Ende Mai berät der Badener Einwohnerrat über ein neues Friedhofsreglement. Dabei handelt es sich um mehr als nur einen Papiertiger. Denn die Stadt plant, auf dem Friedhof Liebenfels bis in zwei Jahren ein muslimisches Grabfeld mit rund 200 Gräbern zu erstellen. Werden die Pläne realisiert, wäre es das erste muslimische Grabfeld im Kanton Aargau.

Stirbt heute ein Muslim im Aargau, hat er in der Regel keine Möglichkeit, sich hier nach den Anforderungen seiner Religion begraben zu lassen – das Gesicht des Verstorbenen sollte in Richtung Mekka gerichtet sein. Abhilfe bieten oft nur Familiengräber, die aber einiges teurer sind. Die Stadt betont explizit, es werde lediglich der Grundsatz umgesetzt, wonach alle Religionen gleich zu behandeln seien. FDP-Stadtrat Roger Huber: «Es handelt sich deshalb nicht um eine Sonderbehandlung. Vielmehr wollen wir mit dem muslimischen Grabfeld die bisherige Ungleichbehandlung beseitigen.»

Sonderstatus bei der Grabesruhe?

Doch wie verhält es sich bei der Grabesruhe, die mit dem neuen Friedhofsreglement von 25 auf 20 Jahre verkürzt werden soll – übrigens nicht für bestehende Gräber, sondern erst für neue Gräber, die mit Inkrafttreten des neuen Reglements ab dem 1. Januar 2017 erstellt werden? Gilt die Grabesruhe auch für Muslime, obwohl der Islam eine zeitlich unbefristete Totenruhe vorschreibt, also die Gebeine eines Toten nicht aus dem Grab entfernt werden sollten? In der Einwohnerratsvorlage heisst es beim Thema Wiederbelegung eines Grabs: «Die Knochen können im gleichen Grab pietätvoll zur Seite geschoben werden, damit ein neuer Leichnam Platz hat.» Abdulmalik Allawala, Pressesprecher des Verbandes Aargauer Muslime, findet diese Lösung gut. «Ja, mit diesem Vorschlag könnten wir uns anfreunden.»

Eine weitere Möglichkeit wäre auch, die übrig gebliebenen Knochen aus dem Grab zu nehmen und an einem Ort auf dem Grabfeld quasi wieder zu bestatten. «Wenn es die Not unumgänglich macht, ist es erlaubt, die Gebeine pietätvoll, würdig und behutsam an einen anderen Ort im Friedhof zu verlegen», bestätigt Allawala. Thomas Stirnemann, Leiter Werkhof, sagt dazu: «Eine solche Möglichkeit werden wir dann in der Detailplanung prüfen.»

Das Thema Sonderbehandlung und Grabesruhe ist auch auf diesem Onlineportal intensiv diskutiert worden. So schreibt etwa ein User sinngemäss: «Bei der übrigen Bevölkerung wird die Grabesruhe auf 20 Jahre verkürzt, deshalb wird Muslimen ein Sonderstatus gewährt.» Und ein anderer: « … aber die anderen werden nach 20 Jahren ausgebuddelt, eingeebnet, oder was. Bitte, warum nicht für alle gleich?» Werkhof-Leiter Thomas Stirnemann klärt auf. «Auch bei christlichen Gräbern nehmen wir die Knochen bei einer Grabräumung nie aus dem Boden.» Vielmehr werde das erste Erdgrab so tief im Boden angelegt, dass man später über diesem ein zweites Grab erstellen könne.

Kaum mehr Erdbestattungen

Im Verpflichtungskredit in Höhe von 835 000 Franken, der dem Badener Einwohnerrat am 31. Mai vorgelegt wird, ist aber nicht nur ein muslimisches Grabfeld enthalten (110 000 Franken). Weiter soll ein neues Gemeinschaftsgrab entstehen (140 000 Franken), und ein neuer Grabtyp Parkwald (180 000 Franken) ist geplant. Stirnemann: «Der Wunsch nach alternativen Bestattungsformen etwa in Gemeinschaftsgräbern oder eben in einem Parkwald ist in den letzten Jahren stets gewachsen.»

Tatsächlich: Während in Baden die Zahl der jährlichen Urnenbeisetzungen in den letzten 20 Jahren von rund 60 auf 100 zugenommen hat, waren es letztes Jahr gerade noch 5 Erdbestattungen.