Markus Wälty ist seit vielen Jahren Lehrer. Seine Schüler sind Insassen in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies. Am Mittwoch hielt er im reformierten Pfarrhaussaal einen Vortrag über seinen nicht ganz alltäglichen Arbeitsort. Zum Anlass lud das «Treffpunkt-Team».

Ja, an seinen ersten Arbeitstag, das war der 2. April 2013, könne er sich noch sehr genau erinnern: Am Anfang erhielt er ganz viele Informationen rund um Themen im Justizvollzug. Einen ziemlich dicken Kopf habe er am Ende des Tages gehabt, erzählt Markus Wälty: «Aber eines ist mir vom ersten Moment an aufgefallen: Der Umgangston innerhalb dieser Mauern ist sehr freundlich und die ganze Anstalt ist extrem sauber. Das schätze ich sehr.»

Strafanstalt Pöschwies

Strafanstalt Pöschwies

Ob er denn manchmal Angst verspüre, wenn er an die schweren Delikte denkt, die seine Klientel begangen hat, fragt jemand aus dem Publikum: «Nein», sagt Wälty, «ich kenne zwar die Dossiers meiner Klienten, für mich steht aber immer der Mensch im Vordergrund, nicht seine Tat.»

Markus Wälty ist im Aargau aufgewachsen. Seit 2010 wohnt er in Ennetbaden. Als Lehrer hat der heute 51-Jährige auf fast allen Stufen der Volksschule unterrichtet.

Etliche Jahre war er Mittelstufenlehrer im Schulhaus Tannegg in Baden. Auch als Schulleiter hat er über zehn Jahre lang gewirkt. Dann suchte er eine neue Herausforderung und fand sie in einem Stellenangebot der Justizvollzugsanstalt Pöschwies im zürcherischen Regensdorf.

Was ihn an seiner neuen Aufgabe fasziniert, sind die Menschen. «Ich erlebe meine Schüler dort sehr motiviert», sagt er.

Angestellt ist Wälty vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerk (SAH, Zentralschweiz) . Im Jahr 2007, nach einer Gesetzesrevision im schweizerischen Justizvollzug, wurde die BiSt ins Leben gerufen: BiSt – Bildung im Strafvollzug – ist eine Ergänzung zu bereits bestehenden Kurs- und Berufsbildungsangeboten in schweizerischen Justizvollzuganstalten.

In der Justizvollzugsanstalt Pöschwies zum Beispiel werden sechs vollwertige Lehrstellen angeboten. Sie reichen vom Gärtner über Bäcker-Konditor bis zum Schreiner oder Schneider.

Bevor ein Häftling eine Lehrstelle antreten kann, muss er allerdings einen minimalen Bildungsstand haben. Genau hier setzt Wältys Arbeit an: «Leider bringen Menschen in Strafvollzugsanstalten oft nicht einen idealen Bildungsrucksack mit sich. Einige von ihnen müssen zuerst alphabetisiert werden», sagt er.

Für andere gilt in erster Linie der Erwerb einer unserer Landessprachen als Zweitsprache. «Im Vordergrund all dieser Ausbildungstätigkeiten steht immer die ,Verhinderung künftiger Straftaten», sagt Wälty. Der gesetzlich zentrale Auftrag sei die Resozialisierung der Gefangenen.

Die Justizvollzugsanstalt Pöschwies ist die Grösste ihrer Art in der Schweiz. Verglichen mit Anstalten im Ausland ist sie jedoch immer noch sehr klein. Die allermeisten Insassen kommen nach dem Absitzen ihrer Strafe wieder auf freien Fuss.

Nach dem Normalisierungsprinzip, das in allen schweizerischen Vollzugsanstalten gilt, ist jeder Gefangene zu einer Arbeit, die seinen Fähigkeiten entspricht, verpflichtet.

Und den Gefangenen ist nach Artikel 82 des Schweizerischen Strafgesetzbuches nach Möglichkeit eine Ausbildung zu gewährleisten. «Mit diesen Massnahmen wird versucht, den schädlichen Folgen des Freiheitsentzuges entgegenzuwirken und dem Schutz der Bevölkerung Rechnung zu tragen», so Wälty.

Neben Deutsch und Mathematik behandelt er in seinem Unterricht Themen der Allgemeinbildung. Allerdings unterrichtet er eine einzelne Lerngruppe nur jeweils an einem halben Tag pro Woche.

Will ein Häftling etwas erreichen, muss dieser bereit sein, Hausaufgaben zu machen. Da aber das Angebot auf freiwilliger Basis stattfindet, ist die Motivation seiner Klientel extrem hoch. «Und deshalb macht mir die Arbeit mit diesen Menschen viel Freude», schmunzelt Wälty.