Herr Ghitti, was ist schlimmer: Nach einer durchzechten Nacht mit einem riesigen Kater aufzuwachen oder nach der gestrigen Nicht-Qualifikation ihrer «Squadra Azzurra» zu realisieren: Das war kein Albtraum?

Pierluigi Ghitti: Nach einem Kater wäre das Aufstehen sicher einfacher gefallen. Italien war trotz 80 Prozent Ballbesitz unfähig, die Schweden zu schlagen; das regt mich natürlich tierisch auf. Natürlich waren wir überlegen. Aber waren wir auch besser? Ich sage ganz klar nein: Wenn man besser ist, dann gewinnt man das Spiel.

Sie sind Doppelbürger. Immerhin hat sich die Schweiz für die WM qualifiziert.

Das ist ein kleiner Trost. Fussballerisch schlägt mein Herz ganz klar für Italien. Ich durfte zwei WM-Titel miterleben von Italien – 1982 und 2006. Diese Sommer-Wochen werde ich nie vergessen. Eine WM ohne Italien ist undenkbar. Ich frage mich nun, ob sich die Fifa nun überlegt, die WM allenfalls gar nicht durchzuführen, weil der Anlass ohne Italien eigentlich keinen Sinn macht.

Sie scheinen den Humor nicht verloren zu haben. Haben Sie sich das Spiel am Montagabend überhaupt angeschaut?

Ich hatte leider Zunft-Sitzung im Hotel Du Parc, verfolgte die Partie aber auf dem Liveticker. Im Hotel waren übrigens auch Schweden – wahrscheinlich ABB-Mitarbeiter. Die sassen ganz ruhig und emotionslos da und haben beim Schlusspfiff nur kurz in die Hände geklatscht (lacht).

Zurück zum Spiel: Wieso hat es gegen die zwar kämpfenden, aber doch limitierten Schweden nicht gereicht?

Das Spiel hätte wohl noch drei Tage dauern können, und wir hätten kein Tor geschossen. Wenns nicht läuft, dann läuft es einfach nicht. Es ist verrückt: Auf der Playstation gewinnst Du jedes Spiel gegen Schweden. Das ist uns aber am Montagabend nicht gelungen. Immerhin: Am Willen und der Einstellung lag es nicht. Die Italiener haben alles gegeben, wobei ich nicht verstehe, weshalb man den Druck Anfang 2. Halbzeit nicht aufrechterhielt.

Nach dem Spiel sagte ein italienischer Fan, die Nicht-Qualifikation Italiens sei ein Spiegelbild für den Verfall des Landes. Stützen Sie diese These?

Ja, das hat etwas. Wirtschaftlich sind wir jetzt schon an einem Tiefpunkt angelangt; jetzt auch sportlich. Etwas bösartig kann man sagen, Fussball war das einzige, was in diesem Land noch funktioniert hat. Die Italiener schwelgen sehr gern in den alten guten Zeiten. Auch sind viele Italiener Meister im Reden und vergessen dabei zu liefern.

Könnte die Nicht-Qualifikation auch ein heilsamer Schock sein, quasi die Initialzündung für einen Neuanfang – nicht nur im Sport?

Also vorerst ist es einfach nur brutal hart, nicht an der WM dabei zu sein. Kurzfristig wird wohl auch jetzt viel, sehr viel schön geredet und analysiert. Doch es ist jetzt an der Zeit, die Komfortzone zu verlassen, die Ärmel nach hinten zu krempeln und endlich Verantwortung zu übernehmen. Insofern kann die gescheiterte Quali wirklich ein Weckruf sein. Viele Italiener leben in einer Traumwelt; vielleicht wachen sie jetzt endlich auf.

Sie wirken sehr gefasst und abgeklärt. Hat das auch damit zu tun, dass in Ihnen zwar italienisches Blut fliesst, sie aber in der Schweiz aufgewachsen sind und sozialisiert wurden?

Auf jeden Fall. Ich stelle fest, dass viele Secondos – nicht nur Italiener! – viel geerdeter sind und näher an der Realität leben. Uns wurde hier in der Schweiz nichts geschenkt, wir mussten vieles selber aufbauen. Was Leistungsbereitschaft und Schaffenskraft betrifft, bin ich eher Schweizer denn Italiener.

Apropos Schweiz: die Schweiz zum vierten Mal in Folge an der WM. Wie schafft das ein so kleines Land?

Mit der richtigen Einstellung. Jüngstes Beispiel die Pfiffe im letzten Heimspiel in Basel. Natürlich war das für den betroffenen Spieler Haris Seferovic hart. Doch ich finde die Pfiffe gut. Denn sie zeigen, dass man sich hier nie mit einem Erfolg zufriedengibt, sondern immer nach Verbesserung und Höherem strebt. Nur so kommt man vorwärts – im Beruf wie auch im Sport. Der Italiener hingegen ist genügsam. Wenn er einmal gut dasteht, dann genügt ihm das.

Blicken wir auf den nächsten Sommer. Gerade für wirtschaftlich gebeutelte Länder wie etwa Italien sind EM- oder WM-Teilnahmen Balsam für die Seele. Vier Wochen die Alltagssorgen vergessen und sich den grossen Emotionen des Fussballs hingeben. Das wird 2018 nicht möglich sein. Verfällt das Land in eine grosse Depression?

Das glaube ich nicht. Nochmals, es nervt natürlich gewaltig, dass wir nicht dabei sind. Doch die Italiener werden sich neue Traumwelten erschaffen – vielleicht bringt ja Eros Ramazzotti ein neues Album heraus (lacht).

Werden Sie Ihre eigenen Sommerpläne anpassen?

Das war am Montagabend tatsächlich mein erster Gedanke: «Was mache ich jetzt nächsten Sommer?!» Spass beiseite: Ich werde natürlich die WM trotzdem verfolgen und mit den Schweizer mitfiebern. Wobei: Wo soll ich die Spiele schauen. Ich befürchte, jetzt wo Italien nicht dabei ist, wird es auch keine Public Viewings geben, weil sich das schlicht nicht lohnt.