Baden

Goethe hätte diesem Konzert in der Stadtkirche Baden wohl gerne zugehört

Gut gelungen: Dirigentin Felicitas Gadient und Sprecher Walter Küng am Ende des Konzerts. Matthias Steimer

Gut gelungen: Dirigentin Felicitas Gadient und Sprecher Walter Küng am Ende des Konzerts. Matthias Steimer

Die Orchestergesellschaft hat – ganz im Sinne von Goethe – dessen «Werther» musikalisch interpretiert. Damit hat das Ensemble einmal mehr ungewöhnlich und originell programmiert.

«Ich habe die Vermutung, dass allem und jedem Kunstsinn der Sinn für Musik beigesellt sein müsse», schrieb Johann Wolfgang von Goethe im Jahre 1827 an seinen befreundeten Musiker Carl Friedrich Zelter. Die Feststellung des Literaten kann gleichsam als dessen Einwilligung gelesen werden für das Experiment, Literatur mit Musik zu verbinden – ebendies wagte die Orchestergesellschaft in der Stadtkirche Baden.

Die Idee ist freilich nicht neu, doch wenn der musikalisch zu transportierende Text «Die Leiden des jungen Werthers» und der Autor Goethe heissen, hat sie besondere Beachtung verdient. Goethe liebte die Musik. Nicht ganz so sehr, wie Werther Lotte liebt.

Trauermusik aus Lettland

Vor spielbereitem Orchester verkündete also der Erzähler den Zustand Werthers; er sehe in seiner tiefen Verzweiflung ob der unerreichbaren Lotte nur noch ein «ewig verschlingendes Ungeheuer». Metaphorisch punktgenau getroffen, intonierte das zur Höchstform auflaufende Orchester sogleich in die Tiefe reissende Glissandi.

Es war der Anfang der gleichermassen eindringlichen wie interessanten Trauermusik des lettischen Komponisten Peteris Vasks. Ein aufreibendes Spiel mit der Tonalität und mit Dissonanzen als musikalische Übertragung der Gefühlswelt von Werther, der mitunter bekanntesten literarischen Figur Goethes.

Der Erzähler Walter Küng wählte repräsentative Fragmente aus dem Erzählroman der Sturm-und-Drang-Epoche, die es dem Publikum erlaubten, den psychischen Niedergang Werthers mitzuerleben – von der Sehnsucht, über den schweren Liebeskummer bis hin zum Suizid.

Felicitas Gadient dirigierte die jeweils passenden Stücke, die aus ganz unterschiedlichen Epochen stammten: Air von Bach, I Crisantemi von Puccini, Trauermusik von Vasks, Tallis-Fantasie von Vaughan Williams und Adagio op. 11 von Barber. Zweifelsohne – selbst die zeitgenössischen Werke harmonierten im literarischen Kontext. Noch authentischer wäre die Kunstliaison indes gewesen, hätte man sich auf Goethe bekannte und von ihm reflektierte Komponisten beschränkt.

Bach, dem er besonders zugetan war, lag denn auch dem Orchester besonders gut, Puccini weniger. Trotzdem wäre Goethe wohl gerne dabei gewesen bei der künstlerischen Gefühlspotenzierung, wenn er schrieb: «Sobald von Offenbarung des Innern die Rede kommt, wird Poesie, durch Musik vollendet, immer die sicherste Vermittlerin sein.»

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