Zum Gedenken
Gemeindeamman Lothar Hess (†92) — für Wettingen war er ein Glücksfall

Wettingen wäre ohne ihn nie dahin gelangt, wo es heute steht: Lothar Hess (1926–2018) war von 1961 bis 1993 Gemeindeammann. Mit seinem politischem Geschick meisterte er viele Herausforderungen der wachsenden Gemeinde.

Roman Huber
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Lothar Hess auf einem Foto kurz vor seinem 80. Geburtstag im Jahr 2006.

Lothar Hess auf einem Foto kurz vor seinem 80. Geburtstag im Jahr 2006.

Walter Schwager

Still und in Frieden mit sich nahm vor Wochenfrist Lothar Hess, begleitet von der Familie, in seinem Eigenheim Abschied von dieser Welt. «Bonum certamen certavi – fidem servavi» hatte er unter seinen Lebenslauf gesetzt. Zu Deutsch: «Ich habe einen guten Kampf gekämpft, und dabei den Glauben bewahrt.» Apostel Paulus schrieb dies in einem seiner Briefe an Timotheus.

Kirche und Glauben prägten das Leben von Lothar Hess. Im zürcherischen Wald aufgewachsen, verlor er früh seinen Vater, erlangte die Maturität an der Stiftsschule des Klosters Einsiedeln, wo er den Zugang zu Barock, Mönchstum und gregorianischem Choral fand, allerdings «nicht als Musterschüler», wie er selber bekundete.

Aus Dankbarkeit war er 40 Jahre später Mitbegründer des «Vereins Freunde des Klosters Einsiedeln». Während des Rechtsstudiums an der Uni Zürich lernte er in den Semesterferien beim Geldverdienen in einer Maschinenfabrik die Chefsekretärin Edeltrud Hunold kennen. Die klösterliche Parallele mochte bei dieser Liebe mitgespielt haben: Edeltrud hatte am Institut der Kreuzschwestern Ingenbohl ihr Handelsdiplom erworben.

Die freie Gerichtsschreiberstelle in Baden lockte Lothar Hess mit frischem Anwaltspatent und Doktortitel in die Region. Das junge Paar gründete in Wettingen eine Familie, die mit Tochter Regula und Sohn Thomas komplettiert wurde. Zuerst war die Ernennung zum Staatsanwalt Hess die grosse Ehre. Doch die Wettinger CVP hatte damals eine sehr gute Nase, als sie bei den Gemeindewahlen auf den hoffnungsvollen Juristen als Gemeindeammann setzte. Er wurde im zweiten Wahlgang prompt gewählt.

Kluge Land- und Finanzpolitik

Für die Gemeinde war es ein Glücksfall, für die Familie bedeutete es Entbehrungen. Wettingen wäre ohne Lothar Hess nie dahin gelangt, wo es heute steht. «Bewegen und gestalten», das war es, was Hess während 32 Jahren als Gemeindeammann wie ein Motor antrieb. Wettingen wuchs damals jährlich um 500 Einwohner, was hohe Ansprüche an die Infrastruktur mit sich brachte.

Dank kluger Land- und umsichtiger Finanzpolitik konnten wichtige Schulanlagen gebaut werden, unter anderen Margeläcker 1 und 2 sowie die Erweiterung der Bezirksschule. Er brachte der Gemeinde den Besitz strategisch wichtiger Landflächen wie Schartenareal, Lindenplatz, Villa Fluck, für die Ortsbürger Eigihof, Forsthaus Muntel, Schloss Schartenfels und das Land für Familiengärten. Der Erwerb von Rebparzellen sowie einträgliche langjährige Kiesabbauverträge zeugten vom Spürsinn für das Gemeinwohl. Wettingen profitierte bis in die jüngste Zeit von dieser Finanzbasis und vom tiefen Steuerfuss.

Hess initiierte die Neubauten für Bauamt und Feuerwehr. Sein grösster Wurf war aber das Sport- und Erholungszentrum Tägerhard mit damals modernster Energiegewinnung über eine Wärmepumpe; später kam die Dreifachhalle dazu. Kultur, Bildung und Gesellschaft profitierten von seiner Umsichtigkeit: In Ftan erbaute Wettingen ein Ferienheim für die Schulen.

