Turgi
Fast 1400 Ballon-Fahrten: Keiner kennt die Region von oben besser als er

Seit fünf Jahren ist Forstingenieur Franz Killer aus Wil bei Turgi pensioniert. Nun ist er nur noch Heissluftballonpilot. Der Rentner hat bald 1400 Fahrten in seinem Logbuch.

Roman Huber
Drucken
Teilen
«Auf gehts!» – Franz Killer mit erwartungsfrohen Passagieren im voll besetzten Korb. zvg

«Auf gehts!» – Franz Killer mit erwartungsfrohen Passagieren im voll besetzten Korb. zvg

zvg

Das Treffen mit ihm findet nicht hoch zu Lüften im Korb statt, sondern bei ihm zu Hause in Wil bei Turgi. Hier ist Franz Killers Herz verankert, da hat er seinen festen Boden unter den Füssen: Im Eigenheim, das der ehemalige Forstingenieur selber projektierte, am Rande der Bauzone, mit Blick über die Wiesen, die früher zum elterlichen Bauernhof gehörten, hinauf zu den Obstbäumen, die er selber gesetzt hat, bis an den nahen Wald.

Es ist Donnerstag, und an diesem Tag steht in Killers Morgenprogramm der Gottesdienst in der Antoniuskapelle Wil, «wenn ich am Sonntag nicht zur Kirche gehe», sagt der frühere Sänger des Kirchenchors. Eigentlich ist er an schönen Sonntagen im Ballon dem lieben Gott noch näher.

Kein anderer kennt die Region so gut aus der Luft wie Franz Killer. Dabei fand seine aeronautische Karriere einst beinahe ein jähes Ende. Als 19-Jähriger und leidenschaftlicher Fallschirmspringer wollte er bei den Fallschirmgrenadieren Militärdienst leisten. Dann kam der Tag des Beinahe-Absturzes. «Ich hatte eine Fehlöffnung, musste den Notfallschirm ziehen und landete wie durch ein Wunder unverletzt.» Stattdessen diente Killer über 1000 Tage als Offizier bei der Infanterie.

Weiche Landung im Schnee
23 Bilder
Über einem Sonnenblumenfeld in der Toskana
Schweizer Meisterschaften
Über dem Wettinger Stausee, unten die Fussballfelder in Neuenhof
Landung bei Todi in Italien
Stimmungsbild über dem Jura
Stimmungsbild mit dem Schatten des Ballons
Der ABB-Ballon hoch über der Stadt Baden
Massestart an einem Ballon-Meeting
Franz Killer über der Sahara in Südtunesien
Lande-Hilfe erfordert menschliche Kraft
Franz Killer am Funkgerät
Franz Killer schnuppert in seinem Ballon Gebirgsluft bei Chateau D'Oex
Die Karte wird mit der Crew studiert
Ein Brugger-Ballon über dem winterlichen Baden
Der Ballonpilot setzt zur Landung an
Der Ballon hat abgehoben
Bei Todi knapp über dem Boden danhig
Chateau d'Oex, Massenstart beim Meeting, da ist Aufmerksamkeit geboten
Attraktion für die Passagiere ist stets die Beinahe-Wasserung
Bei Birrwil über dem Hallwilersee
Bei Anwil sanft gelandet
Ballon-Glühen in Buttwil, ohne Start

Weiche Landung im Schnee

AZ

Die Lüfte als Leidenschaft

Die luftigen Höhen haben es ihm aber für ewig angetan. Killer erlangte das Brevet als Privatpilot. Bei den Rotariern kam er in Kontakt mit dem Badener Ballonpiloten Jürg Schoop. «Er weckte in mir die neue Leidenschaft, war und ist mein Lehrer und Freund», sagt Killer. Mit dem Ballon-Brevet in der Tasche trat er der Ballongruppe Mittelland bei, die sich später nicht zuletzt mangels Piloten unter Nebengeräuschen auflöste.

Die Faszination des Ballonfahrens hat ihn nie mehr losgelassen. Mit 1387 Fahrten und einer zurückgelegten Distanz, die der halben Erdumrundung entspricht, gehört Killer heute zu den Routiniers. Er fährt Heissluftballons, dafür braucht es genügend Propangas, um an Höhe zu gewinnen und wenn dies ein Manöver, zum Beispiel die Landung, erfordert. Ihm steht seine Crew zur Seite, die bei Start und Landung hilft. Wenn er zu Luft unterwegs ist, kurvt der Nachfahrer mit dem Fahrzeug unten nach. Schliesslich müssen Hülle und Korb ja nach Hause gelangen.

