Er sass da, in sich gekehrt, die Haare ganz kurz geschoren, die Augen verschämt niedergeschlagen. Zwar war es nicht das erste Mal, dass der 29-jährige Mathias (Name geändert) vor Richtern sass. Die Tatsache, dass diesmal eine dritte Klasse der Kanti Baden der Verhandlung beiwohnte, hatte Mathias aber sichtbar erschreckt.

Die Schüler verfolgten konzentriert das Geschehen – bis auf zwei. Ein Bursche und ein Mädchen beschäftigten sich ausschliesslich mit sich selbst – streicheln, Händchen halten, aneinanderschmiegen, tiefe Blicke austauschen. Im Gerichtssaal zeugt dieses Verhalten jedoch von Respektlosigkeit – auch dem Beschuldigten gegenüber.

Das gilt auch, wenn dieser, wie Mathias, ein Alkoholiker ist. Einer, der schon morgens eine Flasche Wodka kippt, einer dessen Organismus sich so sehr an den Alkohol gewöhnt hat, dass er schon mehrfach mit einer Blutalkoholkonzentration von vier Promille überlebt hat.

Körperverletzung und Drohung

Nun ist Saufen ja nicht verboten. Wohl aber, wenn einer, wie Mathias, im Vollsuff immer wieder ausrastet. So wie an einem Abend im April 2013 in Wettingen. Der Beschuldigte war mit dem Velo unterwegs. Drei junge Männer, die auf einer Parkbank sassen, fragte er, ob sie Bier und etwas zu «kiffen» für ihn hätten. Als diese verneinten, verpasste Mathias dem einen eine Ohrfeige, dieser wehrte sich, worauf Mathias den Veloständer abriss und ihn dem Kontrahenten über die Stirn schlug. Die Platzwunde, die das Opfer erlitt, musste von einem Arzt geklebt werden.

Opfer von Mathias wurden auch mehrere Polizisten. Wenn er daheim in der Wohnung seiner Mutter immer wieder mal randalierte, mussten mehrfach Beamte ausrücken, um ihn ins Spital oder in die Psychiatrische Klinik Königsfelden zu bringen. Dabei schlug und trat Mathias jedes Mal wild um sich, spuckte, bedrohte und beschimpfte die Polizisten aufs Hässlichste.

Weitere Anklagepunkte gegen Mathias waren Sachbeschädigungen. Aus Wut, weil er kein Geld aus dem Automaten beziehen konnte, hatte er bei der Wettinger Filiale der Neuen Aargauerbank einen Aschenbecher aus der Wand gerissen. Weiter wurde im versuchte Nötigung vorgeworfen: Im Januar 2014 hatte Mathias einen Mitbewohner in einer therapeutischen Institution mit einem Messer bedroht, um seiner Rückforderung von angeblich geliehenem Geld Nachdruck zu verleihen.

Ein Weg direkt ins Grab

Im September 2009 war Mathias vom Bezirksgericht Zürich zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten verurteilt worden. Er hatte eine stationäre Massnahme angetreten, sie dann aber abgebrochen, um wiederum eine andere anzutreten. In eine ambulante Therapie hatte er gewechselt, verbunden mit betreutem Wohnen – es hat alles nichts genützt. 2010, 2011 und 2012 war Mathias in Baden zu weiteren Freiheitsstrafen zwischen zehn und 120 Tagen verurteilt worden.

Seit eineinhalb Jahren hat er einen Beistand. Dieser sagte vor Gericht, dass sein Schützling vor zwei Monaten mit einem Entzug begonnen habe, der gut anschlage: «Er hat eingesehen, dass eine stationäre Therapie für ihn die einzige Möglichkeit ist, einen Lebensweg zu finden, der nicht direkt ins Grab führt.» Er habe sich auch bereits bei einer Institution beworben, in der Null-Toleranz gelte und habe die Zusage, dass er aufgenommen würde. Der Staatsanwalt gab seinen Zweifeln an der Massnahmen-Willigkeit von Mathias Ausdruck und forderte eine unbedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten.

Eine letzte Chance

Das Gericht folgte diesem Antrag, schob den Vollzug der Strafe aber zugunsten einer stationären Therapie auf: «Wir geben ihnen damit nochmals eine Chance, aber es ist ganz klar die letzte», gab Gerichtspräsident Guido Näf dem 29-Jährigen auf den Weg. Ob dieser Mathias endlich in ein geordnetes, «trockenes» Leben führt, liegt jetzt alleine in seinen Händen.