Von einem Vorgesetzten denkt man meistens, dass sie exakt strukturiert, eher kühl und kalkuliert vorgehen, alle Geschäftsdaten genau kennen, hie und da mal hart sind und bestimmt einen persönlichen Abstand halten zu ihren Angestellten.

Nicht so Marco Hunziker. 15 Jahre lang hat der heute 39-Jährige im Badener Pub Mr. Pickwick gearbeitet, knapp 12 Jahre davon war er dort Geschäftsführer. Hört man sich bei seinen ehemaligen Angestellten um, sagen sie: «Marco war unser Chef, doch im Herzen ist er Barkeeper geblieben.» Sein informeller Stil und seine sympathische Unbekümmertheit hätten zwar schon hie und da dazu geführt, dass die Arbeitspläne der Barleute etwas spät zusammengestellt wurden. Doch für sie sei Marco – das Du war auch beim Interview mit der az von Anfang an gegeben – vor allem eines gewesen: ein herzensguter Chef. Einer, der angstfrei Menschen an sich heranlässt und der findet, dass man auch Spass haben soll bei der Arbeit. «Man verbringt so viel Zeit mit Arbeiten. Wenn man keinen Spass hat, macht man etwas falsch», sagt Marco Hunziker. «Man muss als Chef schon eine klare Linie fahren. Aber als Team soll man auch eine gute Zeit miteinander haben.»

Neues Ziel: Weltreise

Nach den vielen Jahren im «Piwi», wie das Mr. Pickwick Pub in Baden genannt wird, will Marco Hunziker nun in die Welt hinaus. Ende März war sein letzter Arbeitstag. Vor wenigen Tagen ist er mit seiner Ehefrau Angie abgereist in Richtung Südafrika, wo er geboren und aufgewachsen ist. Von dort aus werden die beiden gemeinsam auf Weltreise gehen. «Wir haben entschieden, dass wir das tun wollen, bevor wir Kinder bekommen – jetzt oder nie», sagt er, und fügt gut gelaunt hinzu: «Das Geld sollte reichen, sonst müssen wir halt unterwegs arbeiten.»

Von Südafrika aus werden die beiden nach Namibia ziehen und in Safaris quer durch den afrikanischen Kontinent bis nach Kenia fahren. Genau 41 Tage haben sie für Afrika einberechnet. Fragt man nach solch genauen Daten, zieht Marco Hunziker stets seine Ehefrau Angie hinzu. «Du bist besser mit Daten», sagt er ihr liebevoll. Worauf sie sogleich eine kleine Weltkarte zückt, auf der alle Reisestationen inklusive Ankunftsdaten abgebildet sind. Stolz verkündet er humorvoll: «Darum habe ich sie geheiratet.» Zum herzlichen Chaoten bringt sie die nötige Ordnung. Man spürt sogleich, wie gut sich das Paar ergänzt.

In Kenia werden sie Afrika verlassen in Richtung New York. USA, Kanada und Teile der Karibik stehen auf dem Reiseplan, ehe sie nach Südamerika ziehen. «Südamerika hat uns eigentlich nie gross angezogen», sagt Angie Hunziker, worauf Marco Hunziker hinzufügt: «Ich wollte aber unbedingt auf die Osterinsel gehen und diese berühmten Skulpturen sehen.» Da man die Osterinsel aber nur von Santiago de Chile aus anfliegen kann, haben sie nun einen Ausflug durch Peru und Bolivien eingeplant. «Wir wissen nicht, was uns dort erwartet. Das wird eine Überraschung», sagt er.

Im «Piwi» verliebt, in China verlobt

Von der Osterinsel soll es weiter gehen nach Tahiti, Neuseeland und Australien, ein paar Monate später dann nach Südostasien und nach China – wo sie sich die beiden vor Jahren verlobt haben. Kennen gelernt und verliebt hatten sie sich im «Piwi», wo Angie rund ein Jahr lang gearbeitet hatte. 2009 ging sie zum Studieren nach China. Und bevor er sie in Peking besuchen ging, entschloss sich Marco, ihr einen Heiratsantrag zu machen. «In diesen Sachen bin ich schon noch ein bisschen altmodisch», sagt er. Zunächst hielt er bei ihren Eltern um die Hand ihrer Tochter an. «Als ich zu ihnen kam, dachte Angies Mutter zuerst: ‹Willst du etwa Schluss machen?›», erzählt er. «Ich sagte dann: ‹Nein, gerade umgekehrt, ich möchte sie heiraten.›» Ihre Mutter sei anfangs noch leicht skeptisch gewesen, ihr Vater hingegen sofort begeistert. «Angie hat super Eltern, die mich akzeptiert haben», sagt Marco Hunziker. «Sie sind meine Familie hier in der Schweiz.»

