Fislisbach
Diese Aargauerin schafft Kunstwerke aus Kaffeekapseln – für ihre Minnie Maus hat sie nun einen Preis gewonnen

Die gebürtige Fislisbacherin ist eine leidenschaftliche Kaffeetrinkerin. Die gebrauchten Kapseln wirft sie aber nicht weg, sondern verwertet sie zu kunstvollen Meisterwerken. Das steckt dahinter.

Sarah Kunz
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Therese Lanter in ihrem Atelier mit ihrer preisgekrönten Minnie Maus. Mittlerweile besitzt die Künstlerin über 100'000 Kapseln.

Therese Lanter in ihrem Atelier mit ihrer preisgekrönten Minnie Maus. Mittlerweile besitzt die Künstlerin über 100'000 Kapseln.

Alex Spichale

Eine Tasse Kaffee: Für viele ein unverzichtbares morgendliches Ritual. Was nach der Tasse übrig bleibt, hat jedoch für kaum jemanden einen Wert. Ob Bohnen oder Kapseln – die Reste landen im Müll, bestenfalls werden sie recycelt. Für Therese Lanter-Haslimeier ist hingegen genau dieser Abfall der Inhalt ihres täglichen Schaffens. Aus den gebrauchten Kaffeekapseln fertigt die gebürtige Fislisbacherin kreative Kunstwerke an. Ihr neustes Werk wurde nun mit dem Sonderpreis von Nespresso ausgezeichnet.

Die 52-Jährige ist hier in der Region keine Unbekannte: Sie wuchs in Fislisbach auf, absolvierte in Mellingen ihre Lehre, arbeitete jahrelang in Baden als Briefträgerin. Auch im Sportbereich machte sie sich einen Namen: Mit 705 Kilometern in 24 Stunden hielt sie einst den Weltrekord im Langdistanz-Radrennen.

Mit nur 28 Jahren erfuhr Lanter jedoch einen herben Schicksalsschlag: Ein Verkehrsunfall während eines Trainings. Kopf und Rücken schwer verletzt. Lanter musste wieder Laufen und ihren Namen schreiben lernen, musste auf ihren geliebten Beruf, auf ihren Sport und auf eigene Kinder verzichten. Noch heute erschöpft sie schnell, schläft viel, verträgt kein grelles Licht, keinen Lärm, keinen Druck.

Kapselkunst als Therapie nach dem Unfall

Lanter sitzt zu Hause in ihrem Atelier in Obermumpf, wo sie seit ihrer Heirat wohnt. Wenn sie vom Unfall und seinen Folgen erzählt, gerät ihre sonst so feste Stimme ins Zittern. Während der anschliessenden Reha habe sie ihre handwerklichen Fähigkeiten von früher wieder entdeckt, habe dekoriert, gebastelt, gestricklieselt. Sie sagt:

«Die Kunst gibt mir Kraft. Sie war und ist für mich Therapie, Medizin und Lebenselixier in einem.»

Am schönsten sei es, wenn sie ihre Werke mit anderen teilen könne. Und das erreicht sie mit ihren Kapselbildern.

Für ihre Kapselbilder heftet Lanter die flach gedrückten Kapseln ihrer jeweiligen Vorlage entsprechend auf ihr Garagentor.

Für ihre Kapselbilder heftet Lanter die flach gedrückten Kapseln ihrer jeweiligen Vorlage entsprechend auf ihr Garagentor.

Alex Spichale

Wer nämlich an Lanters Haus vorbeigeht, kann sie nicht verpassen: Übergross und prominent prangt derzeit eine Minnie Maus aus Kaffeekapseln an ihrem Garagentor. Das Bild der berühmten Comic-Figur ist die Vorlage für das kleinere Werk, mit dem Lanter im Rahmen des «22. Kreativwettbewerbs Recyclingkunst aus Metallverpackungen 2021» anfangs Juli den Nespresso-Preis gewonnen hat. Um den Grössen-Vorgaben des Wettbewerbs von 50x50x80 Zentimetern zu entsprechen, hat sie kurzerhand eine Version aus ausgestanzten Kapseln angefertigt.

