Die Aula in der neuen Schulanlage an der Bahnhofstrasse war bis auf den letzten Platz besetzt. 216 Stimmberechtigte kamen zur ausserordentlichen Gemeindeversammlung am Dienstagabend. Es ging um nicht weniger als die künftige Gestaltung ihres Reussstädtchens. Einziger Antrag: die Genehmigung der Revision der allgemeinen Nutzungsplanung Mellingen. Diese genehmigte die Versammlung mit so klarer Mehrheit, dass der Gemeinderat die Stimmen nicht mehr auszählen liess. Dennoch: Dem grossen Mehr ging eine gut zweieinhalbstündige Diskussion voraus. Dabei äusserten die Anwesenden auch ihre Skepsis gegenüber der Wachstumsstrategie des Gemeinderats. Denn dieser will Mellingen zu einem kleinregionalen Zentrum entwickeln und die Altstadt sowie das Gebiet entlang der Birrfeldstrasse zu einem zusammenhängenden Zentrum machen. Dazu wird Land am Tägerigerweg ausgezont und an der Birrfeldstrasse eingezont. Weiter sollen Birrfeld- und Lenzburgerstrasse vom Schleichverkehr befreit werden, wenn die Umfahrung dereinst gebaut ist.


Angst vor weiterem «Neugrüen»
Hanspeter Koch, Präsident der CVP Mellingen, stellt namens der Partei die Frage, ob die Wachstumsperspektive von 7000 Einwohnern und die Verdichtung wirklich gut sei für die Gemeinde. «Wir brauchen für junge Leute, die eine Familie gründen wollen, Land damit sie hier ein Haus bauen können.» Nun werde genau solches «Einfamilienhaus»-Land am Tägerigerweg ausgezont, damit an der Birrfeldstrasse dichter gebaut werden könne. Die CVP forderte mit einem Teilrückweisungsantrag, auf diese Umzonung zu verzichten. Die Bedenken der CVP spiegelten sich auch in mehreren Voten der Stimmbürger. Sie wiesen darauf hin, dass man keine weitere Überbauung wolle, die von Grossinvestoren realisiert werde. Vielzitiert in diesem Zusammenhang wurde die Wohnüberbauung «Neugrüen» die sich nur langsam mit Leben füllt und vielen Mellingern nicht gefällt. Auch wolle man keine einstöckigen Riesenbauten mehr wie das Reusstalcenter oder die Migros-Überbauung.


Gemeindeammann Bruno Gretener (FDP) argumentierte, dass eine Gestaltungsplanpflicht für grössere Bauten bestehe. «Verdichtet zu bauen, heisst nicht, dass es eine hässliche Überbauung geben wird. Wir können seitens der Gemeinde auf die Qualität der Gebäude Einfluss nehmen.» Aber man könne nicht ausschliessen, dass es wieder ein «Neugrüen» geben wird, räumte er ein. Die Stimmberechtigten entschieden sich letztlich für den Zonenabtausch und lehnten den Antrag der CVP mit 100 Nein- zu 90 Ja-Stimmen knapp ab.
Weil das Land am Tägerigerweg nun also ausgezont werden soll, denken bereits viele an einen drohenden Rechtsstreit mit der Landbesitzerin, Thérèse Bächer-Hirt. Denn durch die Auszonung verliert ihr Land erheblich an Wert und eine Einigung mit der Gemeinde ist nicht in Sicht.


In der weiteren Diskussion stellte sich die CVP nicht gänzlich gegen dichteres Bauen. Sie beantragte, am Hang oberhalb der Stetter- und Bahnhofstrasse solle dichter gebaut werden, als der Gemeinderat vorsieht. Hauchdünn mit 91 zu 88 Stimmen wurde dieser Vorschlag jedoch begraben.


Auch die Bau- und Nutzungsordnung (BNO) gab zureden: Werner Troxler stellte den Teilrückweisungsantrag, dass Paragraf 56 gestrichen wird. Dieser sieht vor, dass der Gemeinderat mit Grundeigentümern Vereinbarungen mit einer Baupflicht abschliessen kann, um die Verfügbarkeit von eingezontem Land sicherzustellen. «Das kommt einer Enteignung gleich», sagte Troxler. Die Versammlung überwies mit knappem Mehr von 94 zu 84 Stimmen den Teilrückweisungsantrag.


Der Gemeinderat prüft sämtliche Teilrückweisungsanträge und legt sie erneut der Gmeind vor. Das genehmigte Planwerk unterliegt dem fakultativen Referendum und wird letztinstanzlich vom Kanton genehmigt.