Das Anliegen, sich beim Spielplatz im Graben zu treffen, kommt nicht von ungefähr. «Der Spielplatz ist ein gutes Beispiel für einen gelungenen Übergang zwischen der Altstadt und den Schulen», sagt Geri Müller. Mit seinem team baden hat er den Bau des Spielplatzes vorangetrieben, um Freiraum für Kinder und bessere Bedingungen für Eltern und Kinder in Baden zu schaffen.

Herr Müller, Sie müssen ihrem potenziellen Vorgänger Stephan Attiger bestimmt dankbar sein.

Geri Müller: Weshalb?

Durch seine krankheitsbedingte Abwesenheit am letzten Neujahrsapéro verhalf er Ihnen zu einem staatsmännischen Auftritt in der Trafo-Halle.

Ach so. Nun, nach dieser Ansprache stellte ich fest, dass mich viele differenziert wahrnehmen. Einerseits als grünen Parlamentarier in Bern, andererseits als Vizeammann von Baden, der die Interessen aller Badener wahrnimmt.

Die Einstiegsfrage stellt sich, weil man immer wieder kritische Stimmen hört, die sich fragen, ob sich Baden überhaupt einen grünen Stadtammann leisten kann.

Wieso sollte sich Baden keinen grünen Stadtammann leisten können? Es gibt viele Beispiele anderer Schweizer Städte wie Basel oder Lausanne, wo das ausgezeichnet funktioniert.

Trotzdem: Der Stadtammann ist immer auch Repräsentant einer Stadt. Glauben Sie nicht, dass Ihnen Ihr Image als grüner Parlamentarier deshalb am 13. Januar zum Nachteil gereichen könnte?

Ich gehe noch einen Schritt weiter; Baden soll sich einen solchen Stadtrat leisten. Fakt ist, dass ich in den sieben Jahren als Vizeammann bewiesen habe, dass ich mit meiner politischen Meinung Mehrheiten finde.

Weshalb soll sich Baden Sie als Stadtammann leisten?

Die Stadt Baden hat seit je brilliert durch ihre Kreativität, Vielfalt und Integrationskraft. Baden ist seit Jahrhunderten eine ausserordentliche Stadt.

Geri Müller der Exot?

Ja, in einem gewissen Sinne verkörpere ich das Aussergewöhnliche.

Und weshalb möchte der Exot nun Stadtammann werden?

Als Stadtammann kann man sehr viel gestalten, das reizt mich. Als Vizeammann habe ich sehr viele interessante Einblicke in die Tätigkeiten des Stadtammanns erhalten. Zudem habe ich erlebt, mit den Menschen in der Verwaltung sehr gut zusammenarbeiten zu können. Ich kann partnerschaftlich führen. Nicht zuletzt glaube ich, in breiten Bevölkerungskreisen anerkannt zu sein.

Was haben Sie denn Ihren Konkurrenten voraus?

In verschiedenen Dossiers habe ich als Nationalrat einen etwas weiteren Fokus als nur den städtischen. Als Vizeammann konnte ich in vielen Dossiers mitarbeiten und erhielt fundierte Einblicke. Ich bringe einen breiten Erfahrungsschatz von lokal bis international mit.

Doch gerade dieser Umstand, dass Sie an Ihrem Nationalrats-Mandat festhalten wollen, stösst in grossen Kreisen auf Unverständnis. Was entgegnen Sie?

Ich habe mich sehr lange mit dem Thema Doppelmandat auseinandergesetzt. Unter Einschluss aller Überlegungen bin ich zum Schluss gekommen, dass es machbar ist. Ich würde die heutigen Mandate in zahlreichen Verbänden niederlegen und das Maximum als Stadtammann und als Nationalrat herausholen. Ich wäre zeitlich nicht belasteter als heute. Es ist für die Stadt Baden nur von Vorteil, wenn der Ammann vernetzt ist – sei das als Grossrat oder als Nationalrat. Dies trifft umso mehr auf eine Stadt wie Baden mit ihrer Zentrumsfunktion zu. Zudem haben Doppelmandate eine lange Tradition in Baden.

Sie sagen, Sie könnten sehr wohl zwischen der Rolle als Nationalrat und der als Stadtammann unterscheiden. Gleichwohl werden sie eigene Akzente setzen – welche?

Die letzten Jahre waren geprägt von vielen neuen Bauten und Sanierungen. Und das mit gutem Grund – werden uns doch an die 4000 mehr Menschen in Baden prognostiziert. Jetzt müssen wir diese neuen Bauten und Plätze einbringen und beleben. Die Bevölkerung soll Baden auch nach diesen Veränderungen als ihre Stadt wiedererkennen ...

... und sich zu Hause fühlen.

Richtig. Dazu gehört auch, dass die Einwohner am Leben partizipieren können, nur dann fühlen sie sich verantwortlich. Deshalb sind mir die Initiativen, die von den Bürgern aus kommen sehr wichtig. So sind etwa Tagesstrukturen oder das Familienzentrum auf privater Basis erwachsen. Solche Projekte brauchen in Zukunft mehr Beachtung.

Heimatgefühl hin oder her. Baden ist der Wirtschaftsmotor der Region, ja des ganzen Kantons und profitiert in Form von Steuern vor allem von grossen Firmen. Wird das auch mit Ihnen als Stadtammann so bleiben?

