1. Mai
Gewerkschafter wehrt sich gegen freche Firmen – seit 75 Jahren

Während der Lehre ist der Wettinger Alois Ernst 1941 der Gewerkschaft beigetreten – und ihr bis heute treu geblieben.

Manuel Bühlmann (Text)und Alex Spichale (Foto)
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Der 93-jährige Alois Ernst in seinem Wettinger Haus, in dem er seit über sechs Jahrzehnten wohnt.

Der 93-jährige Alois Ernst in seinem Wettinger Haus, in dem er seit über sechs Jahrzehnten wohnt.

Alex Spichale

Als Alois Ernst Gewerkschafter wird, tobt in Europa der Krieg. Hitlers Truppen marschieren in Bulgarien, später in Jugoslawien und Griechenland ein, bombardieren erstmals Moskau, beginnen die Belagerung von Leningrad.

1941 ist Ernst 18-jährig, im vierten Lehrjahr bei der BBC in Baden, wo auch sein Vater arbeitet. Einer seiner Arbeitskollegen wirbt für die Gewerkschaft, erzählt immer wieder von den Versammlungen, bis er sich selbst ein Bild machen will. Was er hört und sieht, gefällt ihm. Er tritt bei, erhält seinen ersten Mitgliederausweis.

75 Jahre sind seither vergangen, viel hat sich verändert, eines nicht: Alois Ernst zahlt Monat für Monat seinen Mitgliederbeitrag. Um die zwei Franken waren es damals, als Pensionierter zahlt der 93-Jährige noch acht Franken.

An den Jahresversammlungen der Unia wird er jeweils namentlich erwähnt, doch dieses Jahr zu seinem Jubiläum musste er auf den Besuch verzichten – er sei nicht «zwäg» gewesen, sagt er am Küchentisch seines Wettinger Hauses.

Früher hätte er für seine Treue einen Zinnbecher erhalten, heute gibt es einen Einkaufsgutschein und ein Foto zur Erinnerung. Anlässe für Jubiläumsgeschenke finden sich häufig.

12 Prozent der Mitglieder sind im Rentneralter, schätzt Kurt Emmenegger, Präsident des Aargauischen Gewerkschaftsbundes und Aargauer Unia-Geschäftsführer. «Viele bleiben über Jahrzehnte dabei.»

Alois Ernst sei ein typisches Beispiel eines Arbeiters aus der Maschinenindustrie: «Sie sind häufig vom Eintritt ins Erwerbsleben bis zum Sterbebett Mitglied.» Die Rekordmarke hat er allerdings knapp noch nicht erreicht, die liegt momentan bei 78 Jahren.

Ein einziger Arbeitgeber

Ein Leben lang treu blieb Alois Ernst auch seinem Arbeitgeber BBC. Nach der Lehre als Werkzeugmacher arbeitete er lange in Baden, später als Vorarbeiter und für die letzten zehn Jahre in Oerlikon, wohin die Apparatefabrik verlegt worden ist.

Die Arbeiter mussten sich entscheiden, ob sie den Wechsel mitmachen wollten. Er macht den weiteren Arbeitsweg mit, nicht so schlimm sei das gewesen, schliesslich übernahm die Firma die Kosten für das Zugabo.

Davor war er jeweils mit dem Velo von Wettingen nach Baden gefahren. Ein riesiges Veloheer sei auf den Strassen unterwegs gewesen, erinnert sich Ernst.

Geduld brauchte es auf dem Badener Schulhausplatz, wo damals noch die Zuglinie drüber führte. Musste der Wärter die Schranke runterkurbeln, flogen ihm alle möglichen Schimpfwörter um die Ohren. «Ich fand das nie richtig. Er hat doch nur seine Pflicht erfüllt.»

Mehr als seine Pflicht erfüllt hat Alois Ernst als Werkzeugmacher – er stieg auf, war lange Zeit Vorarbeiter und hatte die Verantwortung für bis zu zehn Arbeiter. Streiken musste Gewerkschafter Ernst in seinem Berufsleben nie, wie er sagt. «Es hat auch schwierige Zeiten gegeben, aber wir haben immer den Rank mit der Direktion gefunden.»

Die Gewerkschaft habe viel erreicht, etwa bei den Entschädigungen oder Ferienregelungen. «Sie hat geschaut, dass wir Arbeiter keine Verluste erlitten.»

Auch wenn er zeitweise das Geld gut für sich und seine Familie hätte gebrauchen können, wie er sagt. «Doch die Gewerkschaft ist nötig, damit es nicht wieder schlechter wird. Sie war immer wichtig und ist es bis heute.»

Schliesslich gebe es nach wie vor «freche Firmen, die meinen, machen zu können, was sie wollen». Das hat er auch seinen Kindern mit auf den Weg gegeben – mit Erfolg: zwei seiner vier Söhne sind dem Beispiel des Vaters gefolgt und Gewerkschaftsmitglied geworden.

Die Sticheleien der Arbeitskollegen

Und so ist es ein Stück weit Dankbarkeit, die Alois Ernst dazu bewegt, auch nach 75 Jahren pünktlich seinen Mitgliederbeitrag einzuzahlen. «Ich konnte mein Leben lang profitieren, deshalb will ich nicht aufhören, die Gewerkschaft zu unterstützen.» Das tut er inzwischen allerdings als Passivmitglied.

Alois Ernst erinnert sich an die eindrücklichen 1.-Mai-Märsche in Baden – vom Bahnhof durch die Altstadt. Hunderte Personen waren Jahr für Jahr auf der Strasse, mit Transparenten, Fahnen. «Eine grosse Sache» sei das gewesen. Mittendrin marschierte Alois Ernst mit. Die Teilnahme war gern gesehen, wenn nicht schon fast Pflicht. Wer fehlte, musste am Tag darauf mit kritischen Fragen und Sprüchen am Arbeitsplatz rechnen.

Alois Ernst: «Damals musste man fast teilnehmen, um nicht blöd dazustehen.» Inzwischen sei er aber schon länger nicht mehr mitgelaufen. Auch heute wird er darauf verzichten – die Sprüche und Sticheleien der Arbeitskollegen muss er nicht mehr fürchten.