Baden
Gemeindeleiter mit Energie: «Die Kirche ist fähig, neue Formate zu entwickeln»

Methodist, Schlagerpfarrer und stellvertretender Leiter des Care-Teams – das grosse Engagement von Stefan Moll.

Ursula Burgherr
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Stefan Moll kann verstehen, dass viele sich mit der Kirche nicht mehr identifizieren können.

Stefan Moll kann verstehen, dass viele sich mit der Kirche nicht mehr identifizieren können.

Alex Spichale

Seminarstrasse 21 in Baden: Ein kleiner Turm auf dem Dach weist den Weg zur Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche, in der Stefan Moll seit über fünf Jahren als Gemeindeleiter tätig ist. Drahtig und voller Energie begrüsst er seine Gäste, über der Maske glitzern hellwache, freundliche Augen.

Geboren wurde Moll in Basel. In einer Krise verbrachte er ein Jahr im Welschland bei einer frommen Familie und fand dort den Zugang zum christlichen Glauben. Nach einer Lehre zum Buchhändler studierte er Theologie in Reutlingen (D) und Lausanne. «Mein Glaube treibt mich an», sagt er heute. Seine Berufung fand er schliesslich bei den Methodisten.

Theologisch stehen die Methodisten den Landeskirchen nahe. Historisch gesehen folgen sie der Tradition der englischen Methodisten, die im 18. Jahrhundert Aufklärung und soziales Engagement in die anglikanische Kirche brachten. Bis heute zählt die Nähe zu den Menschen zur Kernkompetenz: «Unsere Gottesdienste haben stets eine persönliche Note», erklärt er, «die Teilnehmenden kommen zu Wort.» Den leidenschaftlichen Mann mit 30 Jahren Erfahrung kann man sich nur schwer auf der Kanzel vorstellen, er ist ein Seelsorger auf Augenhöhe.

Die Jahreslosung 2021 der evangelischen Kirchen in Europa lautet: Seid barmherzig! «Der Begriff mag altbacken klingen, seine Bedeutung ist es nicht», sagt Moll. Er zieht das geltende Schweizer Asylrecht als Beispiel heran, dessen unbarmherzige Anwendung zuweilen schwer zu ertragen sei. «Jetzt gerade weiss ich von einer Familie, die nach elf Jahren aus der Schweiz weggewiesen wird.» Und das sei nur ein Fall von vielen. «Wir erleben immer wieder Schicksale, die uns sehr betroffen machen.»

Grenzüberschreitung statt Stillstand

In Baden kommen viele Migrantinnen und Migranten in die Kirche. «Sie sind nicht einfach Gäste in unseren Gottesdiensten», stellt Stefan Moll klar, «mit ihnen haben wir wiederentdeckt, dass der Glaube in der Gemeinschaft entsteht.» So sei es selbstverständlich, dass Migranten aus Äthiopien oder Ägypten den Pfarrer vertreten und Gottesdienste leiten und sich auch in der Leitung der Kirchgemeinde engagieren.

Aus Molls Sicht ist der christliche Glaube hoch politisch: «Schon der erste Text der Bibel, die Schöpfungsgeschichte, ist ein Angriff auf die Macht der babylonischen Könige.» Diese Dynamik ziehe sich durch die ganze Bibel, «man denke nur an die Botschaft der Propheten oder von Jesus». Ihre Strahlkraft verlieren sie, wenn man diesen Aspekt nicht auch heute zur Sprache bringt.

Stefan Moll kann verstehen, dass viele Menschen sich mit der aktuellen Kirche nicht mehr identifizieren können. Den Anspruch, dass Kirche den Gläubigen ein Gefühl von Heimat bieten müsse, hält er jedoch für falsch: «Kirche sollte ein Ort sein, in dem das Fremde vorkommt.» Glaube bedeute immer auch Grenzüberschreitung.

Aus diesem Grund finden Milieukirchen zunehmend Zuspruch, die sich in der Thematik den Menschen anpassen und nicht umgekehrt. «Die Kirche ist durchaus fähig, neue Formate zu entwickeln, in denen andere sich verstanden fühlen», stellt er befriedigt fest. Moll wäre nicht der engagierte Pfarrer, wenn er sich die unkonventionelle Methode «Kirche anders» nicht zu Eigen machen würde. Seit Januar ist er Schlagerpfarrer und moderiert beim Fernsehsender Musig24 einen Stammtisch, bei dem Leute anrufen und dis- kutieren können. In Zeiten von Corona werden sonntags Gottesdienste ausgestrahlt. Das Konzept geht offensichtlich auf: Über 20000 Zuschauerinnen und Zuschauer schauen sich die Sendungen regelmässig an.

Prediger beim Schweizer Radio

Stefan Moll engagiert sich an vielen Orten. So ist er als Prediger beim Schweizer Radio SRF tätig und stellvertretender Leiter des Care-Team Aargau, das ausrückt, wenn Menschen nach Unfällen und ausserordentlichen Todesfällen Beistand benötigen. «An Nächstenliebe und Barmherzigkeit führt kein Weg vorbei», fasst Stefan Moll sein breites Arbeitsfeld zusammen. Sein Rezept gegen Angst, Enttäuschungen und Fehlschläge ist so einfach wie hoffnungsvoll: «Ich halte dem, so gut es geht, Vertrauen entgegen.» Seine Augen funkeln dabei wieder.