Spreitenbach

Fast ein Drittel weniger als im Vorjahr: Warum Spreitenbach weniger Sozialhilfefälle hat

Spreitenbach zählte im Jahr 2019 so wenige Sozialhilfefälle wie seit Jahren nicht mehr.

Spreitenbach zählte im Jahr 2019 so wenige Sozialhilfefälle wie seit Jahren nicht mehr.

Nachdem Spreitenbach seit Jahren eine sehr hohe Sozialhilfequote hatte, ist die Zahl der Sozialhilfeempfänger im Jahr 2019 markant zurückgegangen. Gemeindepräsident Marcel Lang spricht über die Gründe.

Spreitenbach gehörte in den letzten Jahren zu den Gemeinden mit einer der höchsten Sozialhilfequoten im Kanton Aargau. Im kürzlich erschienenen Rechenschaftsbericht des Jahres 2019 nun die Überraschung: Laut diesem ist die Anzahl der Sozialhilfefälle im letzten Jahr um 29 Prozent gesunken – von 229 Ende Berichtsjahr 2018 auf 163 Ende 2019. Man kann in den Rechenschaftsberichten der letzten 16 Jahre lange suchen, die tiefste Zahl findet sich im Jahr 2004 und ist mit 169 immer noch höher als die 163 Fälle aus dem vergangenen Jahr – und seither ist die Bevölkerung um rund 2000 Einwohner gewachsen.

Marcel Lang, seit letzter Woche neuer Gemeindepräsident von Spreitenbach, hat Anfang 2018 in seiner Funktion als Gemeinderat das Ressort Sozialwesen übernommen. Er nennt verschiedene Gründe, warum die Zahl im letzten Jahr so stark gesunken ist: «Ein wichtiger Punkt ist sicher, dass wir die sozialen Dienste reorganisiert haben.» Bis Mitte 2018 betreute die Behörde nicht nur Sozialhilfefälle, sondern führte auch rund 140 Beistandschaften. Eine zu grosse Belastung für die Angestellten: «Die Fluktuation bei den Mitarbeitern war sehr hoch, das bedeutete nicht nur einen grossen administrativen Aufwand, sondern es ging auch jedes Mal Know-how verloren und die Menschen mussten sich wieder an eine neue Ansprechperson gewöhnen», sagt Lang.

Deshalb wurde eine Zusammenarbeit mit dem Gemeindeverband Kinder- und Erwachsenenschutzdienst (KESD) der Region Baden angestrebt, der die Bevölkerung an der Gemeindeversammlung im Juni 2019 ihre Zustimmung gab. Offiziell ist Spreitenbach seit Anfang dieses Jahres an Bord, doch werden bereits seit 2018 Mandate an den KESD ausgelagert: «Das war für die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter eine enorme Entlastung. Seither können sich die Verantwortlichen vertiefter auf die Sozialhilfefälle konzentrieren», sagt Lang.

Gute Wirtschaftslage, tiefe Arbeitslosenzahlen

Das habe viel Ruhe hineingebracht: «Durch die engmaschigere Betreuung ist es möglich, die Anliegen sauber abzuklären und auch Missbräuche von Sozialhilfegeldern zu verhindern», sagt Lang. Es könne zum Beispiel auch vorkommen, dass eine Person Ergänzungsleistungen, Arbeitslosen- oder Altersvorsorgegelder zugute hätte, von denen diese bis anhin nichts wusste. «Solche Abklärungen brauchen vor allem zu Beginn viel Zeit, die früher einfach nicht da war», so Lang weiter.

Neben der Auslagerung der Beistandschaften hätten aber sicherlich auch die gute Wirtschaftslage und die tiefen Arbeitslosenzahlen in den letzten Jahren zu diesem für die Gemeinde erfreulichen Ergebnis geführt: «Einige der Sozialhilfebezüger konnten deshalb wieder ins Arbeitsleben einsteigen.» Dies auch dank der seit 2017 andauernden Zusammenarbeit mit der Arbeitsintegrationsfirma Stärker GmbH, mit Sitz in Spreitenbach. «Es ist ein ebenso wichtiger Punkt, dass diese Firma hier lokal verankert und mit vielen anderen Unternehmen vernetzt ist.» Die Stärker GmbH konzentriert sich insbesondere auf Langzeitarbeitslose, die den grössten Teil der Sozialhilfebezüger ausmacht.

«Könnten schnell reagieren, sollte es einen Ansturm geben»

Wie es nun in der Coronakrise weitergehen wird? Da klingt Marcel Lang alles andere als euphorisch: «Die meisten Menschen, die Sozialhilfe beziehen, haben schon in normalen Zeiten Mühe, den Rückweg in den ersten Arbeitsmarkt zu finden», sagt er. Das werde nun noch schwieriger. Vor allem, weil man auch nicht wisse, wie lange dieser Zustand andauern werde und wie stark gewisse Branchen von den herrschenden Massnahmen betroffen sind. «Im Moment bemerken wir die Auswirkungen noch nicht, es gab keinen Run auf die sozialen Dienste, da wahrscheinlich auch Spreitenbacher Arbeitnehmer von Kurzarbeit betroffen sind.»

Trotzdem sei die Gemeinde vorbereitet: «Wir haben die Prozesse bei den Sozialen Diensten angepasst und könnten schnell reagieren, sollte es doch noch einen Ansturm geben.»

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