Reiner Calmund (66), deutsche Fussball-Manager-Legende, ist diese Woche zu Gast in Baden. Er hielt im Trafo, wo der Limmattaler Finanzkongress stattfand, einen Vortrag. Im Gasthaus «Zur Brugg» sprach er danach mit dem «Badener Tagblatt».

Herr Calmund, Sie sind nicht nur Fussball-Experte, sondern auch Juror in einer TV-Kochsendung. Wie schmeckt Ihnen das Essen hier im Gasthaus «Zur Brugg»?

Reiner Calmund: Schon gestern Abend habe ich hier gegessen, es hat sehr gut geschmeckt. Essenstechnisch ist mein Schweizer Meister das Restaurant Kronenhalle in Zürich. Unschlagbar ist das Fifa-Restaurant mit Koch Jacky Donatz. Tolle Küche, lockeres Ambiente, Blick auf den Zürichsee – Weltklasse.

(Quelle: Youtube / Bodystreet GmbH)

Drehpanne: Reiner Calmund steckt im Porsche fest!

Der Verein dieser Stadt, der FC Baden, spielte einst in der höchsten Schweizer Liga, heute nur noch in der vierthöchsten Spielklasse. Dies, obwohl in Baden viele internationale Grossfirmen ihren Sitz haben. Was würden Sie tun, um den Verein wieder an die Spitze zu bringen?

Das kann ich so nicht beantworten, weil ich die Voraussetzungen überhaupt nicht kenne. Aus der grossen Distanz rate ich: Es ist immer wichtig, dass die besten Leute an einem Strang ziehen. Das macht Eindruck auf Geldgeber und Sponsoren. Zerrissenheit zerstört jeden Klub und verhindert Erfolg ganz sicher.

Was halten Sie vom Schweizer Fussball?

Vom Fussball eine Menge. Sowohl was die Spieler betrifft, die im Ausland erfolgreich spielen als auch die Resultate der Nationalelf. Die Bundesliga profitiert von Profis wie Yann Sommer, Roman Bürki, Diego Benaglio oder Ricardo Rodriguez, aktuell einer der beiden besten Bundesliga-Aussenverteidiger. Auch Haris Seferovic, Tranquillo Barnetta (trotz vieler Verletzungen), Pirmin Schwegler, Josip Drmic, Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri stehen im Blickpunkt. Und umgekehrt profitiert die Schweiz von den Auslandserfahrungen der Jungs. Man darf nie vergessen: Die Schweiz ist ein kleines Land, da sind Teilnahmen an EM oder WM bereits Erfolge, die Qualifikation für eine K.-o-Runde das Sahnehäubchen. Ich habe hier kein Spiel gesehen, aber natürlich kennt man den FC Basel, der die Schweiz so repräsentiert wie Bayern München Deutschland. Kein deutscher Meister, aber oberes Mittelfeld

In der Schweiz gibt es Traditionsvereine, die sportlich in der Krise stecken, etwa die Grasshoppers Zürich. Würden Sie ein Job-Angebot als Manager in der Schweiz annehmen?

Nein, die Zeit auf der Kommandobrücke ist für mich vorbei. Da sind die jüngeren Führungskräfte gefragt, die es in der Schweiz ebenso gibt wie in Deutschland. Gerade hier habt ihr ein sensationell hohes Bildungs- und Ausbildungsniveau. Ich bin sicher, wenn junge Menschen gefördert werden, dann werden sie auch bereit sein, diese Jobs zu übernehmen und den Traditionsvereinen zu helfen. Die müssen aber auch raus aus ihrem Kirchturm. Tradition schiesst keine Tore, sie müssen sich öffnen, den Muff der letzten Jahrzehnte ablegen. Schauen Sie sich die Bundesliga-Tabelle an: Da stehen lauter Traditionsklubs am Tabellenende, viele von denen haben sich zu lange ausgeruht und gedacht, das geht immer so weiter. Aber: Nix ist so alt wie der Titel von gestern.

Ihre Meinung zu Sepp Blatter, dem umstrittenen Schweizer Fifa-Präsidenten?

Ich gehöre nicht zu der Oppositionsgruppe «Alle gegen Blatter». Ich habe persönlich viele gute Entscheidungen von Sepp Blatter erlebt und es darf eigentlich keine Diskussion darüber geben, dass sich der Weltfussball in den letzten Jahrzehnten sportlich, wirtschaftlich und gesellschaftlich positiv entwickelt hat. Das ist klar auch sein Verdienst. Wenn man 33 Jahre den Weltfussball als Fifa-Präsident und Generalsekretär prägt und führt, macht man auch Fehler, die ich im Einzelnen aus der Distanz nicht bewerten kann. Bei dem aktuellen Chaos um die Katar-Bewerbung darf man nicht vergessen, dass Blatter nicht für Katar gestimmt hat. Das zeigt: Er ist nicht der Allmächtige.

Nächste Woche wird der neue Weltfussballer gewählt. Ihr Favorit?

Ich hoffe, Bayern-Torwart Manuel Neuer erhält die Auszeichnung. Die Fifa hat sieben Spieler von Bayern München in die engere Weltauswahl berufen, das ist unglaublich. Als achter Spieler hätte es auch Jérôme Boateng verdient gehabt, er hat bei der Weltmeisterschaft in Brasilien Cristiano Ronaldo komplett aus dem Spiel genommen.

Sie schreiben Kolumnen, Kochen im TV, halten Vorträge. Überrascht es Sie manchmal, dass Sie so ein gefragter Mann auch abseits des Fussball-Business sind?

Ich denke, es gibt da einiges, was die Leute interessiert, was ihnen gefällt. Ich bin authentisch, das ist wohl das wichtigste Rezept. Wo Calli drauf steht, ist auch Calli drin. Mit grosser Klappe, mit dickem Bauch, mit Witz und Charme und grossem Herz und jeder Menge Lachen. Ich bin ein sehr interessierter Mensch, weit gereist, ich kann zu vielen Themen etwas sagen. Ich bin jetzt 66 Jahre alt, da kann man auch beruhigt Erfahrung weitergeben. Und ich habe die Gabe, andere Menschen mitzureissen, zu wecken, zu begeistern. Das ist in etwa das Gesamtpaket, aus dem sich jeder etwas nehmen kann.

Letzte Frage: Sie sind erkältet – hoffentlich haben Sie die Grippe nicht in Baden aufgelesen?

(Lacht.) Nein, im Gegenteil. Ich habe mich im Hotel Limmathof gut erholen können, obwohl ich nicht im Thermalwasser gebadet habe.