Immer wieder brandet spontaner Beifall auf: Szenenapplaus heisst dieser im Theater. Doch das Podium im Margeläckersaal ist keine Bühne mit Kulissen. Deswegen lenkt nichts den Blick ab von einer jungen Frau. Die 23-jährige Francesca Dego steht alleine auf dieser Bühne und spielt Niccolò Paganinis Capricci. Deren integrale Aufführung ist selten im Konzertsaal, denn die 24 minutenkurzen Stücke sind von einem technischen Schwierigkeitsgrad, der selbst die Grössten vor Angst schwitzen lässt.

Ob Doppelgriffkaskaden, schwierige Bogenstricharten mit grossen Saitenwechseln, prasselnde Pizzicati oder Flageolettpassagen: Stets ist die Luft so dünn, dass man einem Interpreten oder einer Interpretin liebend gerne eine Sauerstoffflasche reichen würde. Nicht Francesca Dego. Weshalb nicht? «Als ich mit 10 Jahren begann, die Capricci zu studieren, wusste ich, dass ich eines Tages alle spielen würde», sagt die Geigerin dazu. Alles klar.

Keine Virtuosen-Pyrotechnikerin

Kein Wunder, strahlt Francesca Dego eine derart umwerfende Selbstsicherheit und Souveränität aus, dass man sofort weiss: Sie ist Paganinis Capricci physisch wie mental gewachsen. Hervorstechend: Dego brennt zwar ein virtuoses Feuerwerk ab, gleichwohl ist sie keine Virtuosen-Pyrotechnikerin. Selbst die finale Caprice Nr. 24 - ein stets mit donnerndem Applaus gekrönter Rausschmeisser - spielt sie nicht als isoliertes, nur auf stupende Brillanz getrimmtes Stück, sondern als letztes Teilchen in einem tonfarblich differenzierten Mosaik: Dieses funkelt zwar überwiegend, weist aber auch düstere Seiten auf.

Wer erlebt hat, wie Francesca Dego die letzten Töne des Caprice Nr. 6 mit den fast endlosen Trillern förmlich ersterben liess, wird Paganini nicht mehr als Komponist nur plakativer Virtuosenstücke sehen. Konsequenterweise spielt die Geigerin die Capricci denn auch nicht mit einem glatten, polierten Ton. Dego lässt - mittels ihrer Guarneri-Geige - den Ton zwar wunderbar warm aufblühen oder auch satt leuchten, doch sie lässt eben auch Brüchiges erahnen. Das macht ihre Interpretation ebenso elektrisierend wie bewegend. Paganinis Capricci mit Francesca Dego hören, heisst: Eine Gipfelbesteigung mit einem Ausnahmetalent.