsen waren. Es kamen kriminalpolizeiliche Aufgaben dazu. Die Leute mussten Einvernahmen machen, Anzeigen schreiben. Das war sehr aufwendig und hatte einige Mutationen zur Folge.» Nicht immer lief es nach Wunsch. Zulauf hatte sich auch mit peinlichen Disziplinarfällen zu beschäftigen. «Mein Motto war stets die Flucht nach vorne, hinstehen, klarstellen, sich wenn nötig entschuldigen und schauen, dass es nicht mehr vorkommt.»

Es gab Zeiten, da war die Sicherheit in Baden ein Thema. Mit dem Partyboom stiegen die Probleme. «Polizisten wurden in Schlägereien verwickelt. Das konnten wir nur mit mehr Präsenz, also mehr Personal bewältigen. Zu meinen Anfangszeiten waren es 20, heute sind es 35 uniformierte Polizisten, die eine höhe Präsenz gewährleisten. Sie wurden von Verwaltungsaufgaben entlastet. 60 Prozent der Arbeit sind an der Front. Früher waren es 30 Prozent.» Zulauf erhielt die Unterstützung der Politik.

«Man muss mit den Leuten reden», lautete seine Devise. Die Kontakte mit den Partyveranstaltern und den privaten Sicherheitsdiensten waren für ihn sehr wertvoll. «Eine Wegweisung einer unliebsamen Person von Baden konnte nur dank ihnen und ihren Informationen vollzogen werden. Die Sicherheitsdienste sind heute auch verantwortlich für den Rayon ausserhalb des Lokals, «ob das ganz legal ist oder nicht». Wenn Probleme auftauchen, wird sofort die Polizei alarmiert. Wir sind rasch vor Ort, weil an kritischen Tagen zwei Patrouillen draussen unterwegs sind.

Alkoholkonsum bei Mädchen

Die Veränderung der Gesellschaft ist Zulauf nicht allein schuldig: «Wir leben heute nicht unsicherer als früher. Es sind Wellenbewegungen. Ich denke an die Jugendgewalt und Alkoholexzesse bei Jugendlichen. Vor zwei Jahren war der Alkoholkonsum bei Mädchen aktuell. Das ist heute wie verschwunden.

Jugendliche seien weniger das Problem: «Wir bekunden mehr Mühe mit Gruppen erwachsener Leute gegen 30, die sich in der Stadt austoben wollen und sich volllaufen lassen. Doch in vergangener Zeit hat sich auch das Gottseidank beruhigt.» Insgesamt, so Zulauf, sei jedoch der Respekt vor der Polizei eher gesunken.

Und Angehörige fremder Kulturen? «Die Probleme kommen und gehen. Mit dem Zustrom aus dem Kosovo hatte sich damals die Zahl der Ladendiebstähle markant erhöht. Es liegt auch in der Natur einzelner Völkergruppen, wenn sie schneller zu Gewalt neigen als andere.

«Es brauchtseine Zeit», kommentiert Zulauf seinen neuen Lebensabschnitt. «Das Schöne an diesem Beruf war für mich die Zusammenarbeit mit so viel verschiedenen Menschen.» Die Feuerwehr sei etwas für sich, der Zivilschutz, die Polizeiangehörigen ohnehin, und die Bevölkerung. «Die Kontakte haben mir viel Befriedigung und Erfüllung gebracht.» Doch der Zeitpunkt zu gehen, sei gut. Meine Frau hat vor zehn Jahren begonnen, sich damit auseinanderzusetzen. Sie wusste um meine zweite Leidenschaft, das Gärtnern. Sie hat ein schönes Haus in der Lombardei gefunden, «wo wir künftig viel Zeit verbringen werden». 6000 Quadratmeter. Das sei sein Traum gewesen.