Montagsporträt
Germanistin und Historikerin Ruth Wiederkehr: «Ich muss mich selber bändigen»

Die Badener Germanistin und Historikerin Ruth Wiederkehr hat mit 36 Jahren schon viel erreicht, kennt aber auch Selbstzweifel.

Ursula Burgherr
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Ruth Wiederkehr über sich selbst: «Immer im gleichen Trott zu leben, ist mir ein Gräuel.» Ruth Wiederkehr reiste 2009 durch Jordanien.

Ruth Wiederkehr über sich selbst: «Immer im gleichen Trott zu leben, ist mir ein Gräuel.» Ruth Wiederkehr reiste 2009 durch Jordanien.

CH Media

In der frischbezogenen Wohnung in Ennetbaden stehen erst wenige Möbel provisorisch herum, hier ein Tisch, dort ein Stuhl. Nur das Bücherregal ist bereits vollständig eingeräumt. Denn ohne Bücher kann sich die Germanistin und Historikerin Ruth Wiederkehr ihr Leben nicht vorstellen: «Bei Recherchearbeiten sitze ich tagelang in Archiven und wühle in der Geschichte herum.» Wie viel Spass ihr das macht, sieht man an ihren blitzenden Augen. Wie fleissig sie dabei ist, erkennt man an der Liste ihrer Werke. Obwohl erst 36 Jahre alt, hat sie bereits drei Bücher geschrieben.

Auf ihren Erstling «Das Hermetschwiler Gebetbuch», basierend auf einem handgeschriebenen Büchlein aus der Bibliothek eines Benediktinerkollegiums, folgte ein Bändchen «Lesen, schreiben, beten, heilen. Die Bibliothek des mittelalterlichen Klosters Hermetschwil». Im Auftrag der Kirchgemeinde Wettingen schliesslich verfasste sie «Eine Gemeinde, zwei Pfarreien. Katholische Kirchengeschichte Wettingen». Als wäre das alles noch nicht genug, ist sie auch Mitautorin der 2015 erschienenen «Stadtgeschichte Baden», war zehn Jahre in der Redaktion der Badener Neujahrsblätter und unterrichtete als Dozentin an einer Hochschule Kommunikation und Geschichte. Aktuell arbeitet die Badener Bürgerin in einem Autorenteam an dem multimedialen Forschungs- und Vermittlungsprojekts zeitgeschichte-aargau.ch, über die Kantonsgeschichte der letzten 70 Jahre.

Schritt in die vollständige Selbstständigkeit gewagt

Warum dieser Erfolg in einer Zeit, wo alle Schreibenden sich über fehlende Aufträge beklagen? Ruth Wiederkehr weiss, wie man komplexe Inhalte auf verständliche Art vermittelt. Und sie stürzt sich stets mit Haut und Haar auf ihre Projekte.

Wer nun glaubt, damit sei die Germanistin und Historikerin mehr als ausgelastet, irrt sich. Sie ist zudem im Vorstand des Badener Theaters im Kornhaus ThiK und moderiert dort seit 2016 das «PhiloThik». Ihr Palmarès ist so lang, dass man sich fragt: Was macht diese Ruth Wiederkehr eigentlich nicht? Darauf angesprochen, fährt sie sich lachend durch die dunklen Locken: «Ich muss mich sehr gut strukturieren, um alles unter einen Hut zu bringen.» Als Beweis zeigt sie ihre Agenda: Ob Bürozeiten, Sitzungen oder Privates – alles ist penibel genau in unterschiedlichen Farben eingetragen. «Ich bin sehr diszipliniert und etwas stur. Aber nur so kriege ich alles gebacken», gesteht sie.

Nach den Büchern der erste Film – Ruth Wiederkehr führt selbst durch die Kurzdok zum Aargauer Kulturgesetz, die im Rahmen des Projekts «Zeitgeschichte Aargau» im Herbst 2019 veröffentlicht worden ist:

Die Jahre 2019/2020 waren geprägt durch die Umtriebe eines Neuanfangs. Nicht nur ist sie mit ihrem Partner, dem Filmemacher Rolf Lang, umgezogen; sie hat sich auch zu 100 Prozent in die Selbstständigkeit hineingewagt. Jetzt sind alle Fühler ausgestreckt nach weiteren Projekten: «Ich brauche Herausforderungen. Immer im gleichen Trott zu leben, ist mir ein Gräuel.» Dank ihrer angeborenen Neugier und dem wachen Interesse für alles, was sie umgibt, entdeckt sie ständig Neues. «Ich muss mich selber bändigen, um mich nicht zu verzetteln. Und habe keine Ahnung, wie Stillsitzen und Nichtstun geht.» Wenn ihr Kopf nicht arbeitet, dann ihr Körper. Sie joggt regelmässig und läuft am Engadiner Skimarathon mit.

Zweifel, Erschöpfung und missratene Projekte

Ruth Wiederkehr ist in einer Familie aufgewachsen, in der es selbstverständlich war, sich für die Gemeinschaft zu engagieren. Vater Kurt amtete als Stadtrat in Baden, Mutter Waltraud war Lehrerin. Schwester Sarah ist Einwohnerrätin und CVP-Fraktionspräsidentin in Baden. Bereits mit 17 war Ruth Scharleiterin im Blauring. «Ich war schon immer gerne das Pferd, das den Karren zieht. Aber das Ziehen kostet manchmal extrem viel Kraft», sagt sie und wird nachdenklich. Zwar wirkt ihr Lebenslauf bewundernswert und mustergültig. «Aber so klar, wie alles scheint, war es nicht immer, und ich habe an manchen Weggabelungen gezweifelt und gelitten.» Wiederkehr spricht von Erschöpfungsphasen in der Vergangenheit und kennt auch missratene Projekte.

Obwohl Wiederkehr in sehr geborgenen und gut situierten Verhältnissen aufwuchs, wollte sie immer über den eigenen Tellerrand schauen. Schon als Kantischülerin verbrachte sie ein Austauschjahr in Neuseeland. Ihr Studium der Deutschen Literatur- und Sprachwissenschaft, Geschichte und Völkerrecht führte sie nach Zürich, Perugia und Oxford. Neben Englisch, Französisch und Italienisch radebrecht sie auch auf Arabisch. Wie zum Beweis schweift ihr Blick zu den Wörterbüchern im Regal. Weil sie die Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens fasziniert, lernte sie nicht nur Arabisch in einer Kairoer Sprachschule. Sie reiste auch als Rucksacktouristin durch Jordanien, war in Syrien, Iran und Marokko. «Ich tauche gerne in Länder ein, in denen so ziemlich alles anders läuft als bei uns», erzählt sie.

Erst ganz zum Schluss verrät sie noch, dass sie ihren allerersten Job während der Schulzeit als Ticketkontrolleurin in den Kinos der Familie Sterk hatte. Und ganz beiläufig kommt noch zu Tage, dass sie im Zürcher Vokalensemble colla voce mitsingt. Ruth Wiederkehr ist überzeugt, dass alles irgendwie zusammenhängt: «Aus einer Sache entstand bei mir immer die nächste. Ich übe noch daran, dem Leben zu vertrauen und weiterhin daran zu glauben, dass alles gut kommt.»