Gespannt harrt das Publikum auf dem Parkhausdach der Dinge, die da kommen werden. Kein Licht erlischt – auch um 19 Uhr ist es ja noch hell. Auf der stattlichen zweistöckigen Bühne wirds aber plötzlich hektisch. Oben wird eine riesige Torte mit acht Kerzen bestückt. Sie sind zwar nicht massstäblich, aber gefühlte 25 Mal grösser als normale Kerzen, was nach Adam Riese 200 solche ergibt.

Super – jetzt kann es ja losgehen mit dem Festspiel. Die Moderatorin weiss allerdings immer noch nicht, wer der Stargast sein wird, und schimpft über Probleme mit dem Mikro. Die OK-Chefin streitet mit ihrem Mann, weil der keine anderen Probleme hat, als die Frage, wie und wo er die Honoratioren aus Baden platzieren soll.

Das kann, denkt sich der geneigte Zuschauer, ja heiter werden. Und siehe da, es wird heiter, als der Kinderchor «Funky Bees» zum letzten Mal das Ennetbadener Geburtstagslied probt. Es tönt perfekt. Perfekt ist gut – turbulent ist besser, was «Geburtstag für die Türggen» sehr anschaulich beweist.

Das Festspiel aus der Feder vom bekannten Freiämter Autor Paul Steinmann und in der Regie vom leidenschaftlichen Wahl-Ennetbadener Röbi Egloff strotzt nur so von leicht chaotischem Übermut. Was da auf der Bühne so alles kreucht und fleucht, was singt, tanzt, politisiert, liebt, streitet, zaubert macht den Akteuren sichtlich ebenso Spass wie dem Publikum.

Liebesbotschaft per Steinschleuder übermittelt

Als Zuhörer und Zuschauer weiss man bisweilen kaum noch, wo einem der Kopf steht. Macht’s öppis? Nein – im Gegenteil. Man staunt, lacht, wundert sich zum Beispiel über Nasradin und seine Entourage, zu der unter anderem eine Wahrsagerin, eine bauchtanzende Köchin und vier Musikanten gehören. Weil der Hamam in Baden geschlossen ist, sind die Türken – unterwegs auf der Suche nach Geschichten – in Baden gelandet.

Was für ein Glück für sie, bekommen sie hier doch eine Vielzahl von Geschichten nicht nur erzählt, sondern äusserst anschaulich dargeboten. Die Ennetbadener haben aber auch allen Grund, sich Mühe zu geben, werden sie doch für jede Geschichte mit einem aufregenden Kunststück von Zauberer Selim belohnt.

Musikalisch und gesanglich unterstützt von einer unsichtbar im Hintergrund spielenden Band mit Mats Canzani (Schlagzeug), Thom Wettstein (Bass), Thom Thut (Gitarre) und Gregor Loepfe (Piano/Keyboard), den «Funky Bees» und den mitreissenden Soli von deren Gründerin und Leiterin Cathryn Lehmann, verkörpern rund 50 junge und ältere Männer und Frauen temperament- und lustvoll zeitgenössische und historische, verbürgte und erfundene Figuren.

So lässt beispielsweise ein Bursche aus Ennetbaden seiner Angebeteten aus Baden eine Liebesbotschaft per Steinschleuder zukommen; entdeckt der Lehrer Wirth, dass der kleine Ruedi nicht «plemplem», sondern taub ist. Adam und Eva sind nackt mit Feigenblatt wie sich das gehört und der liebe Gott jagt sie höchstpersönlich aus dem Paradies.

Dort lernen sie gar köstliche Tropfen aus den Ennetbadener Rebbergen kennen. Die Rebstöcke werden, bis zum bitteren Reblaus-Ende, mit Gesang und Tanz verkörpert von Buben und Mädchen der einheimischen Schule. Der Rebberg ist eines von drei zentralen Bildern, welche Kindergärtler, Schülerinnen und Schüler umsetzen. Auch die Visualisierung der Limmat und der Schule sind fest in den Händen von Vier- bis Zwölfjährigen.

Nicht nur der Feuereifer und die Ernsthaftigkeit, mit denen der Nachwuchs bei der Sache ist, lassen diese Bilder zu Highlights werden. In die konzentrierten, vereinzelt auch nur einfach staunenden Gesichter und auf die in vollem Einsatz stehenden Füsse der Kinder
zu schauen, verzaubert das Publikum.

Taucht der Stargast dann im Dezember auf?

Nebst all den ungestümen, fantasievollen Szenen kommt auch historisch Verbrieftes von 1819 zum Zug. Dies geschieht in einer verkürzten Fassung des ersten Teils der «Ännet!»-Trilogie, der in der Regie von Florian Oberle im Mai im Landvogteischloss zu sehen war.

Das Wiedersehen unter anderem mit dem damaligen Badener Stadtammann, dem Ennetbadener Stadtrat, der Arztwitwe macht Freude und bringt etwas Ruhe ins turbulent-mitreissende Geschehen. Hinter dem Festspiel stecken unverkennbar riesig viel Arbeit und ein enormer personeller und technischer Aufwand – Chapeau! Beides hat sich sehr gelohnt.

«Geburtstag für die Türggen» ist eine sprühende, köstliche Hommage an 200 Jahre Ennetbaden – auch wenn die Frage offenbleibt, wo denn nun der angekündigte Stargast geblieben ist. Wer weiss – vielleicht lässt er sich ja im Dezember, im letzten Teil der Trilogie, blicken.