Das Gluri-Suter-Huus mit Galerie entstand, die Betreuung und Schulung Behinderter nahm den Anfang ihrer erfolgreichen Geschichte, die Volkshochschule wurde gegründet. Hess war auch Wegbereiter des Gemeindeparlaments und der kommunalen Raumplanung.

Für die Wiederaufnahme des Kontaktes mit dem einst vertriebenen Konvent des Klosters Mehrerau in Bregenz zum Jubiläum 750 Jahre Kloster Wettingen gab der ehemalige Klosterschüler den Anstoss. Er rief sodann den «Verein Freunde des Klosters Wettingen» ins Leben. Dem Klosterdorf gab er eine massgebende Stimme, so auch als CVP-Grossrat während 26 Jahren in Aarau, wie für die Belange der Region.

Unter seiner Regie nahm in der Regionalplanungsgruppe die überkommunale Zusammenarbeit ihren Anfang. Er galt als Baumeister der Regionalen Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen und war Mitbegründer des ehemaligen TV Rüsler, heute Tele M1. Die Liste der Errungenschaften, die er stets auch seinen Mitstreitern im Gemeinderat und in der Verwaltung zuschrieb, liesse sich fortsetzen. Für die vielen Verdienste verliehen ihm Einwohner- und Ortsbürgergemeinde Wettingen die Ehrenbürgerrechte.

Obschon Quereinsteiger, wusste Lothar Hess mit politischem Geschick und Raffinesse zu agieren. Gegenspieler entwaffnete er mit dem Scharfsinn des Staatsanwalts und gewann sie dann mit dem Gespür des Vermittlers für die Sache. Notfalls verhalf er dem Entscheid mit elegantem Winkelzug zum Durchbruch.

Hess war nicht nachtragend und konnte unter eine Sache auch als Verlierer einen Strich ziehen. Da bewies er staatsmännisches Format, wie damals beim Besuch des österreichischen Bundespräsidenten Franz Jonas mit Minister Kurt Waldheim im Kloster oder des deutschen Bundespräsidenten Karl Carstens mit Aussenminister Hans-Dietrich Genscher – zwei Ereignisse, die er mit Stolz in Erinnerung behielt.

Lothar Hess frönte gerne auch dem geselligen Beisammensein. Bot sich Gelegenheit, geizte er nicht mit Humor, der ebenso messerscharf sein konnte wie seine politischen Analysen. Nach seiner Amtszeit traf er sich etwa mit Weggefährten politisch unterschiedlicher Couleur zum gemütlichen Hock. Wenn auch nicht als Schattenkabinett, so wurde mancher Meinungsgedanke hinausgetragen und fand dann irgendwo in einem Leserbrief Niederschlag.

Überraschender Tod seiner Frau

Doch mit den Jahren wurden es der Mitstreiter immer weniger. Auch die Zahl der Einsiedler Kommilitonen reduzierte sich auf ein paar wenige. Der Besuche an der Lerchenstrasse bei Lothar Hess waren es von Jahr zu Jahr weniger. Der überraschende Tod seiner Frau Edeltrud vor rund fünf Jahren war für ihn dann ein harter Schlag.

Nachwehen seines Unfalls, den er 1991 erlitten hatte, schränkten ihn in seiner Mobilität zusätzlich ein. Abwechslung brachten noch die Besuche der Kinder und Enkelkinder sowie des ehemaligen LdU-Politikers Walter Hunkeler, der ihm als Weggefährte treu blieb. Er schätzte und genoss es nämlich, wenn er als wacher und belesener Zeitgenosse mit jemandem über seine Gemeinde Wettingen, Gott beziehungsweise die Kirche und die Welt diskutieren konnte.

Gegen aussen haderte Lothar Hess nicht mit seinem Schicksal. Höchstens damit, wenn ihm etwas einfach nicht mehr einfallen wollte oder weil die Wettinger Landstrasse immer noch nicht zur Flaniermeile umgestaltet worden ist.

Abdankung am Freitag, 2. Februar, 11 Uhr, in der Klosterkirche Wettingen.