Den Antrag hat Marco Hunziker eigentlich auf der berühmten Chinesischen Mauer machen wollen. Doch Angie hatte den Ausflug an die Mauer erst auf zwei Wochen nach seiner Ankunft in Peking geplant gehabt. «Ich war so nervös und hatte solche Angst, den Ring zu verlieren», erzählt er. «Ich hielt es nicht mehr aus und habe ihr den Antrag schon am ersten Tag gemacht.» Darauf schaut ihn Angie an und sagt: «Es war perfekt.»

Nach dem Wiedersehen mit China gehen die beiden nach Japan und schliesslich zurück nach Südafrika. «Dort will ich mir dann Zeit nehmen, um bei meiner Familie zu sein», sagt Marco Hunziker. Er ist der Dritte von drei Söhnen eines Schweizer Vaters und einer deutschen Mutter, die in der Schweiz aufgewachsen ist. Weil seine Schweizer Grosseltern nicht goutiert hätten, dass sein Vater mit einer Deutschen zusammen ist, seien seine Eltern nach Südafrika ausgewandert. «Ursprünglich waren nur Flitterwochen geplant. Aber weil es so schön war, sind sie geblieben.»

Könnte dasselbe Angie und Marco widerfahren? Den Rückflug haben sie jedenfalls schon mal für Februar 2015 gebucht. «Wir werden nach einem Jahr Reisen sicher sehr gerne in die Schweiz zurückkehren», sagt Marco Hunziker. Er sei gerne hier, auch wenn seine Wurzeln in Südafrika sind und er seine Mentalität von dort habe. «Ich bin beides. Mein Herz ist in Südafrika und meine Seele in der Schweiz, oder so.» Als 19-Jähriger hatte er bereits in Südafrika als Kellner gearbeitet. «Aber ich wollte die Welt sehen.» Damals befand sich Südafrika gerade auf dem Weg aus der Apartheid. «Meine Eltern wollten, dass ich ins Militär gehe.» Er verliess Südafrika, als Mandela noch im Gefängnis sass, und ging für eine Zeit nach Israel. Für die Abstimmung über das Ende der Rassentrennung kam er aber zurück. «Das war ein wichtiger Moment für das Land.» Doch wieder in Südafrika merkte er bald, dass er wieder weg musste, um weiterzukommen. «Ich hatte noch diesen ‹Reise-Bug›.»

So flog Marco Hunziker in die Schweiz, wo sein Bruder lebte. «Nach zwei Wochen war ich bankrott. Ich hatte nicht gedacht, dass hier alles so teuer ist», erzählt er. Er begann als Kellner zu arbeiten in Zürich. 1997 kam er dann zum ersten Mal nach Baden, just während der Badenfahrt. «‹Ist das eine geile Stadt!›, dachte ich mir.» Er zügelte sogleich nach Baden und wusste dann, dass er mindestens zehn Jahre bleiben musste, um wieder eine Badenfahrt zu erleben.

Vom Barmann im Nu zum Chef

«Ich war schon in Südafrika ein Pub-Mensch», sagt Marco Hunziker. So ging er im «Piwi» vorbei und fragte nach einem Job. Er bewarb sich und erhielt eine Stelle als Assistent des Geschäftsführers. Zwei Jahre später wurde sein Chef zum Schweizer
Mr.-Pickwick-Chef befördert und er wurde Geschäftsführer der Filiale in Baden. «Ich hatte Glück», sagt er. Zwischendurch ging er für ein halbes Jahr auf Reisen, kam zurück und arbeitete sich wieder vom Barmann zum Geschäftsführer hinauf.

«Weil ich in der Schweiz keine Familie hatte, wurde das Mr. Pickwick zu meiner Familie», sagt er. «Ich werde den Laden sehr vermissen und die Leute hier sowieso – denn es sind sie, die das ‹Piwi› ausmachen.» Trotz Wehmut: Auf die Weltreise mit seiner Ehefrau freue er sich natürlich. «Veränderungen tun gut, da wächst man als Mensch.» Und auch auf die Rückkehr nach Baden. «Der Ort ist mir ans Herz gewachsen. Baden ist mein Zuhause.» Er sei gespannt, wie sich die Stadt in einem Jahr verändern werde. Die Südafrika-Flagge am Eingang des «Piwi», die er aufgestellt hat, bleibt vorerst hängen. «Wenn ich zurückkomme, werde ich hier wohl als Gast anzutreffen sein», sagt er. «Vielleicht versuche ich, einen eigenen Laden zu eröffnen – das sehe ich dann.»