Vor über drei Jahrzehnten hatten die Birmenstorfer einen Auswärtigen zum Gemeindeammann gewählt, berichtet Historiker und Gymnasiallehrer Patrick Zehnder. Der wackere Mann gehörte der richtigen Konfession an, hatte sogar eine Einheimische geheiratet, machte auch seinen Job als Gemeindeammann ansprechend, doch warum nur musste er ausgerechnet ein gebürtiger Fislisbacher sein?

Damit konnten sich die Birmenstorfer nur schlecht abfinden. Die Fislisbacher und Birmenstorfer pflegten nämlich mit ganzem Herzen eine feindnachbarliche Beziehung, was folgende Geschichte, von Historiker Patrick Zehnder verbürgt, anschaulich beweist.

Bei Bittgängen, die jeweils von Birmenstorf nach Fislisbach und umgekehrt von Fislisbach nach Birmenstorf führten, trafen sich die Katholischen in der Mitte. Ein lautes Grunzen sei jeweils zu vernehmen gewesen, behaupteten später die Birmenstorfer, die als «Wildsäu» beschimpft wurden. «Guggug» hätten die Birmenstorfer ihrerseits gerufen, beklagten sich die «Gugger» aus Fislisbach. Mit einem Tier verglichen zu werden, erträgt man nun wirklich schlecht. Und so balgten sich die vorher noch fromm Betenden kurzerhand in den Tiefen des Tannwaldes. Da, wo heute Christbäume gezogen werden.

Ein alter Mann, der am Gefecht dabei gewesen sein soll, will sogar gesehen haben, wie der Bursche, der mit dem Kreuz vorausmarschierte, dasselbige ins Gras legte, um sich ins Handgemenge zu mischen. Wenigstens hat er das Kreuz nicht als Hellebarde missbraucht.

Was eignet sich besser, um eine Person herabzusetzen, als sie mit einem Tiernamen zu beschimpfen? Das weiss auch Historiker Zehnder: «Beschimpfungen mit Esel, Hornochse oder Affe können ja mittlerweile eingeklagt werden.» Bis ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts hätten die Dorfbewohner die Spottnamen, mit denen sie eingedeckt wurden, als Schande empfunden (siehe unten).

Der Fislisbacher Gugger war, so Patrick Zehnder, stark abwertend gemeint. Fislisbach sei ohnehin rundherum verspottet worden. «Der Kuckuck kommt in verschiedenen deutschen Redewendungen vor, in denen er den Teufel ersetzt, wie etwa bei ‹Hol’s der Gugger›», erklärt der Historiker. Dass man heute mit dem Spottnamen gut klarkommt, beweist der Umstand, dass das Wohn- und Geschäftshaus in Fislisbach als «Zentrum Gugger» benannt werden konnte.

Ein ungleiches Geschwisterpaar bildete Birmenstorf auch mit der Nachbargemeinde Mülligen. Die Reuss, die bis zur Ausrufung der Helvetischen Republik 1798 Staatsgrenze war, trennt die beiden Dörfer. Sie bildete nicht nur Konfessionsgrenze und Dialektscheide, sondern auch eine kulturelle Demarkationslinie in der deutschsprachigen Schweiz, die vom Brünigpass über den Napf bis an die Mündung der Reuss reicht. Zwischen Mülligen und Birmenstorf war der Wettbewerb denn auch besonders hart. Patrick Zehnder erzählt: «Ältere Birmenstorfer und Birmenstorferinnen seufzten jeweils, man hätte die Reussbrücke doch besser nie gebaut, die wacklige Fähre hätte es noch lange getan.»

Die Mülliger und die Birmenstorfer standen sich in ihren Dorfübernamen in nichts nach: Die Mülliger «Moore», eine Muttersau, und die Birmenstorfer «Wildsau» sind immerhin zoologisch nahe Verwandte, auch wenn die Muttersau domestiziert ist. Der früher östlich der Reuss oft zitierte Reim: «Mülliger, Mülliger Moore, hänked de Späck a d Ohre, ziehnd am lätze Mülistei und frässed alli Chrottebei», zielt auf die angebliche Armut der Nachbarn in Mülligen ab. Diesen wurde nämlich nachgesagt, sie seien so arm und mager, dass sie nicht einmal über die Speckseite der Muttersau verfügten. Statt den Speck seien die Mülliger gezwungen gewesen, die mageren Beine von Kröten zu essen. Patrick Zehnder interpretiert dies als besondere Bösartigkeit, seien doch im Gegensatz zu den Fröschen die Kröten ungeniessbar.

Die Birmenstorfer «Wildsäu» sollen gemäss Patrick Zehnder ihren Namen von der schlecht ausgeführten Fronarbeit auf den Äckern des Klosters Königsfelden haben. Die Arbeit für die Grundherrschaft sei nicht pflichtgemäss erledigt worden, was besonders schändlich war, da ja die Grundherrschaft auch für das Seelenheil verantwortlich war. Der Übername «Wildsäu» wird auch dem wilden Fasnachtstreiben zugeschrieben. Die 1981 gegründete gleichnamige Guggenmusik versteht ihn selbstverständlich als Ehrentitel.

Wer es ganz genau wissen will, wie es um die Rivalitäten zwischen Birmenstorf, Mülligen und Fislisbach steht, findet einen Artikel von Patrick Zehnder in den Brugger Neujahrsblättern 118 (2008).