Weil ich so (ein Lustmensch) bin, wie ich bin, konnte ich mir nicht vorstellen, zu fasten. Bis zu jenem Moment, als mir folgende Frage durch den Kopf schoss: Worüber schreibe ich in meiner nächsten Kolumne?

Ein Bericht über Tee ohne Zucker, null Chips, Darmentleerung, das Lavieren zwischen Krise und Euphorie, den Kampf mit dem inneren Schweinehund, eine freiwillige Freiheitsübung ohne Erleuchtung: Eine Woche Heilfasten.

Ein wenig Enthaltsamkeit kann auch mir keineswegs schaden, dachte ich. Neben dem obligatorischen Verzicht auf Kaffee, Alkohol, Nikotin und dreimal täglich Essen praktizieren viele gesundheitsbewusste Menschen auch Spezialdisziplinen wie Handy-
fasten, Autofasten oder Konsumfasten.

Das Handy brauche ich. Es ist meine gesamte Administration und Kommunikation. Autofahren kann ich immer noch nicht, dieser Verzicht fällt leicht. Konsum beschränkt sich mit meinem Künstlerinnen-Einkommen eh aufs Notwendigste.

Mache ich diese Tortur zu Hause oder im spezialisierten Fastenhotel? Doch den Notgroschen anzuzapfen, um dann eine Woche Urlaub ohne lukullische Genüsse zu verbringen?

Nein. Lieber daheim, mit Alltag und Arbeit, mit allen Verlockungen aus den Küchenschubladen, den allgegenwärtigen «On The Go»-Fress- und Saufbuden auf dem Arbeitsweg und den unzähligen Menschen, welche alle immerzu essen und trinken. Im Bus, auf dem Bahnsteig, im Zug, überall.

Nach einem ekligen Glaubersalz-Cocktail und stundenlangen Klositzungen vergeht der Sonntag nicht. Die Zeiger der Uhr kriechen dahin. Ich schlafe die Nacht auf den Montag zehn Stunden durch, ohne einmal aufzuwachen.

Als ich aufstehe, merke ich, dass mein Schädel brummt. Wüsste ich nicht, dass ich gestern Abend nur Tee und Wasser zu mir genommen hatte, würde ich es als einen typischen Kater bezeichnen. Hunger habe ich keinen. Aber einen unbeschreiblichen Appetit auf Kaffee. Meine alten und geliebten Morgenrituale fordern ihren Tribut.

Selbst die Träume ändern. Statt von Albträumen wie Versagen, Fliegen, Stürzen oder dem Nicht-Vorankommen geplagt zu werden, übernehmen jetzt riesige Burger und tief fliegende Salami die Traum-Hauptrollen.

Eine Woche den Gürtel enger schnallen kann hart sein. Die Zeit vergeht viel langsamer als sonst, begleitet von überschwappenden Emotionen, der totalen Gesellschaftsunfähigkeit und irgendwie gänzlich ohne den gewohnten Blick nach aussen. Alles kehrt sich nach innen. Die Gedanken sind drehende Kopftornados, und weil sie nicht raus können, gehen sie im Innern eigene Wege.

Du kommst bei dir selbst an, ganz nach dem Motto: Entrümple dich und dein Leben. Statt TV gibt es Nachrichten von dir selbst, «The Hofmann Reality Show». Alles frei Haus, ohne Guru, Bibel, Ratgeber, Coachings und Therapien.

Fazit: Das tut echt gut. Werde ich wieder tun, tage- oder auch wochenweise. Nur schon wegen dem Ding, auf das ich lange gewartet, ja sogar den Moment herbeigesehnt habe: den erlösenden Biss in einen knackigen Apfel. Mampf!