Vor gut sechzig Jahren stellte mein Vater – in Baden aufgewachsen, wie ich auch – ein Gesuch zur Erlangung des Bürgerrechts der Stadt Baden und damit Ortsbürger zu werden. Die stolze Einkaufssumme begründete er mit dem Bürgernutzen, welcher damals in Form von Holz oder Bargeld geleistet wurde.

Ich glaube, viel wichtiger war für ihn aber, damit ein echter und richtiger Badener zu sein. In den Siebzigerjahren wurde der Bürgernutzen im Aargau abgeschafft, nicht aber die Ortsbürgergemeinden, wieso eigentlich?

Die Schweiz rühmt sich, die älteste Demokratie in Europa zu sein. Schon 1291 war der Grundgedanke der gleichen Rechte für alle Bürger eine wichtige Komponente für die Eidgenossen. Später nach der Französischen Revolution von 1789 und der Umsetzung ihrer Gedanken und Prinzipien nach 1798 auf dem Gebiet des helvetischen Staatenbunds wurden die Privilegien aus dem «Acien Régime» abgeschafft. Mit der Bundesverfassung von 1848 gingen sogar die Vermögen der Klöster an die politischen Gemeinden, aber die Ortsbürgergemeinden blieben – nicht überall, so kennt neben anderen der Kanton Zürich diese Institutionen nicht.

Seit einiger Zeit bröckelt es auch im Aargau. In rund dreissig Gemeinden vereinigten sich die Ortsbürgergemeinden mit den Einwohnergemeinden. Nicht so in den grossen Orten wie in Baden und in Wettingen. Hier gibt es nach wie vor eine Zweiklassengesellschaft, wohlverstanden unter stimmberechtigten Schweizerinnen und Schweizern, ja, es wird auch zwischen Ortsbürgern und Einwohnerbürgern unterschieden. Durch den Zu- und Wegzug in den vergangenen Jahrzehnten ist der Anteil der Ortsbürger gemessen an den Einwohnern fast überall auf unter fünf Prozent gesunken. Es ist doch sehr erstaunlich, dass im sonst fortschrittlichen Ostaargau trotzdem an solch alten Zöpfen festgehalten wird.

Das Interesse an den Ortsbürgergemeindeversammlungen ist nicht berauschend. Aus dem für jedermann zugänglichen Protokoll der Versammlung vom 17. Juni 2014 in Wettingen geht hervor, dass von 771 Stimmberechtigten deren 117 anwesend waren, Diskussionen fanden keine statt, niemand verlangte das Wort, und nach nur zwanzig Minuten war Ende. Beamte und Behördenmitglieder vergeuden so ihre wertvolle Zeit. Aus meiner Sicht ist dies gelebte Ineffizienz, man kann es aber auch Verschwendung nennen.

Für jene Politiker, die sich bei jeder Gelegenheit für den schlanken Staat einsetzen, ein gefundenes Fressen für konkreten Handlungsbedarf. Mit der Argumentation, dass die Vermögen der Ortsbürger bei einer Vereinigung mit der Einwohnergemeinde sehr schnell aufgezehrt würden, versucht man, die alte Ordnung zu rechtfertigen und beizubehalten. Dies lässt sich aber bestimmt regeln. Die Güter müssen nur zweckgebunden in einen Fond eingebracht und von einer Kommission, welche mehrheitlich aus Ortsbürgern zu bestehen hat, verwaltet werden.