Justiz

Gericht entscheidet nach Drama im Kantonsspital Baden: Patient gestorben, Pflegerin freigesprochen

Der Mann mit Schluckstörung erstickte am nicht pürierten Essen. (Symbolbild)

Der Mann mit Schluckstörung erstickte am nicht pürierten Essen. (Symbolbild)

Eine erfahrene Pflegefachfrau ist nicht schuld am Tod eines Mannes, der vor drei Jahren im Kantonsspital Baden an seinem Essen erstickte. Zu diesem Schluss kommt das Bezirksgericht Baden, das die Frau vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freisprach.

Es ist ein Fall, der betroffen macht: Fast auf den Tag genau vor drei Jahren, am 14. August 2017, starb im Kantonsspital Baden ein Patient qualvoll. Der damals 76-jährige Mann, der an einer Schluckstörung litt und am Tag zuvor notfallmässig ins Spital eingeliefert wurde, erstickte an seinem Mittagessen.

Wegen seiner Vorerkrankung hätte der Mann die Nahrung in pürierter Form erhalten und beim Essen überwacht werden sollen. Dies war in der elektronischen Krankengeschichte des Mannes so vermerkt. Beim Abendessen nach der Hospitalisierung wurden diese Vorgaben eingehalten.

Patient erstickte an dritter Mahlzeit im Spital

Doch beim Frühstück und beim Mittagessen am nächsten Tag – inzwischen wurde er von einer anderen Pflegefachfrau betreut – erhielt der Mann keine pürierte Nahrung und wurde beim Essen nicht überwacht. Am Morgen ging alles gut, doch beim Mittagessen kam es zum tragischen Zwischenfall: Der Mann erstickte am Essen, das zwar mundgerecht zerkleinert, aber eben nicht püriert war.

KSB-Pflegerin trägt keine Schuld am Erstickungstod eines 76-Jährigen

  

Es folgten lange Ermittlungen, die Befragung vieler Spitalangestellten, rechtsmedizinische Gutachten und schliesslich eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung. Die Staatsanwaltschaft war der Ansicht, die Pflegefachfrau, welche den Mann damals betreute, habe ihre Sorgfaltspflicht verletzt und sei deshalb für seinen Tod verantwortlich. Das Argument: Hätte die erfahrene Pflegerin, die schon im Inselspital Bern oder an der Berliner Charité gearbeitet hat, dafür gesorgt, dass der Mann pürierte Nahrung erhält und beim Essen überwacht wird, wäre dieser «höchstwahrscheinlich nicht an seinem Essen erstickt».

Verteidiger kritisiert mangelhafte Einarbeitung

Schon im Mai fand in diesem Fall eine erste Verhandlung vor dem Bezirksgericht Baden statt. Damals fehlte die Angeklagte, daher wurde für gestern Dienstag ein zweiter Prozesstermin angesetzt. Erneut war die Frau, eine 56-jährige Deutsche, nicht anwesend. Ihr Verteidiger, der Aarauer Rechtsanwalt André Kuhn, erklärte dies so: «Meine Mandantin arbeitet derzeit im Ausland, wenn sie in die Schweiz einreisen würde, müsste sie in Quarantäne.»

Auch der zuständige Staatsanwalt Beat Richner war nicht vor Ort, deshalb plädierte vor Gerichtspräsidentin Gabriella Fehr einzig der Verteidiger der Pflegefachfrau. Kuhn verlangte einen Freispruch, weil die Voraussetzungen für einen Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung nicht erfüllt seien. Der Verteidiger hielt fest, die Frau sei nur temporär beim KSB angestellt gewesen, der Fall habe sich an ihrem siebten Arbeitstag ereignet. Er kritisierte, die Einarbeitung seiner Mandantin sei mangelhaft und unvollständig gewesen.

Pflegerin nahm an, das richtige Essen sei bestellt worden

So habe ihr niemand gesagt, dass sie für Essensbestellung und -kontrolle zuständig sei. Zwar sei in der Krankengeschichte des Mannes vermerkt, dass dieser pürierte Mahlzeiten erhalten und überwacht werden müsse. Es gebe aber keine Schnittstelle zum System der Essensbestellung. Seine Mandantin habe dies nicht gewusst und in guten Treuen angenommen, dass für den Mann nach dem pürierten Abendessen auch die weiteren Mahlzeiten in der richtigen Form bestellt würden.

Ausserdem sei für sie nicht vorhersehbar gewesen, dass der Patient an nicht-püriertem Essen mit grosser Wahrscheinlichkeit sterben könnte. Und zwei rechtsmedizinische Gutachten zeigten, dass der Tod des Mannes auch bei pürierter Nahrung und Überwachung nicht auszuschliessen sei, argumentierte der Verteidiger.

Tod auch bei püriertem Essen nicht auszuschliessen

Einzelrichterin Fehr folgte ihm nur im letzten Punkt. Tatsächlich seien die Rechtsmediziner zum Schluss gekommen, dass der Patient aufgrund seiner Schluckstörung auch hätte sterben können, wenn alle Vorgaben für seine Ernährung eingehalten worden wären. Als erfahrene Pflegefachfrau hätte die Angeklagte bei der Übernahme des Patienten jedoch die Krankengeschichte studieren und sehen müssen, dass dieser pürierte Nahrung braucht, sagte Fehr.

Dann hätte sie sicherstellen müssen, dass diese Vorgabe eingehalten wird. Dass püriertes Essen das Erstickungsrisiko vermindere, sei der Pflegefachfrau klar gewesen, dies habe sie so ausgesagt. Weil sich der Tod des Mannes aber nicht sicher hätte vermeiden lassen, bestünden Zweifel an der Schuld der Frau - deshalb erfolge ein Freispuch.

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