Oberrohrdorf

«Familiendrama vor 20 Jahren»: Alt-Gemeindeammann Toni Merki über den Täter

Alt-Gemeindeammann Toni Merki: «Wenn man von nichts weiss, kann man auch nicht helfen.»

Alt-Gemeindeammann Toni Merki: «Wenn man von nichts weiss, kann man auch nicht helfen.»

Der Täter war ein guter Kollege des damaligen Gemeindeammanns Toni Merki. Und ein «anerkanntes Mitglied der Gemeinde», wie er betont. Umso mehr schockierte die Familientragödie, an die sich der heute 73-Jährige für die az zurückerinnert.

Alt-Gemeindeammann Toni Merki (CVP, 73) begrüsst den Journalisten mit kräftigem Händedruck auf der Terrasse seines wunderschön gelegenen Hauses hoch über Oberrohrdorf. Kraft brauchte Merki auch während seiner Amtszeit, die von 1994 bis 2005 dauerte. Kein anderes Ereignis hat ihn so sehr bewegt, wie die Familientragödie, die sich vor 20 Jahren in Oberrohrdorf zutrug, als ein Familienvater seine Frau und seinen jüngeren Sohn tötete.

Die Tat ging Merki nicht zuletzt so nah, weil er den Täter – ein anerkanntes Mitglied der Gemeinde – rückblickend als guten Kollegen bezeichnet. «Wann genau ich von der Tat erfuhr, weiss ich nicht mehr», sagt Merki. An besagtem Wochenende sei er zusammen mit seiner Frau auf einer Nachtwallfahrt nach Windisch unterwegs gewesen, als erste Meldungen über die schreckliche Tat die Runde machten. «Ich weiss nur noch, dass sich irgendwann ein Reporter bei mir meldete, um von mir zu erfahren, was genau geschehen war.» Doch er habe dem Reporter keine präzise Auskunft geben können, da er zu diesem Zeitpunkt über den Tathergang selber noch nicht detailliert im Bilde war.

«Er war eine Persönlichkeit»

«Ich war schockiert, ich hätte ihm eine solche Tat nie zugetraut. Oft haben wir uns nach den sonntäglichen Gottesdiensten – er war Lektor in unserer Kirche – unterhalten», so Merki. «Es hat nie irgendwelche Anzeichen gegeben, dass dieser Mann derart verzweifelt ist, eine solche Tat begehen zu können. So habe sein Kollege auch nie nur das Geringste angetönt. «Insofern habe ich mir nach der Tat auch keine Vorwürfe gemacht. Wenn man von nichts weiss, kann man auch nicht helfen.»

Merki habe damals vor allem Mühe bekundet, zu verstehen, wie man seine Liebsten töten kann und sich dann nicht selber richtet. «Als ich später erfuhr, dass ihn offensichtlich finanzielle Probleme zu dieser Tat getrieben haben, konnte ich das einfach nicht glauben.» Merki ist überzeugt, dass man dem Mann hätte helfen können. Aber: «Er war eine Persönlichkeit im Dorf. Sein Ansehen war ihm wichtig. So engagierte er sich auch in öffentlichen Ämtern. Ein finanzieller Ruin wäre wohl das Schlimmste gewesen für ihn.»

Nach der Tat habe er seinen Kollegen nur einmal besucht. «Während Monaten konnte ich mich nicht dazu überwinden. Schliesslich habe ich ihn an Silvester 1996 im Bezirksgefängnis Baden besucht – nicht zuletzt, weil mich der damalige Pfarrer dazu aufgefordert hatte. Ich habe in der Nacht vor dem Besuch vor lauter Aufregung kein Auge zugetan.» Der Besuch selber habe sich dann aber sehr seltsam gestaltet. «Ich habe lange überlegt, was ich ihm sagen werde, wenn ich ihm zum ersten Mal gegenüberstehe. Doch dazu kam es gar nicht. Plötzlich stand er vor mir und hat mich angesprochen, als sei gar nie etwas vorgefallen», erinnert sich Merki. Er hätte seinen Kollegen gerne gefragt, «wieso bist du nicht zu mir gekommen? Wir hätten doch über alles sprechen können». Doch sein Gegenüber habe sich regelrecht in einen Monolog gesteigert. «Wahrscheinlich wollte er um jeden Preis ein intimes Gespräch verhindern», so Merki. Auch wenn das Gespräch inhaltlich nichts hergab, «so war ich doch froh, dass ich den Mut aufgebracht habe, ihn im Gefängnis zu besuchen». Danach habe er den Kollegen nie mehr gesehen. 2005 sei er aber an die Beerdigung in Oberrohrdorf gegangen. «Ich war noch nie an einer Beerdigung mit so wenig Anwesenden. Ich war dort, weil es meiner Auffassung von Anstand entsprach und ich seinem Sohn diesen Respekt erweisen wollte.»

«Glaube geriet nicht ins Wanken»

Auf die Frage, wie die Gemeinde damals auf die Tragödie reagiert habe und welchen Einfluss diese auf das Dorfleben hatte, antwortet Toni Merki: «Das waren damals noch andere Zeiten als heute, wo es für alle möglichen Fälle Krisenszenarien gibt. Meine Devise lautete damals, dass wir dort Unterstützung anbieten – vor allem dem überlebenden Sohn gegenüber –, wo das gefragt war. Ansonsten setzte der Gemeinderat alles daran, die ohnehin schreckliche Angelegenheit nicht noch grösser zu machen, als sie eh schon war.»

Ob die Tat seinen starken Glauben an Gott ins Wanken gebracht habe? «Nein, dazu gibt es zu viel Elend auf der Welt, das man eigentlich nicht verstehen und erklären kann.» Anton Merki ist überzeugt, dass sein Kollege als Lektor nicht daran glaubte, was er jeweils während den Lesungen vortrug. «Im Nachhinein muss ich sagen, waren das wohl hohle Worte; leider alles nur Theater», sagt Toni Merki mit traurigem Blick.

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