Neuenhof
«Gesucht sind Personen, die über den Tellerrand schauen» – Realschule sucht Lehrer für Werkjahr

Für Schüler, die der Schule müde sind, plant die Realschule Werkjahre anzubieten. Motivierte Schüler hat es genug. Einzig Lehrer werden noch gesucht.

Martin Rupf
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Der Fokus des Werkjahrs liegt – wie der Name verrät – auf Hauswirtschaft, Werken und Fächern, welche die Schüler bei der Berufswahl unterstützen sollen.

Der Fokus des Werkjahrs liegt – wie der Name verrät – auf Hauswirtschaft, Werken und Fächern, welche die Schüler bei der Berufswahl unterstützen sollen.

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Seit acht Jahren unterrichtet Jürg Peter (39) an der Realschule in Neuenhof. Doch er fühlt sich nicht in erster Linie als Lehrer, sondern vielmehr als Sozialarbeiter, spricht man ihn auf seinen Beruf an.

Konkret: Als Realschullehrer gehe es nicht in erster Linie um Wissensvermittlung, sondern vor allem darum, die jungen Menschen auf das Leben nach der Schule vorzubereiten und ihnen – wenn irgendwie möglich – den Start in eine Berufslehre zu ermöglichen.

Ab kommendem Schuljahr möchte Peter nun einen Schritt weiter gehen. Nach Rücksprache mit der Schulleitung will er in Neuenhof ein sogenanntes Werkjahr anbieten. Das entsprechende Gesuch hat die Schulleitung bereits beim kantonalen Bildungsdepartement eingereicht. «Schon heute lässt sich die Bilanz von mir und meinen Realschullehrer-Kollegen sehen. Trotz zum Teil schwierigen Fällen schaffen wir es jedes Jahr, fast allen Schülern eine Lehrstelle zu vermitteln», sagt Peter nicht ohne Stolz.

Bildungsdepartement ist kein Fan

Beim Werkjahr handelt es sich um ein spezielles 9. Schuljahr für schwächere Schüler. Im Kanton werden aktuell an vier Standorten (Aarau, Menziken, Kreisschulen Rheintal/Studenland sowie Unteres Fricktal) rund 60 Werkjahr-Schüler unterrichtet. Der Fokus des Werkjahrs liegt – wie der Name verrät – auf Hauswirtschaft, Werken und Fächern, welche die Schüler bei der Berufswahl unterstützen sollen.

Im Rahmen der Leistungsanalyse beantragte das Bildungsdepartement letztes Jahr, das Werkjahr aus dem Angebot zu streichen, doch der Grosse Rat sprach sich knapp dagegen aus.

«Das Bildungsdepartement ist der Ansicht, dass das Werkjahr nicht in die heutige Bildungslandschaft passt», sagt Urs Wilhelm, Stv. Leiter der Sektion Organisation beim kantonalen Bildungsdepartement. Erstens stünde heute das 10. Schuljahr mit Brückenangeboten und die kantonale Schule für Berufsbildung zur Verfügung. «Zweitens kennen wir heute auch an der Oberstufe vielerorts die integrative Schule», so Wilhelm. «Und drittens gibt es heute bei ganz schwierigen Fällen die Möglichkeit des Case Managements, bei dem Schüler gezielt gecoacht werden.»

Gleichwohl würden Gesuche wie jenes von Neuenhof gemäss den geltenden rechtlichen Grundlagen bewilligt, wenn die erforderliche Anzahl Schüler (acht bis zwölf) erreicht wird und auch Räumlichkeiten für den Werkjahr-Unterricht zur Verfügung stehen.

Beide Kriterien stellen für Peter eine grosse Herausforderung dar. «Denn entgegen meiner Erwartung, haben bereits 16 Schüler aus der ganzen Region ihr Interesse für das Werkjahr kundgetan», sagt Peter. Natürlich freue ihn diese Nachfrage, doch sie stellt auch vor Probleme. Erstens fehlt der nötige Schulraum. «Eine Option sind zurzeit Räume im Werkhof», sagt Jürg Peter.

Zweitens werden für die 16 Schüler 68 Lektionen veranschlagt – also mehr als Jürg Peter alleine stemmen könnte. «Ich bin deshalb darauf angewiesen, zwei bis drei Lehrer an Bord holen zu können, wenn wir allen Schülern das Werkjahr anbieten wollen.»

Auch Gemeinde würde profitieren

Er glaubt nicht, dass es einfach sein werde, Lehrer für das Werkjahr zu finden. «Gesucht sind Personen, die über den Tellerrand schauen; offene Geister mit kreativen Ideen.» Es müssten auch Lehrer sein, die gerne mit – in der Regel eher schwierigen – Jugendlichen zusammenarbeiten.

«Das Werkjahr richtet sich vor allem an Schüler, die schulmüde, und die mit herkömmlicher Pädagogik nicht mehr erreichbar sind», sagt Peter. Deshalb werde man mit diesen Schülern vor allem projektbezogen arbeiten, um sie so auch auf die Arbeitswelt vorzubereiten. «Ziel ist ein normaler Volksschulabschluss, der den Schülern den Anschluss an eine Berufslehre oder ein 10. Schuljahr ermöglicht.»

Dass das Werkjahr etwas quer in der Schullandschaft liege, lässt Peter nicht gelten. «Im Gegenteil: Ich bin überzeugt, dass auch die normale Oberstufe und deren Lehrer davon profitieren, weil wir uns im Werkjahr der wirklich schwierigen Fälle annehmen.»

Ein weiterer Profiteur des Werkjahrs wird die Gemeinde sein, ist Peter überzeugt. «Schon heute bieten wir mit den Realschülern Dienstleistungen an, wie etwa die Zügelhilfe für ältere Menschen.» Angedacht sei, diese Dienstleistungen auszubauen. «Wir wollen mit den Schülern eine Firma gründen und mit dieser zum Beispiel Gartenarbeiten, Kinderbetreuung, Unterstützung beim Mittagstisch sowie Arbeiten im Bereich Werkhof oder Gewässerschutz anbieten.» Dadurch würden die Schüler nicht nur in ihrem Verantwortungsgefühl gestärkt, sondern auch auf die Berufswelt vorbereitet, ist Peter überzeugt.

Was, wenn sich keine weiteren Lehrer für das Projekt finden? «Dann werde ich das Ganze wohl einfach mit rund zehn Schülern starten; also nur mit einer, statt zwei Klassen», sagt Peter. Urs Wilhelm vom Kanton ergänzt: «Das Projekt müsste dann tatsächlich redimensioniert werden.»