Man begegnet ihr am ehesten auf dem Merker-Areal: Dunkel gekleidet, schlank, schwarze Haare, aufrecht gehend und unauffällig, wenn da nicht dieses geheimnisvolle Lächeln wäre, dem man sich nicht entziehen kann. Beim Vorbeigehen sehe ich Ruth Maria Obrist (62) oft in ihrem Atelier stehen. Obschon kein Kunstsachverständiger, habe ich mir gewünscht, diese Frau für ein Interview zu treffen.

Im Atelier trägt sie eine Handwerkerschürze. Und würden nicht Modelle oder begonnene Kunstwerke herumstehen, könnte man sich in einer Werkstätte wähnen. Doch dann zieht einen die Künstlerin in ihren Bann. Es beginnt zu funkeln in ihren Augen, wenn sie von der künstlerischen Tätigkeit erzählt, von der Kunstwerdung, wie sie bei ihr stattfindet. Dabei werde experimentiert, Materialien würden ausprobiert und auf ihre Möglichkeiten der Darstellung und Grenzen ihrer Bearbeitung getestet. «Hier im Atelier kann ich machen, was ich will», erklärt Obrist ihre Arbeit. Und schränkt gleichzeitig ein: «Ich meine damit, wenn ich frei etwas schaffe. Es ist ein Unterschied, wenn ich in einem Auftrag arbeite.»

Doch auch in ihrem freien Schaffen sind es die strengen Formen, die dominieren, geordnete Strukturen, eine mystische Klarheit, nahezu Symbolik, die all ihre Kunstwerke verbinden. Sie widerspiegeln die Faszination für das Ausschöpfen der künstlerischen Dimensionen des Materials, um es dann in eine mathematische Struktur zu bringen. Obrists Kunst lässt jedoch nicht kalt.

Sie berührt, strahlt auf eine ganz spezielle Art Wärme aus. Es ist, als würde sie einladen, diese geschaffene Sinnlichkeit oder Melancholie anzufassen. Egal, um welche Materialien es sich handelt, ob Metalle, Papiere, textile Stoffe oder gar Bitumen. «Ich liebe diese Materialien, ich kann mich ihrer nicht entziehen, ich muss sie berühren, um sie näher zu entdecken», beschreibt Ruth Maria Obrist. Für sie ist alles formbar, und wenn sie auch an die Schmerzgrenze oder an die Grenzen des Machbaren geht.

Materialien als Faszination

So erzählt sie, wie sie eine Arbeit für ein Spital geschaffen habe. Es ist eine faszinierende, raumhohe Skulptur aus Kupferdrähten. Das sich noch im Bau befindliche Spital offenbarte ein Chaos von Röhren, Kabeln und Leitungen. Dabei sei ihr der Vergleich mit dem menschlichen Körper mit all den Blut- und Nervenbahnen sowie Muskelsträngen in den Sinn gekommen. «Kupfer ist lebenswichtig, und Kupfer leitet, so kam ich in meinen Gedanken auf dieses Material.» Das Formen der Kupferdrähte forderte von ihr und ihren Helferinnen und Helfern alles ab. Doch auf das Geschaffene ist sie stolz.

Sie habe schon Monate lang experimentiert, bis sie das erreicht hätte, was sie sich vorgestellt habe. «Doch es ist auch positiv, einen solchen Prozess durchzuhalten. Und ich kann ganz schön hartnäckig sein», fügt sie schelmisch schmunzelnd an. Grenzen gibt es aber auch für sie: «Bei Metallen nehme ich immer wieder Hilfe von Fachleuten in Anspruch. Sie helfen mir bei der Entwicklung und Bearbeitung, wenn mir dazu die notwendigen Einrichtungen und das Wissen fehlen.»

Zu ihrer formalen Exaktheit kommt die Anordnung und Platzierung am Standort, wenn ihre Kunst in den öffentlichen Raum gestellt wird. «Dort, wo die Menschen gezwungenermassen der Kunst immer wieder begegnen, erfordert es eine besondere Auseinandersetzung mit den örtlichen Begebenheiten, der Geschichte, aber auch den Erwartungen», erklärt Obrist. Bei Kunstobjekten im öffentlichen Raum erforscht sie den Standort und macht sich Notizen. «Inzwischen habe ich 40 Notizbücher vollgeschrieben», sagt sie. Manchmal habe sie die Lösung sehr schnell, manchmal verwerfe sie aber eine Idee wieder, sammle Informationen und kreise das Thema ein. In diesem Denkprozess und vom Gefühl gesteuert gelange sie ans Ziel.

