Fundstück aus der Gipsgrube zerstört

Wollte jemand den Ammonit-Abdruck aus der Gesteinsplatte in Ehrendingen meisseln?

Drucken
Teilen
Fand die Fossilien in «seiner» Gipsgrube: Johann Urban Frei, der Ehrendinger «Gipsgrubenheiland». Der zertrümmerte Kalkstein mit dem Ammonit-Abdruck.
2 Bilder
Fand die Fossilien in «seiner» Gipsgrube: Johann Urban Frei, der Ehrendinger «Gipsgrubenheiland». Der zertrümmerte Kalkstein mit dem Ammonit-Abdruck.

Fand die Fossilien in «seiner» Gipsgrube: Johann Urban Frei, der Ehrendinger «Gipsgrubenheiland». Der zertrümmerte Kalkstein mit dem Ammonit-Abdruck.

Bilder: zvg

Der Weg zur Gipsgrube Oberehrendingen ist gesäumt mit mehreren Gesteinsplatten. Für geologische Laien nicht einfach zu erkennen, handelt es sich dabei um Kalksteine, die mit seltenen Fossilien überzogen sind − jahrmillionenalte Fundstücke und kleine Würdigungen des «Gipsgrubenheilands», eines Ehrendinger Unikats. Dessen Geschichte aufrechtzuerhalten, ist Claudio Eckmann ein Anliegen. Der Maurermeister beschäftigt sich eingehend mit der Ortsgeschichte. Er bietet Dorfführungen an und bemühte sich um die Sauberhaltung der Gestein- splatten. Doch an Silvester fand er einen der Steine zerstört vor − in mehrere Stücke zerbro- chen.

«Ich vermute, dass jemand versucht hat, mit einem Vorschlaghammer den Stein zu verkleinern, damit der eindrückliche Ammonit-Abdruck oben am Stein mitgenommen werden kann», erklärt er. Dies ging schief, der wertvolle, 26 Zentimeter grosse Abdruck weist selbst Zerstörungsspuren auf. «Das ist umso bedauerlicher, denn der Abdruck im Stein gehört vermutlich zum grossen Ammoniten, der in einer Vitrine im Ehrendinger Gemeindehaus ausgestellt ist», so Eckmann. Als Mitglied der Kulturkommission hatte er einst daran mitgewirkt, dass dieser neben anderen Funden des «Gipsgrubenheilands» in der Vitrine präsentiert werden.

Eckmann hofft auf die Reue des Gesteinplatten-Zerstörers. Dieser kann die entwendeten Bruchstücke anonym beim Fahrverbotsschild des Sackhölzli-Parkplatz deponieren − Eckmann würde sich dann um die Reparatur des Steins bemühen.

Die zerstörte Gesteinsplatte und der Ammonit stammen aus der 190 Millionen Jahre alten, fossilhaltigen Lias-Schicht in der Ehrendinger Gipsgrube. Der «Gipsgrubenheiland» Johann Urban Frei hatte diese im Alleingang freigelegt. Der «streitbare Sonderling», wie Eckmann ihn bezeichnet, erwies bei all seiner Kauzigkeit als Eremit in der Gipsgrube der überregionalen Archäologie einen grossen Dienst: Er fand die ersten Plesiosaurus-Knochen auf Schweizer Gebiet und ein jungsteinzeitliches Hirschgeweih.

Dabei war der Ehrendinger weder gelernter Archäologe noch Geologe. Er stammte aus schwierigen Familienverhältnissen, fasste in keinem Beruf wirklich Fuss. Mit 40 Jahren verliess er Frau und die drei Kinder, um allein in einer Holzhütte bei der Ehrendinger Gipsgrube zu leben. Sein enormes Wissen über Natur und Geologie eignete er sich autodidaktisch an. Funde und Fachkunde brachten ihm einige Bekanntheit: Bald gehörte es zum Pflichtprogramm der Geologiestudierenden der ETH, den «Heiland» in seiner Gipsgrube zu besuchen. Er fachsimpelte dann über Gesteinsschichten und gab obskure Musikvorführungen: Er entlockte Eisenrohren alphornähnliche Töne, wie den Badener Neujahrsblättern zu entnehmen ist. Im Dorf selbst blieb er bis zum Ende seines Lebens umstritten: Wenige Tage nach seinem Tod 1978 wurde seine Holzhütte in Brand gesetzt. (dru)

Aktuelle Nachrichten