An einem Dienstag im Juli 2014 nimmt Demir, 20, Türke, mit der damals 17-jährigen Latifa Kontakt auf (Namen geändert). Sie chatten über Facebook, verabreden sich für den Nachmittag. Die beiden kennen sich nicht.

An der Bushaltestelle beim Einkaufszentrum Shoppi Tivoli in Spreitenbach wartet Demir auf Latifa. Sie spazieren, sprechen und gehen zu seiner Wohnung. Demirs Eltern sind nicht zu Hause, nur der kleine Bruder.

Diesen Dienstag wurde Demir von zwei Polizisten ins Bezirksgericht Baden geführt. Kurze Haare, Brille, flaumiger Bartwuchs. Er sitzt bereits in Untersuchungshaft – versuchter Raub im Kanton Zürich. Zuvor hatte das sechsköpfige Gericht Latifa befragt. Sie will dem Beschuldigten nie wieder begegnen.

Sie trägt lange schwarze Haare, einen weiten Pullover mit grosser Kapuze – es scheint, als möchte sie in ihren Kleidern verschwinden. Bei der Tat wog sie gerade mal 38 Kilogramm. Sie leidet an Magersucht, noch heute. Latifa spricht nicht, sie flüstert. Mehrmals muss ihr Mikrofon lauter gestellt werden.

«Ey, seg das niemmertem!!!»

Den Dienstag im Juli kann sie nicht vergessen. Wann immer sie beim Tivoli vorbeifahre, denke sie daran.

Was geschah in Demirs Zimmer? Beide sitzen auf dem Bett, unterhalten sich. Demir will Latifa küssen. Sie wendet sich ab. Er berührt sie, will ihr die Leggins ausziehen. Sie wehrt sich, fällt vom Bett. Demir wird aggressiv, hebt sie aufs Bett, zieht ihr die Leggins aus samt Unterhose. Latifa hat Angst, sie wehrt sich nicht mehr, hofft, dass es schnell vorbeigeht.

Demir sagt, sie habe gestöhnt und es genossen. «Es war ein Weinen», sagt Latifa. Nach der Vergewaltigung fragt sie, ob sie eine Zigarette rauchen dürfe. Sie denkt, es wäre vorbei. Kaum hat sie fertig geraucht, drückt Demir sie abermals aufs Bett und vergewaltigt sie erneut. Danach gibt er ihr ein paar Franken – für das Busticket zurück.

Es regnet. Ein paar Stunden danach meldet sich Demir bei Latifa auf Facebook: «Ey, seg das niemmertem!!!», schreibt er.

Später meint er, es tue ihm leid, er sei zu spitz gewesen. Und dann: «Besser für dich wen ruhig blibsch.» Latifa geht noch am selben Tag ins Spital und zur Polizei.

An der Verhandlung sagt der Angeklagte Demir, sie habe es auch gewollt. Ihre Abwehrsignale seien nicht eindeutig gewesen. In seine Wohnung gingen sie nur, weil er nicht mit ihr gesehen werden wollte – sie habe ihm nicht sonderlich gefallen.

Als sie sich verabschiedeten, habe er zu Latifa gesagt, er wolle keinen Kontakt mehr mit ihr. Erst dann habe sie zu weinen begonnen. Deshalb habe er geschrieben, es tue ihm leid. Das Gericht glaubt Demir nicht. Einstimmig wird er verurteilt zu vier Jahren Gefängnis. An Latifa muss er eine Genugtuung von 5000 Franken bezahlen.