Gebenstorf

Geplantes Islam-Zentrum beunruhigt syrische und türkische Christen

Der Regierungsrat hat grünes Licht für ein muslimisches Vereinslokal im ehemaligen Restaurant Corvino gegeben – gegen den Willen des Gemeinderates.

Der Regierungsrat hat grünes Licht für ein muslimisches Vereinslokal im ehemaligen Restaurant Corvino gegeben – gegen den Willen des Gemeinderates.

Das Projekt des muslimischen Vereinslokals in Gebenstorf sorgte bei den Anwohnern für Unbehagen. Auch Mitglieder der assyrisch-aramäischen Gemeinde haben Bedenken.

Der Aargauer Regierungsrat gab letzte Woche grünes Licht für ein muslimisches Vereinslokal in Gebenstorf – und bezichtigte den Gemeinderat, der sich dagegen gewehrt hatte, der Diskriminierung.

Ammann Rolf Senn erklärte umgehend, der Gemeinderat werde den Entscheid ans Verwaltungsgericht weiterziehen: Es gebe zu wenig Parkplätze, und es drohten Lärmemissionen. «Wir sind der Ansicht, dass ein solches Vereinslokal nicht an diese Wohnlage passt.»

«Gefühlsmässig etwas in Aufruhr»

Für Gesprächsstoff sorgt das geplante Vereinslokal auch bei der assyrisch-aramäischen Gemeinde. «Die Angelegenheit in Gebenstorf ist delikat», erklärt Konutgan Musa (34), der vor zwei Wochen zum Vizepräsidenten des «Suroyo Azech Kulturvereins» in Gebenstorf gewählt wurde.

«Hier im Dorf lebt eine sehr grosse assyrisch-aramäische Gemeinde, rund 60 Familien mit christlichem Glauben aus Syrien und der Türkei.» Diese Menschen seien zum Teil von radikalen Muslimen, aber auch aus nationalfaschistischen Gründen aus ihrer Heimat vertrieben worden.

«Auch heute wieder sind deren Verwandte auf der Flucht vor radikalen Islamisten, wie im Fernsehen täglich zu sehen ist. Deswegen sind vor allem unsere älteren Mitglieder beim Gedanken an ein muslimisches Vereinslokal in Gebenstorf gefühlsmässig etwas in Aufruhr und in Sorge.»

Die jüngere Generation aber, die hier aufgewachsen sei, versuche die Probleme des Mittleren Ostens nicht vereinfacht als Religionskrieg zu pauschalisieren, sondern verstehe die geopolitische Brisanz in einem globalen Kontext und stehe darum auch der Angelegenheit rationaler und gelassener gegenüber, erklärt Musa.

In Gebenstorf soll nun doch ein Islam-Zentrum errichtet werden

In Gebenstorf soll nun doch ein Islam-Zentrum errichtet werden

«Wir haben keine Vorurteile, sind deswegen toleranter und wir wissen, dass in der Schweiz ein Nebeneinander vieler Religionen funktioniert. Wir wünschen uns jedoch, dass die islamisch-albanische Gemeinschaft sich deutlich von radikalem Gedankengut distanziert und sich ihre Mitglieder ebenfalls tolerant gegenüber Andersdenkenden verhalten. Wir verurteilen nicht den Islam, sondern diejenigen, die Religionen missbrauchen im Namen einer Religion», erklärt Musa.

Im Oktober erklärten drei Mitglieder der islamisch-albanischen Gemeinschaft gegenüber der az: «Im Namen des Islams zu morden ist ein klarer Missbrauch unserer Religion und steht im Widerspruch zu dem, was uns der Islam lehrt. Das Gefühl, mit diesen Terroristen in einen Topf geworfen zu werden, begleitet uns jeden Tag.»

Schlechte Erfahrungen mit den Nachbarn und den Menschen aus dem Dorf habe bis jetzt aber noch keiner von ihnen gemacht. Dass die Muslime weltweit den Terror der IS-Miliz kritisierten, begrüssten die drei Männer.

Es sei nun ihre Pflicht, weiterhin den direkten Kontakt zu den Mitmenschen in der Nachbarschaft und bei der Arbeit zu suchen. Man dürfe sich nicht in den eigenen vier Wänden verstecken. «Nur so können wir Vorurteile abbauen oder dafür sorgen, dass sie gar nicht erst entstehen», erklärten die drei Männer.

«Verständigung und Integration»

Den Entscheid des Regierungsrates kommentiert Selim Selimi, Präsident des islamisch-albanischen Vereins, so: «Wir haben uns sehr über den positiven Entscheid gefreut. Wir haben erwartet, dass der Regierungsrat unser Vereinslokal gutheisst, denn es spricht nichts dagegen.»

Das Vereinslokal werde nebst einem Andachtsraum auch Schulungsräume und einen Aufenthaltsraum beinhalten. «Wir hoffen, dass wir mit unseren neuen Räumlichkeiten auch für die Öffentlichkeit sichtbarer werden und so zur Verständigung und Integration aktiv beitragen können.»

In Gebenstorf trifft sich regelmässig eine interreligiöse Arbeitsgruppe. Welchen Standpunkt vertritt Leiterin Hilde Seibert?

«Meiner Meinung nach wirkt es sehr integrierend, wenn Menschen anderer Religionen, die hier arbeiten und mit uns leben, ihre Religion leben können.»

Und das nicht im Versteckten, in Gewerbegebieten, sondern dort, wo Begegnungen normal möglich seien. «Das ist das Anliegen des islamisch-albanischen Vereins, und das kann eigentlich auch nur unser Anliegen sein.»

Nur Begegnungen und mehr Wissen übereinander und voneinander könnten Vorurteile abbauen. Daran werde in der interreligiösen Arbeitsgruppe Gebenstorf gearbeitet. Weiter erklärt sie: «Menschen, die selber die Erfahrung machen durften, aufgenommen und integriert zu werden, ein eigenes Vereinslokal und regelmässiges Gastrecht in der katholischen Kirche zu haben, sollten die menschliche Grösse haben, das anderen auch zu ermöglichen oder zumindest nicht zu verhindern.»

Meistgesehen

Artboard 1