Ennetbaden

Glocken für den «Briefkasten Gottes»

Die schweren Glocken wurden in den Rohbau des Kirchturms gehoben.ZVG

Die schweren Glocken wurden in den Rohbau des Kirchturms gehoben.ZVG

Vor 50 Jahren fand die Grundsteinlegung und die Weihe der fünf Glocken der Sankt-Michaels-Kirche statt.

Etliche Badener Katholiken schluckten damals leer, als ihnen der Entwurf für die Sankt-Michaels-Kirche der Architekten aus Basel präsentiert wurde. Als «Grauer Klotz», «Bunker» und «Briefkasten Gottes» wurde der kühne Betonbau wegen seines Turmes verspottet.

Bauten aus den 50er- und 60er-Jahren prägen unsere Dörfer und Städte. Schulhäuser, Bürogebäude, Wohnsiedlungen aber auch Kinos, Freibäder und Parkanlagen: Sie erzählen die Geschichte einer Epoche, so wie es Bauten des Jugendstils oder des Barocks tun. Auch die katholische Kirche Sankt Michael in Ennetbaden, die damals von dem bekannten Kirchenarchitekten Hermann Baur entworfen wurde. Die Kirche war zwar erst 1966 fertig gebaut, doch die Glockenweihe und Grundsteinlegung waren am 25. Oktober 1964, also genau heute vor 50 Jahren. Dieses Jubiläum hat man in der Kirche Sankt Michael bereits am vergangenen Sonntag mit einem Festgottesdienst gefeiert.

Als Stifter schlägt Hans Twerenbold die Klausglocke an.ZVG

Als Stifter schlägt Hans Twerenbold die Klausglocke an.ZVG

Glocken läuteten in jedem Dorf

«Die Grundsteinlegung und der Aufzug war eine Attraktion für die Bevölkerung», sagt Monika Egloff von der Pfarrei. «Bevor die Glocken nach Ennetbaden kamen, sandte man eine Delegation samt Priestern nach Aarau, wo in der Glockengiesserei Rüetschi die fünf frisch gegossenen Glocken gesegnet wurden.» Am Tag vor der Glockenweihe wurden die Glocken mit Traktoren von der Giesserei in Aarau nach Baden transportiert. «In den Gemeinden, wo der Konvoi durchfuhr, haben alle Kirchglocken geläutet», sagt Monika Egloff. Der Transport durch Baden bis zum «Holdener Platz» zog viele Schaulustige an. Die damals
27-jährige Margrit Grabscheid-Twerenbold erinnert sich: «Die Glocken wurden von den Schulkindern traditionell an einem Strick aufgezogen.» Jede der Kirchglocken trägt einen eigenen Namen. So waren die Eltern von Margrit Grabscheid Stifter der Bruder Klausglocke und aktiv beteiligt an der Prozedur am 2. November 1964. «Der Vater durfte dann die Glocke anschlagen», sagt sie.

Der grosse Anstieg der Bevölkerung führte nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer regen Bautätigkeit. So nahm auch die Zahl der Mitglieder in der Kirchengemeinde zu. In der kleinen Sankt Michaels Kapelle gab es auf einmal zu wenig Plätze. Also musste eine neue Kirche her – die Sankt-Michaels-Kirche.

«Im Vorfeld gab es heftige Diskussionen, wo diese Kirche gebaut werden sollte», sagt Grabscheid, es gab mehrere Standorte zur Auswahl.

Die neue Kirche wurde mit 500 Sitzplätzen gebaut, denn man rechnete mit einem Mitgliederzuwachs in der Kirchengemeinde. «Die Kirchengemeinde wurde tatsächlich grösser, aber lange nicht so arg, wie man dachte», sagt Grabscheid. Sie findet es schade, dass die kleine Sankt Michaels Kapelle abgerissen werden musste.

Beton ist Geschmackssache

Die Kirche Sankt Michael ist wie viele andere Kirchen in der Deutschschweiz ein typischer Sakristalbau aus der Nachkriegszeit. In jener Zeit fingen Architekten an, den Kirchenbau neu zu interpretieren. Der Architekt aus Basel vereinte Chor und Schiff räumlich. Gleichzeitig entschied auch das zweite Konzil des Vatikans, dass die Kirche sich der aktuellen Zeit und ihrer Ausdrucksweise anzupassen habe. Bei Sankt Michael handelte sich zwar um einen massiven, aber durch die wohlproportionierte Anordnung der einzelnen Elemente von Chor, Schiff, Vorplätzen und Turm, um einen doch eleganten Bau. Der Vatikan stand der Architektur der Nachkriegsmoderne nicht im Weg und damals empörte Badener Katholiken haben sich über die Jahre an den Betonbau gewöhnt. Auch Margrit Grabscheid gefällt die Kirche: «Vor allem bei gewissen Lichteinfällen kann es sehr schön sein.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1