Gebenstorf

Gegen den Willen ihrer Eltern: Hier heiratete vor 250 Jahren Pestalozzi seine Anna

Das Margaretenkirchlein einen Tag vor seinem Abbruch 1889. (BIld: zvg/Gebenstorfer Ortsgeschichte)

Das Margaretenkirchlein einen Tag vor seinem Abbruch 1889. (BIld: zvg/Gebenstorfer Ortsgeschichte)

Dieser letzte Septembertag im Jahre 1769 war für die reiche Zürcher Familie Schulthess ein schwarzer Tag, Tochter Anna gab in der alten Kirche Gebenstorf Johann Heinrich Pestalozzi das Ja-Wort.

Der berühmte Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi fand im Aargau seine erste und auch letzte Wirkungsstätte: die von ihm betriebene Erziehungs- und Armenanstalt «Neuhof» in Birr. Hier hat er seine ganzheitlichen Ansätze zum ersten Mal ausprobiert, und hierher ist er am Ende seines Lebens wieder zurückgekehrt. Der Reformer liegt in Birr begraben.

Dass der 1746 geborene Stadtzürcher seinen Weg in die Region fand, ist dem Gebenstorfer Dorfpfarrer Abraham Rengger zu verdanken, sagt der ehemalige Seminarlehrer Arthur Brühlmeier aus Oberrohrdorf, der sich in seinem Leben ausgiebig mit Pestalozzi beschäftigt hat. «Rengger und Pestalozzi hatten sich am Karolinum, dem Vorläufer der Zürcher Universität, kennen gelernt».

Rengger wies Pestalozzi auf Brachland auf dem Birrfeld hin, als er von ihm erfahren hatte, dass er Landwirt werden möchte – weshalb er sein Theologie-Studium abgebrochen hatte. Daraufhin verlegte Pestalozzi zu Beginn 1769 seinen Wohnort nach Mülligen, deren reformierte Christen auch von Rengger betreut wurden. Kurz darauf kaufte er Land auf dem Birrfeld. Im selben Jahr, in dem er sich in Mülligen niederliess, nahm er am 30. September im alten Margaretenkirchlein in Gebenstorf auch Anna Schulthess zur Frau – trotz dem Widerstand ihrer Eltern.

Vor allem die Mutter wollte nicht, dass ihre Tochter Pestalozzi heiratete. Die Zürcher Familie Schulthess war sehr reich, der Vater ein Zuckerbäcker, damals noch ein ergiebiges und angesehenes Geschäft. Die Mutter sah ihre Tochter in einem Leben voller Armut: «Du wirst auf Wasser und Brot gesetzt.» Als Sohn einer Witwe verfügte Johann Heinrich Pestalozzi nur über wenig Mittel – und so sollte es sein Leben lang auch bleiben.

Hochzeit im kleinen Rahmen

Die acht Jahre ältere Anna Schulthess, eine Zürcher Stadtschönheit, liess sich von den Bedenken ihrer Mutter aber nicht beirren und heiratete Johann Heinrich trotzdem. «Die beiden mussten jedoch ausserhalb der Stadt Zürich heiraten, in aller Stille», erklärt Brühlmeier. «Knurrend» habe Annas Mutter die Zustimmung für die Hochzeit doch noch gegeben.

Der Hochzeit selbst wohnten sie nicht bei. Diese fand im kleinsten Rahmen statt: «Höchstens ein halbes Dutzend Menschen war anwesend», so Brühlmeier. Es war auf jeden Fall nicht die besondere Schönheit des 1275 erbauten Kirchleins, die die Pestalozzis hier zur Heirat bewegte.

So schrieb ein Dekan 1763, sechs Jahre vor Pestalozzis Hochzeit, dass die Kirche einem Stalle gleich scheint: «Man kann sich beim Anblicke derselben kaum des Entsetzens und des Erbarmens enthalten.» 1889 konnte sie dann endlich mit einem Neubau ersetzt werden, der heutigen reformierten Kirche.

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