Es sind die Spuren einer langen sportlichen Karriere, die sich in Niki (Nicolas) Böschensteins Leben nach wie vor im positiven wie im negativen Sinne zeigen. Die Leidenschaft für den Turnsport führte Böschenstein aus Würenlos einst als Hoffnungsträger in das Nationalkader des Schweizer Kunstturnteams.

Unzählige Höhepunkte, die er als fünffacher Schweizer Meister im Mehrkampf auch an Europa- und Weltmeisterschaften feierte, prägten seine Karriere genauso wie verletzungsbedingte Pausen. Auch seine Unerschrockenheit, als junger Turner in oder neben der Halle so manch eine Grenze auszuloten, hinterliess Spuren.

Seit er 2011 aus dem Kader ausgetreten war und damit dem Leistungszentrum in Magglingen den Rücken gekehrt hatte, ist Spreitenbach sein neues Zuhause geworden: «Ich habe mich bewusst für diesen Ort im Limmattal entschieden – die Nähe zu meiner Familie ist mir sehr wichtig. Gerade weil ich zehn Jahre weit weg von meinem familiären und kollegialen Umfeld verbrachte, schätze ich heute jede gemeinsame Minute umso mehr», sagt er. Seine sportliche Laufbahn begann als fünfjähriger Knirps beim TV Watt in Regensdorf.

Blut schwitzen

Vorbei sind die Zeiten, in denen er für internationale Wettkämpfe rund um die Welt reiste. Vorbei sind auch die unzähligen Stunden im Training, wo er sich vom Sprungtisch abstützte, um sekundenschnell durch die Luft zu wirbeln, oder wo er am Boden neben Krafthandständen und Spagat seine Schrauben in der Diagonale drehte.

Die Hände sind nicht mehr gezeichnet von der schützenden Hornhaut, die sich von den dynamischen Fliegern am Reck oder den schwingenden Elementen am Barren gebildet hatte: «Am besten turnte ich zwar am Barren, aber es war auch das Gerät, wo ich am meisten Blut schwitzte», sagt er.

Noch heute könne er sich gut an Schlüsselmomente in der Luft erinnern, wenn etwa das Leder eines Reckhandschuhs gerissen war oder eine Übung misslang und er nur noch auf eine weiche Matte hoffte, die ihn auffangen würde. Es erstaunt nicht, dass Böschenstein gewisse Turnelemente noch immer beherrscht, und so lautet seine Antwort auf die Frage eines möglichen Comebacks: «Wenn ich meine Ringhandschuhe wiederfinden würde, wer weiss» – vorläufig bliebe dies aber ein Traum.

Emotionen, die heute fehlen

Es war ein Abschnitt in seinem Leben, welcher von Disziplin und einer Emotionalität geprägt war, die er manchmal vermisst: «Diese intensiven Emotionen fehlen im Alltag komplett. Vor allem vermisse ich diesen Heisshunger nach dem Auspowern. Das kann man sich nicht mehr vorstellen, dieser grenzenlose Hunger, weil einem das Training restlos die Energie gekostet hatte», sagt er.

Ehrfurcht packe ihn hingegen beim Blick auf die Entwicklung, die sich in den letzten zehn Jahren in der Sportart – besonders bei den Männern – vollzogen habe. Die Vielseitigkeit und der Wandel zum Hang ins Extreme komme einer Explosion gleich: «Ich bin froh, dass es nicht mehr meine Zeit ist. Obwohl auch ich ein Draufgänger war, gilt das ‹Nonplusultra› von damals heute als bessere Einturn-Übung», so Böschenstein.

2007: Niki Böschenstein an den Ringen.

2007: Niki Böschenstein an den Ringen.

Die Reckstange beispielsweise sei nun mal noch immer dieselbe Reckstange geblieben. Dennoch würden damalige Highlights heute nur noch als Standardelemente gelten. Noch immer treffe er jährlich die Equipe des Schweizer Nationalkaders rund um Oliver Hegi, den Europameister am Reck, für dessen Leistungen er nur ein Wort findet: «Chapeau!»

Den Weg zurück nach einer solchen Karriere in eine alltäglichere Lebensweise hat Böschenstein bereits hinter sich: «Es war nicht immer einfach», sagt er rückblickend. Man falle nach so einem intensiv verplanten Trainingsalltag tief. «Plötzlich steht ein komplett anderes Leben vor der Tür, welches mit Dingen wie einem einfachen Mietvertrag beginnt. Um solche Angelegenheiten mussten wir uns nie kümmern. Zudem musste ich etwas finden, wofür ich aufstehe», erzählt er. Kurzum, nach dem Sport kam die Frage: «Was will ich jetzt, wer bin ich und was kann ich?»

Ein neues Leben

Heute nutzt Böschenstein sein Know-how und seine erworbenen Sprachkenntnisse für seine Tätigkeit als diplomierter Fitnesstrainer in Baden. Der Plan sei aufgegangen, obwohl er kämpfen musste. Manchmal musste er sich aufgrund von Geldmangel auf eine Spaghetti-Woche einstellen, weil er sich mit 28 Jahren und abgeschlossenem Handelsdiplom nochmals für ein Praktikum entschied. «Dafür erfüllt mich heute mein Beruf und ich kann alles anwenden, was mich das Training und das Kunstturnen gelehrt hatte. Ich berate Menschen im Jugendalter bis hin zu älteren Menschen von über 80 Jahren in verschiedenen Sprachen auf dem Weg zu einem fitteren Leben.»

Es gäbe neben Personen, die aus ästhetischen Gründen und dem Wunsch eines trainierten Körpers das Studio aufsuchen, eben auch jene, die verletzungsbedingt trainieren müssten. Auch er selbst müsse nach wie vor jeden zweiten Tag Bauch und Rücken gezielt trainieren, weil sonst der durch die Karriere beanspruchte Körper zusätzlich leide. Ein Spruch, der ihn deshalb begleite und ihm in seiner aktiven Zeit damals mitgegeben wurde, lautet: «Turne, turne, turne von der Wiege bis zur Urne – und das hat was», lacht er.

Böschenstein kennt die kleinen Schritte zur Besserung nach einer Verletzung nur zu gut, und so äussert er sich zum Comeback des Schweizer Kunstturnstars Giulia Steingruber auch gelassen: «Natürlich kommt sie zurück!» – solche Verletzungen seien bitter, aber schon manch ein Profi habe einen Kreuzbandriss überwunden und sei in dieser Sportwelt zur Spitze zurückgekehrt.

Einblicke beim STV Neuenhof

Für die nahe Zukunft möchte sich Böschenstein zusätzlich zum Ernährungsberater ausbilden lassen, was ihm ein umfassenderes Coachen ermöglichen würde. Noch immer schaue er ab und zu – aufgrund der Arbeit leider viel zu selten – bei seinem ehemaligen Verein STV Neuenhof vorbei.

«Auch meinem Kind, wenn ich denn Vater wäre, würde ich das Kunstturnen empfehlen und den Weg zur Karriere ebnen», sagt er. Heute gäbe es weitaus flexiblere Gestaltungsmöglichkeiten unter den Profisportlern, so etwa auch die Chance auf ein Studium und generell eine bessere Struktur und Professionalität in Magglingen, was sich auch an der Nähe des Wohnortes zwischen Betreuer und Turner zeige, die er damals vermisste.