Politik kann brutal sein – an Wahltagen ganz besonders. Diese Erfahrung musste Max Chopard-Acklin am 18. Oktober machen. Am Morgen stand er als Nationalrat auf, am Abend ging er als ehemaliger Nationalrat ins Bett. Die SP verlor überraschend als einzige Aargauer Partei einen Sitz. Chopards Sitz.

Drei Monate sind seither vergangen. Max Chopard sitzt am Stubentisch in seinem kleinen Einfamilienhaus in Nussbaumen, vor sich eine Tasse Filterkaffee, zu seinen Füssen Hündin Aisha, und sagt: «Die SP hat ein Prozent mehr geholt als die FDP, aber wegen der Listenverbindungskonstellation trotzdem einen Sitz weniger erhalten. Das fuchst mich immer noch.» Für ihn deshalb keine Abwahl, sondern eine Nicht-Wiederwahl, darauf legt er Wert.

Die Enttäuschung ist verdaut, Chopard wirkt gelassen, nimmt sich viel Zeit für Gespräch und Fotos. Zeit, von der er seither wieder deutlich mehr hat. «Ich bin überrascht, wie viele Freiräume sich plötzlich wieder bieten.» Einmal pro Woche gehen Chopard und seine Frau nun ins Kino. «Das haben wir davor nie geschafft.» Erst jetzt sei ihm bewusst geworden, wie viel Zeit das Mandat beansprucht hat.

Doch auch wenn Chopard seine neu gewonnenen Freiheiten geniesst, das Ende seiner Zeit im Nationalrat bedeutet nicht das Ende seiner Zeit in der Politik, das machte er schon kurz nach dem Wahlsonntag klar. Wie es weitergehen wird, liess er allerdings offen. Nun steht fest: Chopard zieht es wieder ins Parlament – ins kantonale. 13 Jahre politisierte er bereits im Grossen Rat, nun möchte er dorthin zurückkehren. «Ich kandidiere bei den Wahlen im Oktober als Grossrat», kündigt er an. Der 49-Jährige sagt, er habe viel Erfahrung dazugewonnen und die Lust an der Politik noch nicht verloren. Und: «Ich fühle mich zu jung, um mich politisch pensionieren zu lassen.»

Für einen Rückschritt hält er dies nicht. Die kantonale Politik sei für ihn genauso reizvoll. Die Themen, die ihn seit Jahren antreiben, sind auch auf Kantonsebene aktuell. Die soziale Sicherheit, die Energiewende – und die Deindustrialisierung. In einem Vorstoss warnte er schon früh vor einem drohenden Verlust der Arbeitsplätze im Falle einer Übernahme von Alstom durch General Electric. «Nun ist leider eingetroffen, was ich befürchtet habe.» Die angekündigte Massenentlassung bei Alstom zeigt ihm, dass eine aktive Industriepolitik nötig ist. Und: «Die Schweiz braucht auch heute noch Gewerkschaften.» Er selbst trat als 18-Jähriger der Gewerkschaft bei – und engagierte sich schon früh. Gleich nach der Lehre als Maschinenschlosser sammelte er auf dem Gelände der BBC in Baden Geld, um ein selbstgestaltetes Zeitungsinserat schalten zu können: ein Aufruf zur Demonstration gegen Entlassungen im Zuge der Fusion von BBC und Asea. «Ein Schlüsselmoment» für ihn. «Das hat mich geprägt und politisiert.» Politisiert habe ihn auch die Jugendbewegung der 80er-Jahre, mehr noch als das politische Elternhaus, wie er sagt. Chopards Vater sass 18 Jahre für die SP im Nationalrat – und verpasste dann ebenfalls die Wiederwahl.

Der Fabrik blieb Chopard treu, während zweier Jahrzehnte. In den 1990er-Jahren arbeitete er bei der Adtranz in Oerlikon. Mit seinem Team baute er Lokomotiven – unter anderem das rote Bahn-2000-Modell, das noch immer auf Schweizer Schienen unterwegs ist. Kurz nachdem der Daimler-Chrysler-Konzern die Firma übernommen hatte, verkündete die neue Führung ihre Pläne, die Fabrik zu schliessen, Leute zu entlassen. «Kapazitäten vernichten» hätten die Manager dies gegenüber der Belegschaft genannt. «Den Ausdruck vergesse ich nie mehr», sagt Chopard und schiebt die Brille hoch, die ihm von Zeit zu Zeit die Nase runterrutscht. Bei ihm zu Hause sprayten er und seine Mitarbeiter ihre Botschaft auf ein Leintuch: «Wir kämpfen für unsere Jobs.» Am Tag darauf liefen sie damit durch die Fabrik, die anderen Arbeiter schlossen sich ihnen an. Bilder des Protests schafften es in die Medien.

Den Verkauf des Eisenbahngeschäfts konnten die Protestierenden rauszögern, aber nicht verhindern. Chopard bewies sein gewerkschaftliches Geschick; das entging auch der Unia nicht. Später wurde er zu ihrem Gewerkschaftssekretär.

Ihm sei immer wichtig gewesen, Milizpolitiker zu sein, sagt Chopard. Wegen der Bodenhaftung, aber auch «weil man in der Politik nie weiss, wie es rauskommt». Eine Strategie, die sich nun auszahlt. Von einem Tag auf den anderen stand er ohne Nationalratsmandat da. Existenzielle Fragen quälen den Vater einer erwachsenen Tochter trotzdem nicht. 50 Prozent hat er seit 2013 als Projektleiter in der Umweltarena Spreitenbach gearbeitet.

Nach dem Wahlsonntag erhielt er das Angebot, sein Pensum aufzustocken. Seit Anfang Jahr arbeitet er nun 80 Prozent. «Die Arbeit macht mir sehr viel Spass.» Er organisiert Wechselausstellungen, die er initiiert hat, führt Besuchergruppe durch die Umweltarena, erklärt ihnen, warum sich «Ökonomie und Ökologie nicht ausschliessen». Auch den Fotografen und den Journalisten führt er zum Schluss um sein Haus, zeigt die Solarpanels auf seinem Dach, die Photovoltaikanlage auf der Garage. Er öffnet die Garagentür. Dahinter verbirgt sich ein knallroter Kleinwagen – elektrobetrieben, natürlich.