Auch im Ausland in der Luft

Als gewerbsmässiges Hobby könnte man bei Killer das Ballonfahren bezeichnen. Mit seinen gesponserten Ballons hebt er für Firmenangehörige der Sponsoren ab, oder seine Fahrgäste sind mit der Ballonfahrt beschenkt worden, zum Geburtstag oder sonst wofür. Hauptsächlich geht er in der Region in die Lüfte: über dem Wasserschloss, aber auch Napfgebiet, in den Freibergen, über dem aargauischen oder solothurnischen Jura sowie im Ausland, dort mit Ferien verbunden. Er kennt die Sahara, die Steiermark, Umbrien und die Toskana, das finnische Lappland und 400 Loire-Schlösser aus der Luft.

Werbung brauche er keine. «Die Mund-zu-Mund-Propaganda reicht», sagt Killer, der pro Jahr 40 bis 50 Fahrten absolviert; es seien auch schon 80 gewesen. Seine Künste werden von Spezialisten des Bundesamtes für Zivilluftfahrt jährlich überprüft, alle zwei Jahre muss er das Brevet erneuern. Gibt es eine Altersgrenze als Pilot? Killer verneint: «Das wird bei uns zurzeit noch freiheitlich gehandhabt. Da ist Selbstverantwortung gefragt», erklärt er.

Aufhören ist für ihn ohnehin kein Thema: «Diesen Sport kann man bei guter Gesundheit bis 90 ausführen», sagt er und lacht. Er liebt das gemächliche Dahingleiten, die Welt aus einer andern Sicht zu sehen. «Es ist etwas Beruhigendes und für alle mit grosser Freude verbunden, für die Passagiere wie für diejenigen, die vom Boden aus winken.» Bis 300 Meter darf man runter über Wohngebiet, «ausserorts» bis 150. Doch zwischendurch spielt er auch Mal gerne eine «Fast-Wasserung» durch.

Das Fahrtechnische, Routenberechnungen, Thermik und Windverhältnisse, die je nach ganz unterschiedlich sein können, würden ihn faszinieren. «Heute kann man wichtige Informationen direkt aus dem Internet besorgen.» Dazu kommen Vorschriften, dass man zum Beispiel nicht in den Luftraum eines Flughafens darf.

Die Angst bleibt am Boden

Ob die Angst mitfahre? Killer verneint. «Meine Passagiere geniessen das stille Gleiten. Weil der Korb bis unter die Achseln reicht, kommt kaum Angst auf», ausser er müsse wegen engen Platzverhältnissen etwas forsch starten. Seine 3287 Passagiere seien nach anderthalb bis zweieinhalb Stunden alle heil gelandet. «Neulinge wurden selbstverständlich nach aeronautischer Tradition in den Adelsstand befördert», sagt er. Der Champagner fliesse natürlich erst nach der Landung, so Killer.

Sicherheit schreibt er gross: «Die grösste Gefahr bilden Hochspannungsleitungen», erklärt er. Darum bleibt der Ballon bei Nebel oder schlechtem Wetter unten. Ohnehin ist Killer eher ein «Schönwetter-Pilot». Kritische Situationen habe er schon oft meistern müssen, doch sei er bis jetzt unfallfrei gefahren. Zweimal nahm er an Schweizer Meisterschaften teil. «Ich landete im hinteren Feld», sagt er und lacht, denn er sieht sich als Geniesser, weniger als Wettkampfpilot. Doch er besucht gerne Meetings, wo die gemeinsame Freude im Vordergrund stünde, so beim grössten Schweizer Ballonmeeting in Château d’Œx. Ob er nicht höher hinaus wolle? Bis 800 Meter über Boden reiche ihm völlig. Mit Sauerstoff bepackt übers Hochgebirge, das reize ihn nicht unbedingt, die Voralpen würden es auch tun.

Franz Killer kennt auch Tiefen. Der studierte Forstingenieur war lange Kreisförster des Forstkreises Baden-Zurzach. Mit 45 stieg er als selbstständiger Ingenieur mit eigenem Büro ein. Dem zweifachen Familienvater fehlten aber Aufträge. «Ich fiel in ein tiefes Loch», erinnert er sich. Er sorgte sich auch um seine gesundheitlich angeschlagene Frau. Mit 47 Jahren folgte er dem Werdegang seiner Tochter und liess sich zum psychiatrischen Krankenpfleger ausbilden. «Ich habe es nie bereut und im neuen Beruf Erfüllung gefunden.»

Seit fünf Jahren ist er pensioniert. Nicht aber als Ballonpilot. Und wer den blauweissen Suhner/Brugg Cables- oder den weissroten ABB-Ballon in der Luft entdeckt, weiss, dass Franz Killer erneut auf Höhenflug, pardon, «-Fahrt» ist.

Aktuelle Nachrichten