Sexualkunde
«Frau Baer, warum machen die Leute Geräusche beim Sex?»

In Oberrohrdorf und Niederrohrdorf ist der Sexualkundeunterricht für alle Kinder ab der 5. Primarschule obligatorisch. Eine Ausnahme im Aargau. Zu Besuch bei Frau Baer.

Aline Wüst
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Schülerinnen der 5. Primarklasse Niederrohrdorf während der Sexualkunde – die zweiFigürchen faszinieren, weil sie sich küssen, sobald sie nah genug beieinanderstehen. Fotos: Chris Iseli

Schülerinnen der 5. Primarklasse Niederrohrdorf während der Sexualkunde – die zweiFigürchen faszinieren, weil sie sich küssen, sobald sie nah genug beieinanderstehen. Fotos: Chris Iseli

Chris Iseli

Der Ruf eilt der Sexualpädagogin Käthy Baer voraus und die Hallo-Frau-Baer-Rufe hinterher, wenn sie über den Pausenplatz geht.

Heute haben die 5.-Klässler von Niederrohrdorf ihre zweite Lektion Sexualkunde, Mädchen und Buben getrennt. Die Regeln kennen alle: Niemand wird ausgelacht, Persönliches wird nicht weitererzählt und wer schweigen will, darf das.

Eine der ersten Fragen der Mädchen an diesem Freitagmorgen: «Sie Frau Baer, wie sind Sie eigentlich zu diesem Beruf gekommen?» Käthy Baer erklärt, dass sie seit vielen Jahren Biologielehrerin an der Oberstufe sei. In diesen Lektionen werde zwar über die Vagina und den Penis gesprochen, sie habe aber immer gefunden, alles andere komme zu kurz – der Liebeskummer zum Beispiel, Stress mit den Eltern und die Sorgen der Pubertät. Darum hat Käthy Baer die Ausbildung als Sexualpädagogin gemacht. Seit sechs Jahren unterrichtet sie nun dieses Fach in Niederrohrdorf und Oberrohrdorf. Die Mädchen sind zufrieden mit der Antwort, haben aber noch eine zweite Frage: «Sie Frau Baer, warum machen die Leute Geräusche beim Sex?»

Und schon ist die Klasse mittendrin. Um Liebe, Sex und Pubertät soll es heute gehen und darum, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Nun nimmt sich Käthy Baer aber zuerst einmal Zeit, um das mit den Geräuschen beim Sex zu erklären – auch eine Regel übrigens: Die Kinder dürfen alles fragen. Also: «Nicht alle Menschen machen Geräusche beim Sex. Und diese Geräusche können Männer und Frauen nicht immer kontrollieren, sie passieren einfach, wenn es einem beim Sex so wohl ist.» In den Pornos aber, da müssten die Schauspieler laut stöhnen, das sei eine Vorgabe des Regisseurs, kein Zeichen von Lust. Ein Mädchen fragt: «Was ist ein Porno?» Frau Baer gibt die Frage weiter in die Runde. Ein Mädchen sagt, es habe das Gefühl, Pornos seien Liebesfilme. Frau Baer: «Nein, ein Porno hat wenig mit Liebe zu tun.» Es gehe da nur darum, dass ein Mann und eine Frau Geschlechtsverkehr haben. Da stehen Kameraleute rundherum und filmen. «Wäääh», sagen die Mädchen.

Wie geht das mit dem BH?

Frau Baer hat eine Tasche mit Gegenständen mitgebracht, die zur Pubertät gehören. Der Reihe nach dürfen die Kinder hineingreifen und etwas rausnehmen, dann wird darüber gesprochen.

Ein Mädchen zieht einen rosaroten Büstenhalter raus. Frau Baer: «Wisst ihr, wie man den anzieht?» Ein Mädchen probiert es, gibt ihn dann aber lieber weiter. «Du musst ihn vorne zu machen, dann drehen und raufklappen», sagt ein anderes. Es klappt.

Frau Baer fragt die Mädchen, ob sie wissen, wie die Grösse des BHs bezeichnet wird. «Push-up», sagt eines. Frau Baer hat die Körbchengrösse gemeint und erklärt den Unterschied. Daraus ergibt sich eine Diskussion, ob es nun schlimmer sei, ganz kleine oder sehr grosse Brüste zu haben.

