Während fünf Tagen stand Baden ganz im Zeichen von Animationsfilmen. Für Annette Schindler (56) war es das 7. Fantoche, für das sie verantwortlich zeichnete. Trotz dichtem Programm nimmt sie sich einen Tag nach Festivalende kurz Zeit für ein Gespräch.

Frau Schindler, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees pflegt nach Olympischen Spielen jeweils von den «best Olympic Games ever zu sprechen». War das 16. Fantoche «the best Fantoche ever»?

Annette Schindler: Ja, das würde ich spontan so unterschreiben (lacht). Nein im Ernst, für ein abschliessendes Fazit braucht es noch etwas Zeit. Was ich aber bereits jetzt sagen kann: Es war einmal mehr ein berauschend schönes Festival. Gerade heute Morgen hat sich die mehrfach ausgezeichnete russische Filmemacherin Natalia Mirzoyan von mir verabschiedet und mir gesagt, das Fantoche sei ihr absolutes Lieblingsfestival. Solche Rückmeldungen bedeuten mir sehr viel.

Können Sie als Festivaldirektorin das Fantoche überhaupt geniessen oder hetzen sie von einem Termin zum nächsten?

Ganz so schlimm ist es nicht. Die anstrengenden und hektischen Momente gehören dazu und schmälern für mich den Genuss nicht. Ich wünschte mir einzig, mehr Zeit mit den zahlreichen Gästen verbringen zu können.

Impressionen der Preisverleihung:

Welches sind denn die ganz persönlichen Highlights der Festivaldirektorin?

Spontan denke ich da an Freitagmitternacht, als ich mit meinem Sohn, einigen hochdekorierten Filmemachern, Mitarbeitern und Gästen im warmen Bagno Popolare sass. Solche Momente sind der Lohn für all die Entbehrungen, die man in der Vorbereitung des Festivals auf sich nimmt. Sehr eindrücklich und emotional war jeweils auch der Artist Brunch von 11 bis 12 Uhr. Besonders in Erinnerung wird mir die Antwort eines lettischen Filmemachers (Lettland war dieses Jahr Gastland am Fantoche, Anm. der Redaktion) bleiben. Er wurde gefragt, wie man Animationsfilm-Macher werden konnte, wenn es doch in Lettland damals gar keine Ausbildung gab ...

... wie lautete seine Antwort?

«It’s inside of us», es klang irgendwie nachdenklich, fast melancholisch. Will heissen, wenn man diese Leidenschaft und diese Talente hat, dann suchen und finden diese schon ihren Weg.

Apropos Weg: Dieser zeigt – was die Besucherzahlen betrifft – in den letzten Jahren stetig nach oben. Freut Sie das, weil dies offenbar die Beliebtheit des Fantoche widerspiegelt. Oder bereitet es Ihnen vielmehr Sorgen, weil das Festival dadurch an seine Grenzen stösst, respektive seinen familiären Charakter zu verlieren droht?

Das massvolle Wachstum freut mich und ist auch für unsere Geldgeber wichtig. Denn die leicht steigenden Besucherzahlen zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Ich spreche aber ganz bewusst nicht von Rekord. Denn es sind immer auch äussere Faktoren, die darüber entscheiden, ob weniger oder mehr Besucher kommen. Umgekehrt werde ich auch nicht nervös, sollte es mal eine Schwankung nach unten geben. Ganz sicher ist es für das Festival nicht gut, wenn wir in kurzer Zeit zu stark anwachsen würden. Das würde zu Problemen an allen Ecken und Enden führen.

27 000 Besucher hat das jüngste Fantoche verzeichnet. Was bedeuten diese Zahlen in Bezug auf die Auslastung?

Das ist ganz unterschiedlich. Die Blöcke in der Prime Time sind mit zum Teil 90 Prozent verkauften Plätzen sehr gut besucht. Dann gibt es aber auch Programme, die sich an ein kleines Publikum richten, seien es Fachleute oder Personen, die an einem ganz bestimmten Thema interessiert sind. Dort hat es dann manchmal nur ein paar Dutzend Besucher. Das stresst mich aber nicht. Im Gegenteil. Oft sind Stimmung und die Atmosphäre in diesen Kinosälen phänomenal.

Vor knapp zehn Jahren wechselte das Fantoche vom Zweijahres-Rhythmus auf den Einjahres-Rhythmus. Bleibt es dabei, oder ist eine Rückkehr zum alten Turnus denkbar, um wieder exklusiver zu werden?

Nein, auf keinen Fall. Der Einjahres-Rhythmus hat sich absolut bewährt und bringt viele Vorteile mit sich. So geraten wir einerseits nicht in Vergessenheit. Andererseits könnten wir die schiere Anzahl an Produktionen gar nicht bewältigen, wenn wir nur alle zwei Jahre stattfinden würden. Heute gibt es unglaublich viele Technologien, mit denen man Animationsfilme herstellen kann. Jedes Kind ist heute dazu in der Lage. Seit 2012 haben sich die Einreichungen für unsere Wettbewerbe mehr als verdoppelt.

Das Festival wird immer grösser und grösser. Hat es bald keinen Platz mehr in Baden. Muss es bald umziehen?

Nein, das wird nicht passieren. Das Fantoche ist in Baden absolut am richtigen Platz. Das Festival ist fest in der Stadt verwurzelt und dank immer mehr Kooperationen mit anderen Kulturinstitutionen wächst diese Verankerung von Jahr zu Jahr. Das Fantoche ist kein Festival, das nur auf der Leinwand stattfindet. Im Gegenteil: Beim Fantoche hat man das Gefühl – ähnlich wie beim Filmfestival in Locarno –, die ganze Stadt fiebere mit. Ein Festival kann man zudem nicht einfach von A nach B zügeln, wie auch andere Beispiele gezeigt haben.

Die Badener Zukunft des Fantoche schein also gesichert. Wie sieht Ihre ganz persönliche aus? Machen sich nach der 7. Austragung, für die Sie verantwortlich gezeichnet haben, Abnützungserscheinungen bemerkbar?

Nein, ganz im Gegenteil. Es macht von Jahr zu Jahr mehr Spass. Das hängt vor allem auch mit meinem tollen Team zusammen, das aus rund 40 Personen besteht und das sich leidenschaftlich und mit grosser Hingabe für das Festival einsetzt. Hinzu kommen die jährlich rund 150 freiwilligen Helfer, ohne die das Fantoche gar nicht durchgeführt werden könnte. Ein solches Festival ist ein sehr komplexes Räderwerk. Nach sechs Jahren kann ich behaupten, dieses Räderwerk sehr gut zu kennen, was mir erlaubt das Fantoche gezielt weiterzuentwickeln. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich denke nicht ans Aufhören und freue mich bereits jetzt auf das Fantoche im nächsten Jahr.