Immer wieder Friedhof-Aufträge

Die meisten Aufträge für Gestaltungsarbeiten kommen über Anfragen herein. «Es hat sich so ergeben», sagt sie und meint, dass sie sich selber schlecht verkaufen könne. In einer Sparte ist sie eine Meisterin. «Ja, Wettbewerbe für Kunst auf Friedhöfen habe ich meistens gewonnen», sagt sie, hält kurz inne und nennt den Grund: «Vielleicht ist es darum, weil ich weiss, was es heisst, auf dem Friedhof zu stehen.» Es ist ihre persönliche Geschichte, die eigene Erfahrung mit dem Tod. «Ich denke, das hat sich auf mein Kunstschaffen ausgewirkt», sagt sie heute mit dem inzwischen gewonnenen Abstand. Die Geschichte ist abgeschlossen, und irgendwie lebt sie wohl weiter. Doch der Respekt gebietet es dem Interviewer, nicht mehr nachzuhaken.

Eigentlich war ihr Weg als Künstlerin wie vorgegeben. Mathematik-Studium oder Kunstgewerbeschule war die Vorstellung der damals in Turgi wohnhaften BezLehrerin. «Mathe war aber damals nur für Buben, und das andere führt nur in die brotlose Kunst», habe es in ihrem bürgerlichen Beamten-Zuhause geheissen, erinnert sie sich. So liess sie sich zur Hauswirtschaftslehrerin ausbilden. Mit dem Lehrerpatent in der Tasche ging es zuerst ein Jahr nach Amerika. Dann habe sie eine Stelle in Rothrist angetreten. «Ich wusste vorher einzig, dass dort Rivella produziert wird», sagt sie und lacht. Es zog sie aber bald Richtung Kunst, zuerst über einen Vorkurs in Basel. Doch dann kam ein anderes Kapitel: Sie wirkte als eine der ersten Museumspädagoginnen der Schweiz bei einem Pilotprojekt mit.

Erfolg in den Schoss gefallen

Der künstlerische Erfolg Mitte ihrer Zwanziger fiel ihr beinahe in den Schoss. Als sie an der Kunstgewerbeschule in Zürich beim bekannten Papierdesigner Franz Zeier die Schulbank gedrückt hatte, wurde sie fast anderntags als Lehrerin für Papierunterricht vorgeschlagen. Ihre Arbeiten wurden ausgezeichnet und ausgewählt für eine Ausstellung. «Es hat sich einfach alles so ergeben», sagt Obrist, dies in aller Bescheidenheit.

So sei eben der Lauf der Dinge in der Kunst, meint Obrist: «Man wird entdeckt, kann so einsteigen, und irgendwie pflanzt sich alles fort», schildert sie den Werdegang. «Ich habe noch nie irgendwo angefragt oder gebeten, ein Kunstwerk machen zu dürfen. Ich kann das einfach nicht», und fügt gleich an: «Heute lernt man, sich zu verkaufen an den Kunsthochschulen.»

Als junge Hausfrau und Mutter sei ihre Kunst manchmal auf dem Küchentisch entstanden. «Von Kunst leben wäre damals nie ein Thema gewesen», sagt sie mit Blick zurück. Lange Zeit war sie mit dem Badener Architekten Dieter Zulauf verheiratet. Heute geht sie ihren eigenen Weg. «Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mich besser verkaufen müsste», wirft sich Obrist beinahe selber vor, etwas nachdenklich geworden. Trotz ihres Alters will sie nicht an Ruhestand denken: «Solange ich nicht altersschwach oder dement bin, werde ich weiter arbeiten.»

Hat Kunst auch noch Zukunft?

Ob Kunst auch in Zukunft für den Broterwerb tauglich bleibe? «Wenn es in der Wirtschaft nicht gut läuft, bekommt es auch die Kunst zu spüren», so Obrist. Ihre Begründung: «Es gibt weniger Kunst am Bau, weniger Wettbewerbe und Kunstförderung allgemein.» Die jüngsten Sparmassnahmen im Grossen Rat des Kantons geben ihren Bedenken recht.

Ruth Maria Obrist durfte von einer Städtegemeinschaft, in der Baden beteiligt ist, vor vier Jahren ein dreimonatiges Atelierstipendium in Genua bestreiten. Es ist wohl der Lohn für ihr beharrliches Kunstschaffen gewesen, das Dutzende von Ausstellungen und Kunstaufträgen ausweist. Der aufmerksame Betrachter kann da und dort ihren Werken begegnen. Aktuell im Kunsthaus in Aarau ihrer «Armada» und demnächst einem weiteren in Baden – auf dem Friedhof Liebenfels.