Georg von Graefe
Badens neuen Förster freut es, dass der Wald immer mehr Besucher hat – doch es gibt eine Kehrseite

Georg von Graefe erwischte als neuer Stadtoberförster einen Kaltstart. Drei schwerwiegende Ereignisse haben seinen Start geprägt, drei grosse Ziele setzt er sich für den Badener Wald.

Alexander Wagner
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Georg von Graefe in seinem neuen Arbeitsgebiet: Dem Badener Wald.

Georg von Graefe in seinem neuen Arbeitsgebiet: Dem Badener Wald.

Bild: Alexander Wagner

Obwohl bei Baden viele an eine Industriestadt, urbanes Leben oder auch die Bäder denken, ist fast die Hälfte der Fläche bewaldet. Deshalb leben viele Leute direkt oder sehr nahe am Wald. «Das ist schön», sagt Georg von Graefe. Seit Februar ist er der neue Stadtoberförster. «Und deshalb schätzen die Einwohner aus Baden ihren Wald auch enorm. Weil es keine Parks gibt, ist er ihr Naherholungsraum.» Aus diesem Grund geniesst der Wald in Baden auch einen hohen Stellenwert. «Sich darum zu kümmern, ist eine grosse Verpflichtung», ist er sich bewusst.

Der neue Stadtoberförster ist im St. Galler Rheintal aufgewachsen und hat an der ETH Zürich Forstwirtschaft studiert. Obwohl der Bezug nicht offensichtlich ist, kennt er Baden gut: «Es ist ein spannender Wald. Er ist schön und vielfältig», sagt von Graefe. Zum einen kennt er von seiner Tätigkeit für das Landesforstinventar enorm viele Wälder in der Schweiz.

Zum anderen ist Baden auch ein Exkursionsobjekt und fast jeder kennt den Teufelskeller. «Aber auch bezüglich Unternehmensführung und Naturschutz ist Baden vorausschauend und pionierhaft», sagt von Graefe. Das habe er schon vor seinem Stellenantritt gewusst.

Der neue Stadtoberförster erwischte einen Kaltstart

Lange Zeit um sich einzuarbeiten, hatte von Graefe jedoch nicht. Denn die massiven Schneefälle Mitte Januar haben enorm viele Bäume umgeknickt. Dies verursachte sehr viel Arbeit, besonders eben in den Siedlungen nahe am Wald. Seit sechs Wochen ist das Forstteam der Stadt Baden nun daran, die Schäden zu beseitigen.

Und dies sollte schnell passieren, sonst könnte sich der Borkenkäfer vermehren und auch gesunde Bäume befallen. «Das ergäbe ein exponentielles Wachstum. Davor haben wir ziemlich Respekt», betont von Graefe, der gleich zu Beginn diese Zusatzaufgabe gefasst hat.

Das zweite einschneidende Erlebnis war, dass er eigentlich Leute kennen lernen müsste – und wollte. Von Graefe sagt:

«Ich möchte ja meine Mitarbeiter persönlich treffen und ein Netzwerk aufbauen. Doch das ist im Moment schwierig.»

Die Coronapandemie hindert das Team an Treffen und dem persönlichen Kennenlernen.

Das Kernteam ist für die grosse Fläche des Badener Waldes enorm klein: Es sind nur vier Personen im Forstteam, welches je nach Bedarf mit Fachspezialisten und Forstunternehmer aus der Region ergänzt wird. Genauso klein ist sein Büroteam. Von Graefe sieht darin aber auch Vorteile: «Wir sind schlank, das hat sich bewährt. So bleiben wir beweglich», ist der neue Stadtoberförster überzeugt.

Ortsbürger sind stolz auf ihren Badener Wald

Der ganz grosse Teil des Badener Waldes gehört den Ortsbürgern. «Darauf sind die Ortsbürger stolz und der Wald hat eine grosse Bedeutung. Das ist wohltuend», freut sich von Graefe. Spannend ist der Badener Wald auch, weil hier die letzten Ausläufer des Jurasüdfusses mit Kalkgestein – was eher trockene Böden bedeutet – und Moränen des Mittellandes aufeinander treffen, was für nährstoffreiche Böden sorgt.

Deshalb will von Graefe «seinen» Wald möglichst bald noch besser und detaillierter kennen. «Mein Ziel wäre es, einmal pro Tag im Wald zu sein», sagt er. Doch er gibt auch offen zu, dass er das – zumindest im Moment – nicht ganz schafft.

Hier werden Bäume im für die neue Fassade des Kantonsspitals Baden gefällt – ebenfalls eines von Georg von Graefes Projekten.

Hier werden Bäume im für die neue Fassade des Kantonsspitals Baden gefällt – ebenfalls eines von Georg von Graefes Projekten.

Bild: Britta Gut

Drei Ereignisse haben seinen Start geprägt und drei grosse Ziele hat er mit und für den Badener Wald. Erstens: Ihn der Bevölkerung erhalten. «Der Wald hat immer mehr Besucher. Das freut mich», will der neue Stadtoberförster festgehalten haben. Aber die Kehrseite davon sei, dass der Wald immer stärker belastet werde. Ein weiteres Ziel ist deshalb der Spagat zwischen Schutz und Nutzung: «Wir wollen den Standard erhalten und den Druck gut kanalisieren», sagt von Graefe.

Georg von Graefe.

Georg von Graefe.

Bild: Alexander Wagner/Foto Wagner

Sein letztes Hauptziel sind die Naturwaldreservate, wo der Wald der Nutzung komplett entzogen wurde. Die Bäume werden älter als bei einem bewirtschafteten Wald, sterben natürlich ab und sind als Totholz die Lebensgrundlage für Pilze, Käfer oder Insekten. Dies wiederum dient den Vögeln und anderen Waldbewohnern. Diese Kaskade soll weiter bestehen bleiben.

Die grosse Frage: Wie gehen wir mit unserem Wald um?

Durch die heissen, trockenen Sommer sind einige Baumarten wie die Fichte gefährdet. Wirbelsturm Lothar hat 1999 verheerende Schäden angerichtet, die heute aber auch einen positiven Effekt haben: 20 Jahre nach dem verheerenden Orkan gedeiht die Naturverjüngung. «Das ist ein grosses Glück. Wir haben einen jungen, reichhaltigen Laubholzwald», freut sich von Graefe.

Aber längerfristig stellt er sich die Frage: «Wie gehen wir in Zukunft mit unserem Wald um. Was können und was wollen wir machen?». Diese Frage wird ihn, sein Team und die Gesellschaft noch länger beschäftigen. Aber dafür hat Georg von Graefe jedoch länger Zeit, als mit den Auswirkungen der schweren Schneefälle, die er sofort beseitigen musste.

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