Der Fall ereignete sich an einem Donnerstagnachmittag in einer Ortschaft nahe bei Baden: Die Angeklagte hatte sich mit ihrem Freund zerstritten, der Schmerz sass tief. Vor lauter Frust griff sie zu den Bierdosen und betrank sich zu Hause alleine. Als ihr das Bier ausging, beschloss sie, an der nahe gelegenen Tankstelle Nachschub zu holen. Nur 350 Meter liegt die Tankstelle von ihr entfernt; dennoch stieg sie für die kurze Strecke ins Auto. Eine schlechte Idee mit fatalen Folgen.

1,8 Promille Alkohol hatte sie zu dem Zeitpunkt im Blut. Auf der Fahrt zurück nach Hause hielt das vor ihr fahrende Auto an, da gerade ein Fussgänger beim Zebrastreifen über die Strasse lief. Die Angeklagte reagierte zu spät und fuhr dem Fahrzeug ins Heck. Der Lenker, der dem Fussgänger korrekt den Vortritt gewährt hatte, erlitt bei der Kollision ein mittelschweres Beschleunigungstrauma der Halswirbelsäule. Das Auto der Angeklagten erfuhr einen Totalschaden.

Voller Angst, man könne ihr den Führerausweis entziehen – es wäre bereits das zweite Mal –, fuhr die Angeklagte ohne Hilfe zu leisten mit dem kaputten Auto nach Hause, trug das gekaufte Bier in die Wohnung hinauf und verschanzte sich. Als die Polizei bei ihr klingelte, liess sie niemanden hinein. Sie versteckte sich und trank unterdessen weiter.

Angeklagt wurde die heute 36-jährige wegen einer langen Liste von Straftaten: fahrlässige Körperverletzung, Fahren in fahrunfähigem Zustand, pflichtwidriges Verhalten bei Unfall und Verhinderung der Personenkontrolle sowie der Feststellung ihrer Fahruntüchtigkeit. In ihrer Wohnung fanden die Behörden zudem 8,5 Gramm Marihuana. Die Beschuldigte soll während zweier Jahre alle zwei Wochen ein bis zwei Joints geraucht haben, insgesamt 78 Gramm Marihuana.

Schon früher betrunken gefahren

Vor Bezirksgericht zeigte sich die Angeklagte reuig: Die Schuld für den Unfall liege klar bei ihr und sie könne sich nicht erklären, warum sie betrunken ins Auto gestiegen war. «Ich hätte genauso laufen können», sagte sie mit zittriger Stimme.

Eine regelmässige Trinkerin sei sie nicht, obwohl sie bereits etliche Bussen wegen Alkohol am Steuer zu begleichen hatte und ihr deshalb einmal sogar der Führerausweis für drei Monate entzogen worden war. Seit dem Unfall habe sie ihre Trinkgewohnheiten reduziert von einmal in der Woche auf hie und da ein Glas Wein mit der Familie. Zudem habe sie von sich aus ihren Führerausweis endgültig abgegeben. Ein Auto besitze sie nicht mehr, auch ihr Partner habe keins. Sie fahre nun mit dem Velo oder dem Bus zur Arbeit. «Für mich ist das besser jetzt.»

Vorstrafen werden zum Verhängnis

Bezirksrichterin Gabriella Fehr würdigte das kooperative Verhalten der Angeklagten. Sie habe die Konsequenzen gezogen und den Ausweis auf unbestimmte Zeit abgelegt. «Ich hoffe, sie halten sich daran und steigen nicht einfach in ein anderes Auto», sagte die Richterin. Auch dass die Angeklagte ein stabiles Arbeitsverhältnis habe, spreche für eine positive Prognose. Dennoch: Wegen den Vorstrafen und der Schwere der Tat, müsse mindestens ein Teil der Strafe unbedingt ausgesprochen werden. Statt 270 Tagessätze à 120 Franken, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, muss die Schuldige 90 Tagessätze zahlen und die restlichen 180 nur, wenn sie sich in den nächsten zwei Jahren etwas zu Schulde kommen lässt.

Ihr Verteidiger hatte noch auf höchstens 60 Tagessätze plädiert. «Es geht um die Frage, ob die Angeklagte eine neue Chance verdient hat. Darüber hat sich die Staatsanwaltschaft offenbar keine Gedanken gemacht», sagte er. Die Schuldige muss zudem die Gerichts- und Anwaltskosten begleichen sowie 200 Franken Busse für den Marihuana-Besitz.