Baden
Experten warnen: Kulturerbe der Bäder ist bedroht

Historiker Bruno Meier und Archäologin Andrea Schaer orten beim Bäderprojekt mangelndes historisches Bewusstsein bei der Bad Zurzacher Stiftung.

Martin Rupf
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Das Verenabad auf dem Kurplatz um 1812: Wird der Bädergeschichte beim Bau des neuen Bads Rechnung getragen?historisches Museum

Das Verenabad auf dem Kurplatz um 1812: Wird der Bädergeschichte beim Bau des neuen Bads Rechnung getragen?historisches Museum

Historisches Museum

Seit Mitte Januar künden die Bagger im Bäderquartier das neue Kapitel an – in rund zwei Jahren eröffnet das neue Thermalbad. Der Badener Historiker Bruno Meier freut sich zwar auf das neue Bad, äussert aber auch kritische Worte: «Ich bin sehr besorgt. Besorgt, dass die federführende Gesundheitsstiftung dem kulturellen Erbe der Bäder zu wenig Beachtung schenkt.»

Aufgrund vieler Rückmeldungen und Beobachtungen deute leider vieles darauf hin, dass die Bauherrschaft in Sachen kulturelles Erbe wenig Sensibilität an den Tag lege. «Mir geht es nicht darum, das ganze Konzept infrage zu stellen», so Meier. Um gleichwohl zu relativieren: «Es ist schade, dass der klassischen Hotellerie nicht mehr Platz eingeräumt wird.» Meier spricht damit auch die Tatsache an, dass in den ehemaligen Hotels Verenahof, Bären, Ochsen nicht wie ursprünglich geplant ein Gesundheitshotel, sondern nun eine Privatklinik mit 78 Zimmern entstehen soll.

Bruno Meier liegt es fern, aus dem Bäderquartier ein Museum zu machen. Doch für den Historiker ist klar: «Wir haben hier eine mehr als 2000-jährige Bädergeschichte. Das ist unsere Marke, mit der wir uns von anderen Bädern abheben können. Die Geschichte sollte Teil des Marketings sein.» Denn die Architektur von Mario Botta alleine reiche nicht, sich von der Konkurrenz abzuheben. Meier argumentiert nicht nur historisch: «Ich bin überzeugt, dass sich dieses historische Kapital in ökonomisches Kapital umwandeln lässt.»

Neue Visualisierungen: So soll das neue Thermalbad Baden aussehen.
15 Bilder
Sauna.
Restaurant.
Innenansicht Badebereiche.
Schwimmbecken.
Aussenansicht.
Aussenansicht.
Aussenansicht.
Thermalbad Baden: So sieht das Botta-Bad von innen aus
So soll das neue Thermalbad Baden aussehen. (Visualisierung)
So soll das neue Thermalbad Baden aussehen. (Visualisierung)
So soll das neue Thermalbad Baden aussehen. (Visualisierung)
So soll das neue Thermalbad Baden aussehen. (Visualisierung)
So soll das neue Thermalbad Baden aussehen. (Visualisierung)
So soll das neue Thermalbad Baden aussehen. (Visualisierung)

Neue Visualisierungen: So soll das neue Thermalbad Baden aussehen.

zvg

Meier: «Auch Stadt in der Pflicht»

Baden besitze zwar nicht die grossen Denkmäler wie andere, internationale Bäderorte. Doch in der Summe der Überreste verfüge Baden über eine einzigartige Vielfalt von Zeugen aus 2000 Jahren Geschichte. «Das betrifft nebst den vorhandenen Gebäuden wie dem Hotel Blume oder dem Verenahof mit geschützten Fassaden oder Innenhöfen vor allem die Quellen und Bäder in den Untergeschossen.» Diese Summe an Zeitzeugen sei einzigartig in ganz Europa. Meier glaubt zwar nicht, dass diese Zeitzeugen akut gefährdet sind. «Die Quellen in den Kellern schützen sich ja quasi selber. Aber ich befürchte, dass diese historischen Komponenten im ganzen Projekt zu wenig vermittelt und zugänglich gemacht, sondern viel mehr ‹eingesargt› werden. Damit würde man eine grosse Chance verspielen.» Natürlich würde sich nur eine Minderheit der künftigen Bad-Besucher für das historische Erbe interessieren. «Doch bei einer geschätzten Zahl von rund einer halben Million Besuchern jährlich ist auch diese Minderheit ziemlich gross.»

Auch die Stadt sei in der Pflicht, findet Historiker Meier. «Man sollte doch alles daransetzen, unserer Stadt – die im Tourismus vor Beginn des Bergtourismus die Nummer 1 in der Schweiz war – wieder das Bäder-Image zurückzugeben.» Gleichzeitig ist Meier auch realistisch. «Das Image hat in den letzten Jahren arg gelitten. Es wird sicher 20 bis 30 Jahre dauern, bis Baden wieder mit baden gleichgesetzt wird.»