In der Bubengruppe wird genauso gekichert, als einer den rosaroten Hello-Kitty-BH aus der Tasche zieht und ihn vor sich baumeln lässt. «Es gibt einen Trick, um den anzuziehen», sagt Frau Baer. Ein Bub versucht es und müht sich vergeblich damit ab, die Häkchen hinter dem Rücken zu verschliessen. Ein anderer zeigt ihm, wie es geht. «Ich habe das bei meiner Mami gesehen», erklärt er.

Käthy Baer beantwortet alle Fragen. Und wenn einige Buben am liebsten schon alle verschiedene Sex-Stellungen erklärt hätten, fragt sie behutsam: «Hast du denn einem Mädchen schon mal ein Kompliment gemacht?» Grundsätzlich seien Buben mehr technisch interessiert, im Gegensatz zu den Mädchen, die problemlos eine Lektion lang über das Gefühl der Enttäuschung reden könnten.

Käthy Baer findet, genauso wie von den Ohren gesprochen werde, müsse auch über das Schnäbi geredet werden. Und vom Storch zu reden, sei nicht fair. («Niemand wird gerne angelogen.») Die Aufklärung müsse jedoch altersgerecht sein, darum ändere sich ihr Unterricht jedes Jahr.

An der Kreisschule Rohrdorferberg beginnt der Sexualkundeunterricht in der fünften Primarschule und wird fortgeführt bis zur letzten Klasse. Sieben Lektionen sind es jedes Jahr. Das ist an den Aargauer Schulen eine Ausnahme. Denn einen obligatorischen Aufklärungsunterricht sieht der Lehrplan nicht vor. Der Kanton verlangt schlicht, dass diese Dinge altersgerecht und sorgfältig thematisiert werden. Wie das geschieht, ist Sache der einzelnen Lehrpersonen.

Wer hat ein Plüschtier?

Ein Bub greift in die Tasche – ein Deo. Er sagt: «Das ist für die Frauen.» Frau Baer will wissen, was das Deo mit der Pubertät zu tun hat. Ein Bub ist überzeugt, dass die Mädchen sich Deo unter die Arme schmieren müssen, wenn sie ein Date haben. «Damit sie nicht stinken.» Die Mädchen hingegen sagen, dass die Jungs es oft übertreiben mit dem Deo.

Beim Einwegrasierer sind sich Mädchen und Buben einig: Der ist für die Beine der Frauen. Und das Plüschbärli, das zum Vorschein kommt, finden alle herzig. «Wer hat ein Plüschtier zu Hause», will Frau Baer wissen. Fast alle strecken auf.
«Die Kinder leben in einer sexualisierten Welt. Sie sehen und hören vieles», sagt Käthy Baer und denkt dabei an die Plakate eines «Wellness-Clubs», die gerade im Nachbardorf hängen.

Zugleich würden Kinder mit ihren Fragen oft alleine gelassen. Suchen sie im Internet nach Antworten, stossen sie schnell auf pornografische Seiten. Im Gegensatz dazu biete der Sexualkundeunterricht einen sicheren Raum für alle Fragen.

Warum weinen Väter nie?

Es geht hier aber nicht nur um Sex und Verhütung. Die Mädchen sprechen am Freitagmorgen auch darüber, was sie tun, wenn sie traurig sind. Und als es bei den Buben darum geht, wann sie das letzte Mal geweint haben, sagt einer: «Gestern im Eishockey-Training, weil ich mir wehgetan habe.»

Die Buben sprechen über das Traurigsein. Frau Baer fragt, ob sie ihre Väter schon mal weinend sahen? Niemals, sagen die Buben. «Und die Mütter?» Viele nicken. Die Jungs vermuten, das sei, weil die Mütter den ganzen Tag zu Hause bei den Kindern verbringen müssen, während die Väter bei der Arbeit auch mal Ruhe haben. «Wir werden über solche Unterschiede in einer anderen Lektion noch reden», sagt Frau Baer.

Ein Bub zieht einen Tampon aus der Tasche – die Kinder können sich kaum mehr beruhigen, so sehr müssen sie lachen. «Ein Stöpsel», kichert einer. Frau Baer erklärt geduldig, wofür dieser Stöpsel gebraucht wird. Die Buben finden es «grusig». Die Mädchen finden das Kondom «Igitt». Die Zeit reicht nicht für alle Gegenstände. Die Pausenglocke ertönt. «Das geht immer so schnell vorbei», seufzt ein Mädchen.

