Baden
«Fühle mich wie im Wohnzimmer»

Das Phil Markowitz Trio spielte in der Stanzerei – das Konzert war beinahe eine Offenbarung. Der 60-jährige Musiker wirkte inspiriert wie nie - und machte das Konzert zu einem wahren Genuss.

Jürg Blunschi
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Verblüffende Synchronität: Das Phil Markowitz Trio. Adrian Métry

Verblüffende Synchronität: Das Phil Markowitz Trio. Adrian Métry

Dass selbst in der eigentlich ausgereizten Spielart des Jazz-Piano-Trios noch Steigerungen und Überraschungen möglich sind, hat das Konzert mit dem amerikanischen Pianisten Phil Markowitz am Freitag in der Stanzerei gezeigt. Der 60-jährige Musiker trat an diesem «Kulak»-Anlass zusammen mit dem Bassisten Jay Anderson und dem Schlagzeuger Obed Calvaire auf. Markowitz präsentierte ein aus Standards und Eigenkompositionen gemischtes Programm. Letztere waren ausgedehnte, programmatische Exkursionen, denen der Pianist mündliche Erklärungen vorangehen liess. Die Standards wiederum modelte Markowitz zu weitgehend eigenen Werken um, deren ursprüngliche Akkordstrukturen er stehen liess, die Melodien dagegen nachgerade umpflügte, «vielleicht zu extrem», wie er zu zwei Songs von Duke Ellington und Cole Porter selbstkritisch anmerkte.

Und er fühle sich wie in einem Wohnzimmer, fügte er an, anspielend darauf, dass Musiker und Publikum auf gleicher Ebene sassen und die Bestuhlung nur zwei Reihen tief, dafür im weiten Halbrund um die Instrumente reichte. Diese familiäre Umgebung schien Markowitz und seine Partner zu inspirieren, denn bezüglich melodischen Reichtums, Spielwitz und Geschlossenheit im Trio war dieses Konzert beinahe eine Offenbarung.

Dramatisierend und ausgreifend

Der Pianist selbst pflegt einen dramatisierenden, ausgreifenden und rhythmisch meist freien Improvisationsstil, der sich in Gestus und Effekt schon mit einer Klaviersonate aus der klassischen Musik vergleichen lässt, dafür nur wenig gemein hat mit dem konventionellen, aus dem Bebop stammenden modernen Jazzpiano. Repräsentativ dafür war «Taxi Ride», wo Markowitz auf eine Taxifahrt durch New York mitnahm, eine ausgedehnte, aufwühlende klangmalerische Skizze, in der man, vor lauter Kreuzungen, Rotlichtern, Überholmanövern und Stop-and-Go, förmlich auf dem Rücksitz durcheinander geschüttelt wurde.

Eine Entdeckung war Schlagzeuger Obed Calvaire. Sein unspektakuläres Spiel baut auf skelettartige Strukturen, lässt jeden Firlefanz weg, wechselt gelegentlich von rhythmisch weitgehend abstraktem Spiel zu einem spartanisch ausgedeuteten regelmässigen Beat. Verblüffend jedoch war die absolute Synchronität mit dem Piano: Calvaire scheint alle Kompositionen und Arrangements im Kopf gespeichert zu haben, derart stimmte jedes Detail, jeder Akzent, jede Wendung. Dazu eine gute Prise Intuition und Kongenialität innerhalb des Trios: So lässt es sich gut in die Musik eintauchen und geniessen.