Normalerweise verwendet Lanter die ganze Kapsel. Mit einem Japanmesser schneidet sie deren Deckel weg, entfernt die Reste von gemahlenem Kaffee, wäscht die Kapseln aus und trocknet sie. Dann werden sie gepresst – entweder flach oder im Sternmuster. Je nach Presse erhält die Kapsel eine andere Farbgebung. Die rund 3,7 Zentimeter breiten Kreise klebt Lanter anschliessend auf Magnete und ordnet diese ihrer Vorlage entsprechend an.

Normal flach oder im Sternmuster: Je nach Presse erhalten die Kapseln eine andere Farbnuance.

Normal flach oder im Sternmuster: Je nach Presse erhalten die Kapseln eine andere Farbnuance.

Alex Spichale

Ihre Sammlung umfasst über 100'000 Kapseln

Seit 4,5 Jahren und seit sie nach dem Tod ihrer Schwägerin in den Besitz ihrer Kapselsammlung kam, beschäftigt sich Lanter mit solchen Bildern. In dieser Zeit hat sie schon einen Löwenkopf kreiert, ein kleines Reh, einen Bären, einen Sonnenuntergang mit Boot, einen Samichlaus und eben jetzt die Minnie Maus. Den Jahreszeiten entsprechend nimmt sie das bestehende Bild an ihrer Garage ab und ordnet die Kapseln anschliessend zu einer neuen Komposition an.

Lanters erstes Kapselprojekt: Ein Löwenkopf.

Lanters erstes Kapselprojekt: Ein Löwenkopf.

Alex Spichale

Für ein Bild benötigt Lanter jeweils 3584 Kapseln und rund 150 Arbeitsstunden. Damit man das fertige Bild überhaupt erkennen kann, gilt es, möglichst viele Farbpixel einzusetzen. Je mehr verschiedene Kapseln Lanter also verwenden kann, desto besser. Und weil jede Kaffeesorte eine andere Farbnuance hat, muss sie von den verschiedenen Sorten jeweils mehrere Kapseln sammeln. Von den gängigen hat sie mittlerweile genug. Die seltenen Farben – Spezialsorten von Nespresso, die jeweils nur wenige Wochen im Verkauf bleiben – seien hingegen schwierig zu besorgen. Sie sagt:

«Ich klappere regelmässig Sammelstellen ab und wühle mich durch die weggeworfenen Kapseln. Dafür habe ich auch schon entsetzte Blicke geerntet.»

Ist diese Suche nicht erfolgreich, versucht Lanter die fehlenden Farben und Kapseln via Internet zu besorgen. «Auf Facebook gibt es eine Community extra für Leute wie mich, die aus Kapseln Kunst herstellen», sagt sie. Mittlerweile besitzt die Künstlerin über 100'000 Kapseln in rund 210 verschiedenen Farbnuancen.

Ihr nächstes Projekt steht bereits angefangen auf einem Whiteboard im Atelier. Noch erkennt man zwischen den gelben, blauen und grauen Kreisen kein Muster. Dann zeigt die Künstlerin ihre Excel-Vorlage: Die Vorderansicht eines Postautos. «Als ehemalige Briefträgerin ist dieses Bild mein Herzensprojekt», sagt sie. Um das Postauto vervollständigen zu können, benötigt sie aber noch 54 Kaffee-Royal-Kapseln in Anthrazitgrau, die schon lange nicht mehr auf dem Markt sind. Um sie doch noch zu besorgen, zählt Lanter jetzt auf ihre Mitmenschen und auf die Facebook-Community.

Mittlerweile besitzt die Künstlerin rund 100'000 Kapseln in über 210 verschiedenen Farbtönen.

Mittlerweile besitzt die Künstlerin rund 100'000 Kapseln in über 210 verschiedenen Farbtönen.

Alex Spichale

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