Klar, die Wirtschaft hat einen grossen Stellenwert; der Mensch möchte arbeiten. In Baden haben Grossfirmen Tradition. Wichtig ist aber, dass wir einen möglichst breiten Mix haben. Denn dann sind wir weniger anfällig, wenn ein Sektor kränkelt. Ich erinnere aber gerne an Dättwil, wo wir über 6000 Arbeitsplätze in verschiedensten Branchen haben.

Viel Menschen, die hier arbeiten, kommen von auswärts. Wie sollen sie nach Baden gelangen?

Möglichst effizient. Auch die Verkehrssanierungen setzen Grenzen. Die meisten Arbeitsplätze sind im Zentrum und können mit dem öffentlichen Verkehr bequem erreicht werden. Es gibt aber Menschen, wie zum Beispiel Handwerker, die auf ihr Auto angewiesen sind und die Strasse brauchen.

Hilft die Limmattalbahn?

Eine neue Zentrumsverbindung würde keinen Mehrnutzen bringen. Ich gelange bereits heute in 15 Minuten mit dem Zug nach Zürich. Was wirklich passieren könnte, hat der Zürcher Verkehrsverbund aufgezeigt; der Ausbau des öffentlichen Verkehrs plus der Ausbau des Privatverkehrs könnten sich verheerend auf die Wohnungspreise und auf die Gestaltung der Dörfer auswirken.

Sie sind selber Vater dreier Kinder. Wie sieht Ihre Schule 2040 aus?

Künftig werden wir in den Quartieren Schulen für sechs Jahre anbieten. Ein wichtiges Anliegen bei der Schulraumplanung ist mir, dass die moderne Schule ihren Platz hat und dass wir die Tagesstrukturen in den Schulen anbieten können, die Tagesschule soll kein Sonderfall mehr sein.

Man will in Baden attraktiv sein für die Wirtschaft, aber auch für Familien – für alle hat es aber keinen Platz. Die Folge: Die Wohnungen sind sehr teuer. Muss die Stadt da nicht Gegensteuer geben?

Wichtig ist einmal, dass die Optik ändert: Das heisst, dass man zum Zentrum nicht mehr nur gerade die Altstadt zählt, sondern diesen Kreis ausdehnt auf die Aussenquartiere wie Kappelerhof oder Meierhof. Daneben muss die Stadt versuchen, mit den Investoren und Besitzern ins Gespräch zu kommen, um gute Lösungen zu finden. Ein anderer Ansatz ist die Stiftung für sozialen Wohnungsbau, welche die Stadt mit zehn Millionen Franken auf die Beine gestellt hat. Für mich wird die Wohnpolitik im Stadtrat eine grosse Rolle spielen. Die Menschen sollen nicht nur hier arbeiten, sondern auch hier leben und ihre Freizeit verbringen.

Stichwort Freizeit. In Baden soll in ein paar Jahren wieder in einem öffentlichen Thermalbad gebadet werden können. Wie stehen Sie zum Botta-Projekt?

Klar ist, dass die Bäder für die Badener da sein müssen und bezahlbar sein sollen. Die jetzt vorgesehene Grösse braucht es, denn je kleiner ein Bad, desto teuer ist es. Der Zustand des öffentlichen Bades vor der Schliessung war auch nicht gut, weil zum Beispiel Kinder nicht mehr erwünscht waren. Das heutige Projekt ist das Resultat vieler Interessen; das ist gut so.

Sie haben die Zentrumsfunktion angesprochen. Muss Baden mit anderen Gemeinden fusionieren?

Wenn ich etwas muss, kann ich nichts mehr entscheiden. Viel besser ist es, wenn ich etwas will. Entwicklungsmöglichkeiten haben wir nur, wenn wir mit anderen Gemeinden zusammenarbeiten; dazu braucht es jedoch den Willen der Badener und den der Nachbargemeinden. Baden hat 75 Prozent Waldfläche und 25 Prozent überbaubare Fläche; Badenerinnen und Badener müssen wissen, dass wir nicht ewig verdichten können. Baden ist auch ein Wirtschaftsmagnet, das Menschen aus anderen Gemeinden anzieht. Mir ist es lieber, wenn diese Menschen mitreden und mitentscheiden können. Eine Hauptaufgabe des Stadtrates wird es deshalb sein, die Bevölkerung für einen Zusammenschluss mit anderen Gemeinden zu gewinnen.

Baden ist ein Wirtschaftsmagnet und bald eine Vorstadt von Zürich?

Ich spüre keine Sogwirkung aus Zürich. Auch Aarau ist als Westzentrum keine Konkurrenz für uns. Das Angebot an Kultur und der Badener Geist machen uns eigenständig. Deshalb erachte ich auch die Investitionen für das Kurtheater als sinnvoll. Bei allen Neubauten und Renovationen dürfen wir aber die Brachen nicht vergessen. Wenn Künstler hier nicht mehr aktiv sein können, dann gehen sie weg. Es gibt eine Studie, die besagt: je mehr Brachen, desto mehr Künstler.

Künstler gehören oft dem linken Lager an. Sind sie Zielpublikum in Ihrer Wahlkampagne?

Ohne Namen zu nennen – ich erhalte viel Zuspruch aus anderen Lagern (lacht). Ich schätze meine Chance sehr real ein.

Falls Sie nicht gewählt werden: Würden Sie Ihr Amt als Vizeammann behalten wollen?

Das Amt des Stadtammanns bedeutet mir sehr viel. Allerdings ist mir die Stadt Baden wichtig, und nicht, wer letztendlich die Krone aufsetzen kann. Deshalb würde ich mein Amt als Vizeammann behalten.