Obersiggenthal

Freikirche Life Kingdom Church wurde aufgelöst – Pastor wegen sexueller Gewalt und Veruntreuung angezeigt

Die Kirche befand sich im Oederlin-Areal in Rieden.

Die Kirche befand sich im Oederlin-Areal in Rieden.

Die Meldung lässt aufhorchen: «Life Kingdom Church dauerhaft geschlossen», heisst es auf der Website der Freikirche in Obersiggenthal. Mehr findet man aber nicht; die einst umfangreiche Plattform wurde komplett gelöscht. Sogar im Telefonbuch sind alle Spuren verschwunden.

Einzig die Bewertung von Life Kingdom Church (LKC) springt bei Recherchen im Internet noch ins Auge: Die Freikirche hatte von den Nutzern fünf von maximal fünf Punkten erhalten, also die Bestnote. Deshalb stutzt man, dass die angebliche Vorzeige-Kirche Knall auf Fall aufgelöst worden ist.

Für die abrupte Auflösung ist der dunkelhäutige Pastor I. (Name von der Redaktion geändert) verantwortlich. Seit Jahren hatten Gläubige immer wieder schwere Vorwürfe gegen ihn erhoben, die aber vom Vorstand nicht näher untersucht worden waren. Ende letzten Jahres kam es dann zum Eklat: Mehrere Gläubige erstatteten Anzeige bei der Staatsanwaltschaft, wie Insider berichten.

Eine Gläubige beschuldigt ihn der sexuellen Gewalt. Auch der Vorstand der LKC zeigte ihn wegen mutmasslicher Veruntreuung an (für den Pastor gilt die Unschulds­vermutung). Der Vorstand und viele der über 100 Gläubigen sind geschockt, wie eine Betroffene sagt. Denn der Pastor wurde von den Gläubigen jahrelang als Gesandter Gottes und Heilsbringer verehrt. Von vielen sogar als der neue Messias, der wie Jesus viele Kranke geheilt haben soll.

Pastor hatte mehrer Affären mit Gläubigen

Der 44-jährige Pastor ist eine charismatische Person. Er baute die LKC zu einer florierenden Freikirche mit drei Angestellten aus. Im Sold standen auch der Pastor und seine Ehefrau. Im Laufe der Jahre wurde seine Zuneigung zu einzelnen Frauen der Freikirche offensichtlich. Vor etwa zweieinhalb Jahren begann es in der Freikirche zu rumoren. Gerüchte machten die Runde, dass seine Beziehungen zu Frauen aus der LKC manchmal über die seelsorgerische Nähe hinausgehen würden.

Einzelne Gläubige meldeten ihr Unbehagen auch dem Vorstand – die LKC ist als Verein organisiert. Doch dem als dominant beschriebenen Pastor gelang es offenbar immer wieder, die Vorwürfe zu zerstreuen. Er habe dabei massiven Druck ausgeübt, sagt eine Betroffene und ergänzt, dass manche Gläubige traumatisiert worden seien. Inzwischen ist auch den Führungskräften der Freikirche klar geworden, dass der Pastor mehrere Affären hatte.

Damals kehrten mehrere Gläubige der LKC den Rücken, weil sich der Vorstand schützend vor seinen Pastor gestellt und ihm mehr vertraut hatte als den Gläubigen.

Pastor soll mehrere Frauen um Geld angebettelt haben

Ende Jahr verdichteten sich die Hinweise auf das Fehlverhalten des Pastors so stark, dass auch der Vorstand nicht mehr wegschauen konnte. Der Konflikt mit dem Pastor eskalierte, und dem Vorstand wurde klar, dass es sich höchstwahrscheinlich um strafrechtlich relevante Vergehen handelte. Nun fiel das Kartenhaus der Freikirche zusammen, mehrere Gläubige reichten eine Anzeige ein.

Es meldeten sich auch Frauen, die erklärten, der Pastor habe sie angebettelt. Dabei soll es sich teilweise um erhebliche Beträge handeln. Diese verwendete der Pastor offenbar für sich persönlich und behandelte sie nicht als Spenden. Ausserdem entdeckte der Vorstand kircheninterne finanzielle Unregelmässigkeiten. Schliesslich zeigte der Vorstand den Pastor wegen Veruntreuung an, wie ein Vorstandsmitglied bestätigte.

Der Vorstand sah keine andere Lösung, als den Verein sofort aufzulösen. Wie es konkret mit den Finanzen steht, ist noch nicht klar. Die Frauen, die dem Pastor Geld geliehen haben, können kaum damit rechnen, dass der Pastor dieses zurückzahlt. Denn es ist nicht bekannt, wo sich der Pastor aufhält. Er war auch nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Manche Gläubige vermuten, dass er versuchen wird, im nahen Ausland eine neue Freikirche zu gründen. Auch der Medienbeauftragte der LKC beantwortete die Fragen dieser Zeitung nicht.

Einige LKC-Mitglieder suchten bei der Zürcher Sektenberatungsstelle InfoSekta Rat, wie die Leiterin Susanne Schaaf bestätigt. Zudem berichteten Angehörige von LKC-Mitgliedern der Beratungsstelle, dass diese nach dem Beitritt zur Freikirche zunehmend verblendet geworden seien und ein fanatisches Auftreten an den Tag gelegt hätten. Auch hätten sich Gläubige von der Familie abgesondert.

Ratsuchende erzählten ausserdem von gravierenden Familienkonflikten, weil die Gläubigen ihre Kinder gegen den Willen des Ehepartners zu den freikirchlichen Versammlungen mitnahmen. Diese hatten Angst, dass auch die Kinder indoktriniert würden. Aussteiger berichteten weiter, der Pastor habe alleinstehenden Gläubigen nigerianische Männer zwecks Eheschliessung vermittelt.

Hochzeitsfotos in der Fotogalerie der Freikirche belegten die gemischten Ehen. Aussteiger kritisierten weiter, die Finanzlage sei undurchsichtig. Sie verdächtigten den Pastor auch, Spendengelder zu veruntreuen.

Viele stehen auch heute noch hinter dem Pastor

Ratsuchende berichteten zudem, dass der Pastor den Gläubigen bei jeder Gelegenheit mit dem Satan gedroht habe. Wer ungehorsam sei, öffne diesem die Türe und ziehe Krankheiten an. Das gleiche gelte für Gläubige, die schlecht über den Pastor sprechen oder die geforderte Spende in der Höhe von zehn Prozent des Einkommens nicht bezahlen würden. Gedroht habe der Pastor auch, dass Gläubige, welche die LKC verlassen, den Schutz Gottes verlieren würden.

Trotz der negativen Erfahrungen, die Gläubige in der LKC gemacht haben, scheinen sie nicht in ihrem strengen freikirchlichen Glauben erschüttert worden zu sein. Viele glauben vielmehr auch heute noch, dass I. in der Rolle des Pastors ausgezeichnete Arbeit geleistet habe und von Gott gelenkt worden sei.

Manche loben auch seine Heilungsrituale. Die Verfehlungen des Pastors im Privatleben schreiben sie «dunklen Mächten» zu, die ihn verführt hätten, wie eine Gläubige sagte. Dabei handelt es sich in den Augen der Gläubigen um den Satan.

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