Meinungen zum Sexualkundeunterricht:

Barbara Brunner, Mutter aus Oberrohrdorf

Barbara Brunner, Mutter «Als meine Tochter nach der ersten Lektion Sexualunterricht ohne Scham und mit guten Wörtern über diese Themen sprechen konnte, freute ich mich extrem. Darum empfinde ich diesen Unterricht als Bereicherung. Es ist wichtig, möglichst früh zu lernen mit der Sexualität umzugehen und auch mit einem nackten Körper. Wir gehen zu Hause unverkrampft damit um. Ich spreche immer dann mit den Kindern darüber, wenn sich eine Situation ergibt. Als sie den Ausdruck «Figg di» mit nach Hause brachten, erklärte ich ihnen, was das bedeutet und sagte ihnen, dass es bessere Ausdrücke dafür gibt.»

Barbara Brunner, Mutter «Als meine Tochter nach der ersten Lektion Sexualunterricht ohne Scham und mit guten Wörtern über diese Themen sprechen konnte, freute ich mich extrem. Darum empfinde ich diesen Unterricht als Bereicherung. Es ist wichtig, möglichst früh zu lernen mit der Sexualität umzugehen und auch mit einem nackten Körper. Wir gehen zu Hause unverkrampft damit um. Ich spreche immer dann mit den Kindern darüber, wenn sich eine Situation ergibt. Als sie den Ausdruck «Figg di» mit nach Hause brachten, erklärte ich ihnen, was das bedeutet und sagte ihnen, dass es bessere Ausdrücke dafür gibt.»

Chris Iseli

Louis, 10 Jahre, Schüler aus Oberrohrdorf

Louis, 10 Jahre, Schüler «Vom Sexualkundeunterricht bei Frau Baer habe ich in der 3. Klasse von einem Nachbarsbub erfahren, der schon in der Oberstufe war. Damals habe ich das gar noch nicht so richtig verstanden. Jetzt freue ich mich darauf. Ich glaube, dass es ein paar peinliche Momente geben wird. Trotzdem finde ich es wichtig. Falls man später einmal Kinder will, sollte man schliesslich verstehen, wie das alles funktioniert. Bisher habe ich immer meine Mutter gefragt, wenn ich etwas wissen wollte. Bei ihr kann ich sicher sein, dass alles stimmt.»

Louis, 10 Jahre, Schüler «Vom Sexualkundeunterricht bei Frau Baer habe ich in der 3. Klasse von einem Nachbarsbub erfahren, der schon in der Oberstufe war. Damals habe ich das gar noch nicht so richtig verstanden. Jetzt freue ich mich darauf. Ich glaube, dass es ein paar peinliche Momente geben wird. Trotzdem finde ich es wichtig. Falls man später einmal Kinder will, sollte man schliesslich verstehen, wie das alles funktioniert. Bisher habe ich immer meine Mutter gefragt, wenn ich etwas wissen wollte. Bei ihr kann ich sicher sein, dass alles stimmt.»

Chris Iseli

Julia, 12 Jahre, Schülerin aus Oberrohrdorf

Julia, 12 Jahre, Schülerin «Ich freue mich auf den Sexualkundeunterricht, auch wenn es ein bisschen seltsam sein wird, über diese Dinge zu reden. Aber Frau Baer weiss ja sehr gut Bescheid. Ich denke, dass wir Mädchen etwas über Verhütung lernen werden und auch über «unsere Tage». Es gibt so viele Gerüchte zu all diesen Themen, der Sexualkundeunterricht ist gut, weil wir dann alle auf dem gleichen Wissensstand sind.»

Julia, 12 Jahre, Schülerin «Ich freue mich auf den Sexualkundeunterricht, auch wenn es ein bisschen seltsam sein wird, über diese Dinge zu reden. Aber Frau Baer weiss ja sehr gut Bescheid. Ich denke, dass wir Mädchen etwas über Verhütung lernen werden und auch über «unsere Tage». Es gibt so viele Gerüchte zu all diesen Themen, der Sexualkundeunterricht ist gut, weil wir dann alle auf dem gleichen Wissensstand sind.»

