Herr Schmid, mehr als zehn Jahre lang lebten Sie Wand an Wand mit Schwerverbrechern. Wie erlebten Sie diese Zeit?

Sepp Schmid: Wir hatten unser Schlafzimmer auf der Turmseite. Deshalb hörten wir, wie der damalige Polizist Müller mit seinem Schäferhund und dem Essen um fünf Uhr früh die Treppen hinaufstieg und den Riegel der Gefängniszelle wegschob. Manchmal hörten wir in der Nacht die Insassen auch schreien. Und einer der Burschen war so schmal, dass er durch das Fenster passte und sich an einem Wasserschlauch abseilte. Nur war der Schlauch zu kurz, er fiel und brach sich diverse Knochen.

Und wie war das für Ihre Kinder?

Wir sprachen nicht oft mit ihnen darüber. Deshalb kriegten sie es auch nicht so mit. Nur an Weihnachten oder Ostern fragten sie manchmal, wer denn da so schreit, wenn die Frauen und ihre Kinder am morgen Früh weinend unter dem Turm standen und hinaufriefen ‹Papa, wann kommst du wieder nach Hause?›. Ich antwortete meinen Kindern dann, dass sie den Vater vermissen würden, der nun im Turm sitzt, da er bei Rot über die Ampel gefahren war. Ich konnte ja schlecht sagen, dass da Mörder eingesperrt waren.

Der Stadtturm um 1900 und heute

War das nicht unheimlich?

Nein, da muss man hart sein. Man darf nicht zu viel daran herumstudieren. Ausserdem ist der Turm das Wahrzeichen der Stadt und wunderschön. Ich habe mit dem Turm schon so viel erlebt, er ist mir richtig ans Herz gewachsen – fast wie ein Freund.

Zum Beispiel?

An der Badenfahrt 1997 dekorierte ich mit Othmar Zehnder den Stadtturm mit einer Leuchterkette. Wir starteten um vier Uhr morgens, gegen fünf Uhr abends waren wir fertig. Wir fragten zwar nicht um Erlaubnis, aber die Festbesucher hatten Freude. Noch heute erinnern sich einige Badener daran. Zehn Jahre zuvor stellten wir ein Doppelbett in die Damenzelle, damit Festbesucher dort übernachten konnten. Oder während der Bündnerwoche der City-Vereinigung holte ich eine Seilschaft aus Pontresina nach Baden, die sich einmal stündlich aus dem Turm abseilten.

Sie waren es auch, der 2006 initiierte, dass der Badener Stadtturm auf einer Briefmarke erscheint.

Ja, das war ein schöner Moment. Ich war der OK-Präsident der nationalen Briefmarkenausstellung in Baden und suchte das Gespräch mit dem damaligen Post-Chef.