Baden

Ex-Nati-Goalie und Nonne im Kulturcafé: Gott hilft nicht beim Tore schiessen

Im Rahmen der Reihe «Tremp und Gäste – Geschichten aus Baden» sprach der Journalist Urs Tremp diesen Sonntag im Kulturcafé mit Schwester Mirjam und Jörg Stiel, ehemaliger Schweizer Fussballtorhüter und Nati-Captain. Das ungleiche Paar gab Einblick in ihren ungewöhnlichen Alltag und stellte fest, dass ihre Welten so unterschiedlich nicht sind.

Es sind keine alltäglichen Karrieren, für die sich Schwester Mirjam und Jörg Stiel entschieden haben – und sie könnten wohl unterschiedlicher nicht sein. Dass Urs Tremp früher oder später die Gretchenfrage stellen würde, wie Fussball und Religion denn zusammengehe, hatte Jörg Stiel bereits befürchtet.

In seiner Zeit beim mexikanischen Fussballclub Toros Neza, bei dem er Mitte 20 unter Vertrag war, sei er jeweils peinlich berührt gewesen, erzählt er, wenn die Spieler vor einem Match im Aztekenstadion in Mexikostadt in die stadioneigene Kapelle beten gingen, sich auf dem Platz bekreuzigten oder die Hände gen Himmel erhoben. «Wenn das der Gegner ja auch macht, haben wir am Schluss Gleichstand», sagt er mit einem Lachen.

«Glaube ist für mich etwas, dass man für sich praktiziert», erzählt der ehemalige Spitzensportler, der heute eine Form von Transzendenz in Meditation und Yoga findet. Auch Schwester Mirjam pflichtet ihm bei, dass «ein Spieler wahrscheinlich nicht mehr Tore schiessen werde, wenn er bete», auch wenn Gebete ihren persönlichen Alltag durchaus strukturieren und sie in den Sorgendiensten am Kloster Ingenbohl oft für andere mitbetet.

Es sind unterschiedliche Lebenswege, die Schwester Mirjam und Jörg Stiel beschritten haben. Gemein ist ihnen jedoch, dass die Entscheidung diesen Weg zu gehen mit vehementer Bestimmtheit gefällt wurde. Für Jörg Stiel war schon im Alter von zwölf Jahren klar, dass er Fussball-spielend sein Geld verdienen wollte. Was für viele andere ein Jugendtraum blieb, setzte Stiel als einer der ganz Wenigen in die Realität um.

Ob es nie einen Plan B gegeben hätte, fragt Urs Tremp. «Den gab es, aber er war der meines Vaters.» Dass für ihn selbst nicht wirklich eine Alternative infrage kam, bewies er mit einem Ehrgeiz, der bald erste Früchte tragen sollte: Anfang 20 spielte er beim FC St. Gallen, mit dem er 2000 Schweizer Meister werden sollte. Dazwischen wurde er in Zürich und Mexiko unter Vertrag genommen. In seiner letzten Phase als Torhüter war er beim deutschen Bundesligisten Borussia Mönchengladbach.

Für Schwester Mirjam dauerte es etwas länger, bis sie wusste, dass sie ins Kloster gehen würde. Margrit Oeschger, wie sie damals hiess, besuchte im Alter von 18 Jahren das erste Mal ein Kloster und war erstaunt darüber, wie normal die Frauen in dem Kloster Cazis waren. «Damals kursierten im Blauring noch allerlei Vorstellungen von schaurigen, mittelalterlichen Klöstern.», erzählt sie. Margrit Oeschger hatte zu dieser Zeit noch einen Freund, doch die Begeisterung für das Klosterleben war für die in einer katholischen Familie grossgewordene junge Frau von nun an da. Schliesslich verliess sie ihren Freund, um in eine «lebendige Beziehung zu Gott» zu treten. Sie legte ihren Mädchennamen ab und nahm den Namen Mirjam an, den aramäischen Namen von Maria. «Das ist so, wie man seinen Namen wechselt, wenn man heiratet», sagt Schwester Mirjam und vergleicht ihre Beziehung zu Gott auch sonst gern mit einer Partnerschaft: «Manchmal denkt man an den Partner, manchmal nicht.»

Die Entscheidung für das Kloster war für Schwester Mirjam eine, die zwar gewisse Türen schloss, wie beispielsweise eine eigene Familie zu haben oder auf reisen zu gehen, dafür andere öffnete. Und dies sei auch im Sport so: «Mit der Fokussierung auf etwas, kriegst du so viel anderes dazu.», erklärte Jörg Stiel. Im Kloster, wie im Fussball steht die Gemeinschaft im Zentrum. Sei dies unter den Schwestern oder Teamkameraden, sei dies in der «Verbindung stiftenden Funktion», die sowohl eine Fussballmannschaft, wie ein gemeinsamer, religiöser Glaube haben kann.

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