Schaer: «Spüre Faszination nicht»

Auch Andrea Schaer schlägt kritische Töne an. Sie ist Autorin des Bäderkapitels in der Badener Stadtgeschichte, hat seit Jahren für die Kantonsarchäologie Aargau das Bäderprojekt betreut und kennt sich mit der Materie bestens aus. Ab März ist sie beim archäologischen Dienst des Kanton Bern als Ressortleiterin angestellt. «Ich bleibe dem Bäderprojekt aber erhalten, da ich das Projekt auf Mandatsbasis bis zur Vollendung weiter begleiten werde», sagt Schaer. «Benno Zehnder, der langjährige Antreiber der Bäderprojekte, und ich haben immer viel in die Kommunikation nach aussen investiert.» Auch wenn die Zusammenarbeit mit Zehnder nicht immer einfach war, so seien sie doch beide von Anfang an von diesem Ort und seiner Geschichte fasziniert gewesen.

«Diesen Geist, diese Faszination spüre ich bei der Gesundheitsstiftung ehrlich viel weniger», sagt Schaer. Beispiel: «Einer Vielzahl von Führungen und Referaten, die ich im Auftrag und gemeinsam mit Benno Zehnder realisiert habe, steht noch keine für die Stiftung gegenüber.» Oder im November 2014 wurde in Baden die Tagung «Bäder – touristisches Erbe und kulturhistorisches Potenzial» durchgeführt, an der auf Schaers Initiative Fachleute aus den Bereichen Archäologie, Kulturgeschichte, Planung und Tourismus aus ganz Europa teilgenommen haben. «Trotz meiner expliziten Einladung war von der Stiftung niemand anwesend; auch nicht an der öffentlichen Podiumsdiskussion. Deren Marketingverantwortlicher wurde offenbar nicht einmal über den Anlass informiert», sagt Schaer. Es sei aber gesagt, dass die Stiftung die Tagung wie auch ihre Publikation zu Funden aus Bad Zurzach mitgesponsert habe. «Auf dieser Ebene geht kulturelles Engagement erfreulicherweise schon.»

Auch die Archäologin ist überzeugt: «Die Geschichte der Bäder ist der in Marketingkreisen oft zitierte USP, also das Alleinstellungsmerkmal, dank dem man sich von anderen Bäder- und Kurorten abheben kann. Über Jahrhunderte war Baden der bedeutendste Kurort in Europa, daran sollte man doch anknüpfen.»

Was ihr wirklich Kopfzerbrechen bereite, sei Folgendes: «Sehr früh im ganzen Planungsprozess diskutieren Fachplaner, Ökonomen und Techniker sehr viel Technisches und Betriebswirtschaftliches.» Dabei würden schon sehr früh Pflöcke eingeschlagen, und damit womöglich Chancen verbaut, um das Potenzial des kulturellen Erbes zu nutzen. «Ich vermisse eine grundsätzliche Haltung, einen Gesamtblick und ein Konzept, wie dieses Potenzial erhalten und genutzt werden soll.» Schaer betont, dass sie aber einen sehr guten Kontakt und Austausch zum verantwortlichen Architekten Mario Botta pflege, «was mich dann doch etwas zuversichtlich stimmt».

Stiftung: «Wissen um Bedeutung»

Stephan Güntensperger, Projektverantwortlicher bei der Stiftung Gesundheitsförderung Bad Zurzach+Baden, hält diese Befürchtungen für nicht gerechtfertigt. «Wir wissen sehr wohl um die Geschichte der Bäder und deren Bedeutung für die Stadt, sind wir doch schon seit 17 Jahren mit RehaClinic und unserer Stiftung «Freihof» in Baden präsent.» Man sei darum bemüht, die verschiedenen Elemente der Geschichte mit ökonomischen Aspekten zu verknüpfen. «Wenn man aber im Bäderquartier einfach alles konservativ erhalten wollte, dann wären das neue Thermalbad und die Reha-Klinik nicht realisierbar.» Güntensperger gibt auch zu bedenken: «Wir haben grosse Erfahrung und verfügen über viel Know-how in der Führung und im Betrieb von Rehabilitationskliniken. Die RehaClinic als Tochtergesellschaft unserer Stiftung gehört zu den führenden Anbietern von Rehabilitationsleistungen in der Schweiz. Zudem betreiben wir schon heute in Bad Zurzach und Bad Säckingen zwei Thermalbäder.»

Die Stiftung erachte das kulturelle Erbe als absolut wichtig, weshalb auch extra eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen worden sei, in der nebst Bauplanern und Innenarchitekten auch Vertreter der Stadt Einsitz hätten. Jetzt schon konkrete Ideen zu nennen, sei noch zu früh», so Güntensperger. «Zusammen mit der städtischen Kulturvermittlung werden wir jetzt prüfen, wie und in welchem Mass die historischen Quellen zugänglich gemacht werden können.» Sämtliche von den kantonalen Stellen für Archäologie und für Denkmalpflege als erhaltens- oder zumindest prüfenswert deklarierten Gegenstände aus vergangenen Zeitepochen würden sorgsam gelagert und seien von der Beauftragten Andrea Schär lückenlos inventiert worden.

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