Bezirksgericht Baden
Gerichtspräsident blickte 31 Jahre in menschliche Abgründe: «Einen Fall werde ich nie vergessen»

Peter Rüegg geht in die Pension – einige Verhandlungen, wie der Fall Lucie 2012, bleiben ihm in Erinnerung. Rüegg erzählt, welche Fähigkeiten und Eigenschaften ein Gerichtspräsident braucht und wie sich das Bezirksgericht in all den Jahren verändert hat.

Rosmarie Mehlin
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«Eine Prise Humor schadet nicht»: Peter Rüegg.

«Eine Prise Humor schadet nicht»: Peter Rüegg.

Sandra Ardizzone

Er hatte mit Mördern und Betrügern zu tun, mit Verkehrssündern, Schlitzohren und Ehepaaren, denen die Liebe abhandengekommen war. «Ich habe es nie bereut, als Nachfolger von Luzi Stamm fürs Gerichtspräsidium kandidiert zu haben, als dieser 1989 in den Grossen Rat gewählt worden war.» In Würenlos aufgewachsen, hatte Rüegg, nach der B-Matur an der Kanti Baden, in Zürich Jus studiert. Seine Sporen hatte er als Schreiber am Bezirksgericht Brugg abverdient. Von 1985 bis zu seiner Wahl war er in der Badener Kanzlei Voser & Kocher als Anwalt assoziiert.

Welche Fähigkeiten und Eigenschaften braucht es – nebst juristischem Wissen – um dem Amt eines Gerichtspräsidenten im wahrsten Sinne des Wortes gerecht zu werden? «Unabhängigkeit, Sozialkompetenz, eine gehörige Portion Geduld.» Und mit dem ihm eigenen, diskret verschmitzten Lächeln, fügt der 65-Jährige an: «Mitunter kann auch eine Prise Humor nicht schaden.»

Die richtigen Fragen stellen, die Parteien anhören, vernünftig abwägen und schliesslich – unabhängig von persönlichen Befindlichkeiten – nach Verfassung und Gesetz entscheiden, sei nicht immer einfach. «Ich hoffe, dass es mir mehrheitlich gelungen ist, gebe aber zu, dass mir der Geduldsfaden einige Male gerissen ist.»

«Ich hatte immer gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter»

Peter Rüegg blickt «mit grosser Befriedigung» auf die vergangenen 31 Jahre zurück: «Die Arbeit war immer interessant und spannend – na ja, jedenfalls zum grössten Teil. Ich war die ganze Zeit über mein eigener Chef und man gewinnt in dieser Tätigkeit Einblicke in die unterschiedlichsten sozialen Verhältnisse.» Ohne Gerichtsschreiber, Sekretariat und eine gut funktionierende Kanzlei könne ein Gericht nicht funktionieren: «Ich hatte das grosse Glück, während meiner ganzen Tätigkeit von guten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterstützt zu werden. Ihnen winde ich ein ganz besonderes Kränzlein.»

Das Bezirksgericht Baden hat sich in den vergangenen 31 Jahren stark entwickelt. «Bei meinem Amtsantritt waren wir drei Präsidenten mit insgesamt etwa 25 Mitarbeitern. 1989 wurden die Anklageschriften noch auf Schnapsmatrizen vervielfältigt und die Sekretärinnen schrieben die Urteile auf Schreibmaschinen mit Kohlepapier-Durchschlägen.» Heute sind es acht Präsidentinnen und Präsidenten sowie 70 Mitarbeiter.

Die ersten Ausbauschritte waren 2011 zunächst mit der neuen Strafprozess- und Zivilprozess-Ordnung nötig geworden, zwei Jahre später gefolgt von Einführung des Familiengerichtes mit Integration der Kesb. «Wir haben die Geschäfte unter uns Präsidentinnen und Präsidenten nach Spezialisierung – zum Beispiel auf Jugend- und Arbeitsrecht oder auf Strafrecht – sowie nach dem Gesichtspunkt ausgeglichener Belastung aufgeteilt.»

Leo, Golf und Oper

In Rüeggs Büro an der Rütistrasse – der Dependance des Gerichtsgebäudes im Falken – geben private Bilder an den Wänden und Grünpflanzen der amtlichen Strenge eine persönliche Note. Nicht zu vergessen die Fleece-Decke, der Wassernapf und ein alter Damenschuh am Boden: Hier haust zeitweilig «Leo», seines Zeichens ein – zumindest bei gutem Wetter schneeweisser – Zwergpudel. Der Schuh stillt sein allfälliges Heimweh nach Zuhause.

Vor einem Dutzend Jahren waren Peter und Gabriella Rüegg mit der Königspudel-Dame Zena auf den Hund gekommen. «Sie war eine wunderbare Hündin, bei Leo müssen wir noch viel in die Erziehung investieren.» Und schon ist da wieder das verschmitzte Lächeln. Nun wird Herrchen viel Zeit haben für «Leo», aber – nach Corona – auch für Golfpartien, Opernbesuche, Reisen, «am liebsten nach Italien».

«Man braucht eine professionelle Distanz»

«Das Büro räumen, hat viel Zeit beansprucht. Es ist unglaublich, was sich im Verlauf von 31 Jahren alles ansammelt.» Auch im Kopf des Gerichtspräsidenten hat sich zweifellos einiges angesammelt, das sich nicht einfach so «aufräumen» lässt. «Nie vergessen werde ich den Fall Lucie – die Verhandlung aus dem Jahr 2012 über den Mord an einem Au-pair-Mädchen.

Noch immer besonders präsent ist mir aus dem Jahr 1995 der Fall jener Frau, die in einer Wohnung in Spreitenbach ihr Kind hatte verhungern lassen.» Wie fühlte sich Richter Rüegg jeweils nach so schwierigen und belastenden Verhandlungstagen? «Als Richter braucht man eine professionelle Distanz zu den Fällen, sonst wäre man fehl am Platz. Ich konnte am Abend immer gut abschalten und habe nie von Verhandlungen geträumt.»

«Ich scheide mit grosser Zufriedenheit aus dem Amt»

Von den Fällen, die unter «heiteres Bezirksgericht» subsumiert werden können, ist ihm einer aus dem Jahre 1994 noch besonders präsent: «Ein Rentner aus Baden hatte in seinem Garten einen Fuchswelpen entdeckt, ihn zu Hund und Katz aufgenommen, gefüttert, ihn an der Leine spazieren geführt. Schliesslich war der Jagdaufseher dahinter gekommen, denn das Halten von Wildtieren ist gesetzlich verboten. Als er den Fuchs abholen wollte, hatte der von sich aus das Weite gesucht, der Mann aber wurde gebüsst. Der hat Einsprache gemacht und ich habe ihn wegen widersprüchlichen Verhaltens der Behörden freigesprochen: Der Rentner war mit dem Fuchs zweimal zum Entwurmen beim Tierarzt und der hatte keinen Ton vom Verbot verlauten lassen.»

Am letzten Dienstag hatte Rüegg seine letzte Verhandlung. «Ich scheide mit grosser Zufriedenheit aus dem Amt, aber auch mit Erleichterung, weil ich die Belastung und die Verantwortung, die doch manchmal auch drückt, auf jüngere Schultern legen kann.»