Baden

Gärtnerhaus soll Römerquartier beleben – doch die Quartierbewohner werden ausgebremst

Freiwillige wollen im Kurpark in Baden ein vielseitig nutzbares Gemeinschaftszentrum errichten − doch das Vorhaben verzögert sich.

Ein bisschen ähnelt das Gärtnerhaus einer Pfadi-Hütte. Die dunkle Fachwerk-Holzoptik verbreitet trotz gewisser Baufälligkeit den Charme eines Chalets. Die Fensterbänke des Häuschens zieren Kürbisse und Blumentöpfe mit bunten Stiefmütterchen. Die Herbst-Deko signalisiert: Hier läuft wieder was. Das ist nun nicht mehr nur das verlassene Häuschen am Rande des Kurparks, das Asylzentrum, das abgerissen werden sollte.

Urs Urech rupft einen verdörrten Zweig aus der Deko. Der 50-Jährige steht an der Spitze einer Graswurzel-Bewegung aus dem Römerquartier, die sich ein vielseitiges Gemeinschaftszentrum an dieser Stelle wünscht. So eines fehlt nämlich im Römerquartier bis anhin, nur einige Räumlichkeiten der Reformierten Kirche und der ­Synagoge stehen Vereinen und Privaten zur Verfügung. «Wir brauchen keinen Palast, wir haben ja schon das Gärtnerhaus», sagt er. Der gebürtige Ennetbadener und langjährige Wahl-Badener wohnt erst seit einem Jahr im Römerquartier, beschreibt es als «cool und ruhig». Aber auch: Überaltert, denn hier leben nur knapp ein Dutzend Kinder. Ohne gemeinsame Orte mit generationsübergreifendem, multikulturellem Austausch droht Vereinsamung. Dieser will der soziokulturelle Animator den Kampf ansagen.

"Wir brauchen keinen Palast, wir haben ja schon den Römergarten" sagt Urs Urech.

"Wir brauchen keinen Palast, wir haben ja schon den Römergarten" sagt Urs Urech.

Das Gärtnerhaus soll das Quartier also mit Leben füllen. Seit öffentlich über den Raum geredet wird, kommen Unmengen an Ideen zusammen, was im Gärtnerhaus alles entstehen könnte: ein ehrenamtliches Quartiercafé, Co-Working-Spaces, Flohmärkte, Spielabende, Philosophen-Plausch, Jugendtreffs, ein multikultureller Mittagstisch sowie ein Animationsfilm-Ferienpass. Und: Veranstaltungen, Feste, Lesungen, Kinder- und Laientheater. «Leise Kunst» allerdings, wie Urech extra betont, keine Rock-Konzerte. Denn Lärm ist im Römerquartier ein Reizthema − man fürchtet schon jetzt den Durchfahrtsverkehr, der dereinst zum Thermalbad anrollen wird.

Frisches Obst aus dem gemeinschaftlichen Öko-Garten

Bereits integriert in das Projekt ist der «Römergarten», der direkt vor dem Haus entsteht. Urs Urech zeigt auf einige junge Setzlinge, die bereits die Wiese säumen: Birnen, Apfel, Pflaumen, Kirschen, Zwetschgen, Quitten und diverse Beeren. Visualisierungen auf der Website des Gärtnerhauses zeigen, wie bunt blühend die Wiese einmal sein soll. Es soll ein gemeinschaftlicher Permakultur-Garten werden − also ein Garten, der sich stark an den natürlichen Kreisläufen der Natur ausrichtet und deshalb besonders nachhaltig ist. Dutzende Freiwillige haben sich in Workshops an das Bepflanzen der Wiese und das Einrichten des quartiereigenen Komposthaufens gemacht, der bereits brav genutzt wird.

Auch drei quartiereigene Kompost-Häufen (zur korrekten Bio-Mülltrennung) finden sich schon im Römergarten.

Auch drei quartiereigene Kompost-Häufen (zur korrekten Bio-Mülltrennung) finden sich schon im Römergarten.

«Wir zeigen der Stadt, dass der Bedarf für den Freiraum definitiv da ist», sagt Urech mit Nachdruck. Denn die Stadt wollte das Gärtnerhaus eigentlich abreissen, doch der Quartierverein wehrte sich erfolgreich. Zuletzt befand sich darin das Baubüro für das im September eröffnete Kurtheater − nach dessen Fertigstellung hatte die Stadt keinen Bedarf mehr für das Häuschen. Dabei hat das Gärtnerhaus mit seiner fast 100-jährigen Geschichte historischen Charakter. Es stand ursprünglich bei der Villa Burghalde und wurde, als diese umgenutzt wurde, abgebaut und im Kurpark wiederaufgestellt.

Die Stadtgärtnerei lagerte hier ihr Material, ab diesem Jahrtausend wurde es als Asylunterkunft genutzt. «Für die Asylbewerber war das Häuschen gut genug, aber wenn wir die Räumlichkeiten jetzt umnutzen wollen, braucht es auf einmal Notausgänge und die Elektriker kommen. Das ist auch in unserem Interesse, führt aber zu Verzögerungen», sagt Urech. Man merkt, dass er hauptberuflich Geschäftsleiter der antirassistischen Stiftung «Erziehung zur Toleranz» ist. Doch er will sich nicht beklagen: Die Zusammenarbeit mit der Stadt sei gut, sie habe schliesslich ebenfalls ein grosses Interesse an der Aufwertung des hinteren Kurpark-Bereichs. Von allen Seiten kommt Unterstützung für das Projekt, auch aus anderen Quartieren.

Der Umbau soll aus eigener Kraft erfolgen

Urech ist sein Eifer anzumerken: Wenn er über das Gärtnerhaus spricht, leuchten seine Augen und er lächelt viel. Er kann es kaum erwarten, dass sich endlich etwas tut, dass die Vision eines Gemeinschaftszentrums im Römerquartier Realität wird. Es tut einem fast ein wenig leid, wie er in seinem Eifer ausgebremst wird. Denn eigentlich wäre der Verein bereits im September startklar gewesen. Doch auch die Zwischennutzung für das Gebäude, das dem Badener Liegenschaftsamt gehört, will erst beantragt werden. Die bürokratischen Mühlen mahlen langsam.

Aktuell liegt das Baugesuch zur Umnutzung auf. Sobald die Stadt grünes Licht gibt, soll auch der Rückbau detaillierter geplant werden. Dann beginnt das Werben für Stiftungen und Spenden, eine Million Franken wird benötigt. «Wir fahren mit angezogener Handbremse», sagt Urech. Den anstehenden Umbau wolle man mit Hilfe fleissiger Quartier-Bewohner selbst realisieren. Es gäbe einiges zu tun: Wer einen Blick in das Gebäude wirft, sieht, wie der Boden abblättert. «Aber die Heizung läuft schon und die Kaffeemaschine auch», sagt Urech, wie immer optimistisch.

Einblick ins Römerquartier – wo Kultur, Freizeit und Geschichte aufeinandertreffen:

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