Chris Iseli

Kim, 14 Jahre, Schülerin aus Remetschwil

Kim, 14 Jahre alt, Schülerin «Ich bin jetzt schon zum vierten Mal im Sexualkundeunterricht. Ich habe viel gelernt und wüsste vieles nicht, wenn wir Frau Baer nicht hätten. Zum Beispiel habe ich nicht gewusst, dass es so viele verschiedene Verhütungsmittel gibt. Auch bei der Menstruation weiss ich jetzt genau, wie das alles funktioniert. Mit der Klassenlehrerin hätte ich diese Themen nicht besprechen wollen. Irgendwie hätte ich dann das Gefühl, dass sie zu viel von mir weiss. Mit meinen Eltern könnte ich schon darüber reden, aber das ist doch irgendwie peinlich, oder nicht?»

Kim, 14 Jahre alt, Schülerin «Ich bin jetzt schon zum vierten Mal im Sexualkundeunterricht. Ich habe viel gelernt und wüsste vieles nicht, wenn wir Frau Baer nicht hätten. Zum Beispiel habe ich nicht gewusst, dass es so viele verschiedene Verhütungsmittel gibt. Auch bei der Menstruation weiss ich jetzt genau, wie das alles funktioniert. Mit der Klassenlehrerin hätte ich diese Themen nicht besprechen wollen. Irgendwie hätte ich dann das Gefühl, dass sie zu viel von mir weiss. Mit meinen Eltern könnte ich schon darüber reden, aber das ist doch irgendwie peinlich, oder nicht?»

Chris Iseli

Sandra Münz, Lehrerin in Oberrohrdorf

Sandra Münz, Lehrerin «Die Sexualität und alles drum herum ist bei den Kindern ein Dauerthema. Dieses Fach ist ein wichtiger Gegenpol zum Bild der Sexualität, das die Jungs aus den Pornos bekommen. Und von dem, was ich höre und davon, was Buben erzählen und wissen, haben im Primarschulalter fast alle schon einmal einen Porno gesehen. Von meinen 5.-Klässlerinnen haben einige auch schon ihre Menstruation. Da ist es wichtig, dass sie Bescheid wissen über die Empfängnis. Es gab auch schon Diskussionen mit Eltern. Ich sage ihnen dann einfach, dass der Unterricht obligatorisch ist.»

Sandra Münz, Lehrerin «Die Sexualität und alles drum herum ist bei den Kindern ein Dauerthema. Dieses Fach ist ein wichtiger Gegenpol zum Bild der Sexualität, das die Jungs aus den Pornos bekommen. Und von dem, was ich höre und davon, was Buben erzählen und wissen, haben im Primarschulalter fast alle schon einmal einen Porno gesehen. Von meinen 5.-Klässlerinnen haben einige auch schon ihre Menstruation. Da ist es wichtig, dass sie Bescheid wissen über die Empfängnis. Es gab auch schon Diskussionen mit Eltern. Ich sage ihnen dann einfach, dass der Unterricht obligatorisch ist.»

Chris Iseli

Erika Solèr, Schulsozialarbeiterin

Erika Solèr, Schulsozialarbeiterin «Für die Lehrer und auch für mich als Schulsozialarbeiterin ist es eine grosse Entlastung, dass es an dieser Schule Sexualkundeunterricht gibt. Auch für die Kinder, denn sie wissen, dass sie Frau Baer alles fragen können. Die Sexualität ist schon ein riesiges Thema. Ich merke das, wenn ich Klasseninterventionen mache, weil beispielsweise Ausdrücke wie «figg di» und Hurensohn überhandnehmen. Ich rede dann mit den Kindern über diese Begriffe, erkläre ihnen, was sie bedeuten. Sie freuen sich, dass eine erwachsene Person mit ihnen darüber spricht und sie ernst nimmt.»

Erika Solèr, Schulsozialarbeiterin «Für die Lehrer und auch für mich als Schulsozialarbeiterin ist es eine grosse Entlastung, dass es an dieser Schule Sexualkundeunterricht gibt. Auch für die Kinder, denn sie wissen, dass sie Frau Baer alles fragen können. Die Sexualität ist schon ein riesiges Thema. Ich merke das, wenn ich Klasseninterventionen mache, weil beispielsweise Ausdrücke wie «figg di» und Hurensohn überhandnehmen. Ich rede dann mit den Kindern über diese Begriffe, erkläre ihnen, was sie bedeuten. Sie freuen sich, dass eine erwachsene Person mit ihnen darüber spricht und sie ernst nimmt.»

Chris Iseli