Hubert Kirrmann will nicht schwarzmalen, aber zuschauen, wie mit falschen Zahlen operiert wird, das will er auch nicht. «Photovoltaik ist in aller Munde», sagt er, der als Ingenieur und Forscher bei ABB arbeitet und zudem Professor an der ETH Lausanne ist, in Bezug auf die aktuelle Energiedebatte. Aber diese Technik habe ihre Grenzen. In einer Studie zeigt er auf, dass Baden – würde die Stadt beschliessen Atomstrom durch Photovoltaik zu ersetzen – nicht einmal 10% des Verbrauchs von 2011 decken könne. Heute beträgt der Anteil Atomstrom in Baden mehr als 65%.

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Die günstigsten Dächer für Photovoltaikanlagen seien Flachdächer, schreibt Kirrmann in seiner Studie. Sie bieten eine grosse Fläche, die Anlagen wären günstiger und leicht zu montieren. Häuser mit schrägem Dach würden zwar mehr Gesamtfläche bieten, aber ihre Orientierung und Lage ergibt einen kleineren Ertrag – nur die Südseite ist günstig. Er nimmt an, dass nicht alle Hausbesitzer mitmachen würden und es auch nicht überall möglich wäre, Photovoltaikanlagen aufzubauen. Darum beschränkt sich Kirrmann in seiner Studie zunächst auf die Flachdächer.

Stromverbrauch nimmt zu

Er berechnet die geeignete Fläche in Baden auf 250000 Quadratmeter. Übers Jahr liessen sich durchschnittlich 10 W/m2 ernten. «Der Wirkungsgrad der Zellen wird zwar 20% überschreiten, aber das nützt nicht viel, denn man müsste ja jetzt mit dem Bau beginnen», sagt Kirrmann. So liesse sich gemäss Studie also im Jahre 2030 nicht mehr als die Hälfte des Kraftwerks Kappelerhof oder 10% des Stadtverbrauchs gewinnen, wobei im Sommer am Mittag die Leistung 100% des Verbrauchs decken würde. «Bis in 16 Jahren wird der Stromverbrauch wohl um mehr als 10% zugenommen haben, also sind wir dann so weit wie heute», schreibt Kirrmann. Auf der finanziellen Seite wäre der Plan durchaus umsetzbar. Die Kosten könnten über die Stromrechnung finanziert werden. Der Strompreis würde um etwa 0,025 Franken/kWh steigen.

Studie zeigt auch Alternativen auf

Wie gesagt: Hubert Kirrmann will nicht schwarzmalen. Er zeigt in seiner Studie Alternativen auf. Der Stromverbrauch könnte für das gleiche Geld um 10% reduziert werden – zum Beispiel mit LEDs für die Strassenbeleuchtung, Pumpen mit höherem Wirkungsgrad bei der Wasserversorgung oder besseren Haushaltgeräten. Man könnte die bestehenden Kraftwerke verbessern, Heizöl durch Geothermie ersetzen und so die CO²-Belastung senken oder sich an Windanlagen an den Küsten Europas beteiligen. In Baden selber lohne sich eine Windturbine – zum Beispiel auf der Baldegg – allerdings nicht.

Und noch einen interessanten Ansatz bietet die Studie: Für das gleiche Geld kann man dreimal so viel Strom aus Solarkraftwerken im Süden Europas beziehen. Diese Kraftwerke produzieren auch im Winter und dank Speicher auch nachts. Dabei muss nicht einmal der Strom transportiert werden, denn die Schweiz würde den Strom beziehen, den heute Spanien von Frankreich importiert. Auf den Hochspannungsleitungen vermischen sich ohnehin alle Stromquellen.

Dättwil. Gelb: 1. Klasse Flachdach. Orange: 2. Klasse Flachdach. Blau: brauchbares Schrägdach.

Dättwil. Gelb: 1. Klasse Flachdach. Orange: 2. Klasse Flachdach. Blau: brauchbares Schrägdach.

Kirrmann hofft, dass er mit seiner Studie einige Denkanstösse geben kann. Trotzdem ist auch er der Meinung: «Wir müssen uns im Verbrauch einschränken.» Wenn die erneuerbaren Energien bis zum Wegfall von Beznau 2019 nicht merklich zulegen und der Stromkonsum sich nicht drastisch reduziert, dann wird die Politik den Atomausstieg wahrscheinlich rückgängig machen.