Neuenhof

Faule Zähne, falsche Kleidung: Zunehmende «Verwahrlosung» im Kindergarten

Das «Schibler» ist eines von vielen Schulhäusern. In Neuenhof besuchen 450 Kinder die Primarschule, 220 die Oberstufe und 180 den Kindergarten. zvg

Das «Schibler» ist eines von vielen Schulhäusern. In Neuenhof besuchen 450 Kinder die Primarschule, 220 die Oberstufe und 180 den Kindergarten. zvg

Lehrpersonen müssen in der Schule und im Kindergarten Neuenhof immer mehr soziale und erzieherische Aufgaben übernehmen. Eine weitere Herausforderung ist die Sprachbarriere. 70 Prozent der Kinder, die eingeschult werden, haben ausländische Wurzeln.

850 Kinder zählt die Schule Neuenhof. Rund 70 Prozent der Kinder, die eingeschult werden, haben ausländische Wurzeln. «Es gibt Kinder, die weder Deutsch noch die eigene Muttersprache richtig sprechen», sagt Renate Baschek, Gesamtschulleiterin der Schule Neuenhof.

Im Kindergarten sind zwei von neun Abteilungen zu 100 Prozent fremdsprachig. Kinder mit einer Sprachbarriere zu integrieren, stellt die Schule vor grosse Herausforderungen.

Hinzu kommt, dass Lehrpersonen laut Baschek immer mehr soziale und erzieherische Aufgaben übernehmen müssen. Barbara Stamm, Schulleiterin Kindergarten Neuenhof, stellt fest, dass manche Kinder bei kalter Witterung in Sommerkleidung zur Schule gehen oder den Gebrauch einer Zahnbürste nicht kennen.

Und: «Teilweise sind die Zähne der Kinder so kaputt, dass sie nur weiche Kost zu sich nehmen können», fügt Kindergärtnerin Katarina Vicic an.

Baschek betont: «Diese Probleme haben jedoch nichts mit der kulturellen Herkunft der Kinder zu tun.» Stamm: «Es gibt auch verwahrloste Schweizer Kinder, die von der elektronischen Grossmutter – dem Fernseher –, betreut werden, sich ungesund ernähren und das Angebot des günstigen Mittagstisches nicht nutzen.»

Die Lehrpersonen kommen aber laut Baschek mit den besonderen Bedingungen gut zurecht. «Kinder lernen sehr schnell. In der Regel hat sich der Kindergartenalltag nach zwei Monaten eingependelt», sagt Katarina Vicic, Kindergartenlehrperson.

Die fremdsprachigen Kinder erhalten grosse Unterstützung. Als ein Teil der Einschulungsklassen für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen den Sparmassnahmen des Kantons zum Opfer fielen und der Zusatzunterricht Deutsch als Zweitsprache gekürzt wurde, handelte die Schule: «Nach einem langen Kampf hat uns der Kanton für dieses Schuljahr eine Sondergenehmigung für eine zusätzliche Einschulungsklasse gegeben», sagt Baschek.

Doch im Schuljahr 2016/17 müsse die Schule mit zwei, statt ursprünglich vier, Einschulungsklassen auskommen. Was dann? «Unsere Kinder werden von schulischen Heilpädagoginnen unterstützt. Zudem verfügen wir über ein Förderzentrum, das Kinder mit Wissenslücken, aber auch Kinder mit besonderen Begabungen fördert.»

Elternabende mit Dolmetscher

Eine Herausforderung stellen laut Baschek teilweise die Eltern dar. Eine Sprachbarriere wird dann problematisch, sobald Probleme wie etwa faule Zähne oder Schulregeln erklärt werden müssen und Informationsveranstaltungen oder Elternabende stattfinden.

Eltern, deren Kinder in den Kindergarten eintreten, haben die Möglichkeit, am Anlass «Schulstart plus» teilzunehmen. «Dort werden sie sprachspezifisch über unser Schulsystem informiert», erklärt Baschek. Beim Grossanlass am ersten Schultag gebe es zwischenzeitlich Eltern, die einen Dolmetscher mitnehmen würden.

Den Eltern Hilfestellung bietet auch die vor zwei Jahren geschaffene Integrationsstelle: «Sie ist eine Anlaufstelle für Eltern und Lehrpersonen», erklärt Stamm. Dort werden unter anderem Dolmetscher vermittelt und Fragen zur Integration geklärt.

Weiter steht die Sozialarbeit Umfeld Schule und die individuelle Förderung im Angebot, die zwischen den Eltern und der Schule vermitteln.

Jugendpolizist hilft bei Krisen

Bei Krisen, Konflikten unter Schülern und Delikten wie etwa Diebstahl kommt ein Jugendpolizist von der Regionalpolizei Wettingen-Limmattal zum Einsatz. «Schulen, die einen grossen Anteil an Kindern haben, die aus sozial schwachen Familien kommen, sind vermehrt mit solchen Problemen konfrontiert», sagt Baschek. «Grundsätzlich sind wir aber eine friedliche Schule», betont sie.

Meistgesehen

Artboard 1