Die Striche, die Roman Hofer auf das leere Blatt wirft, nehmen langsam Form an. Seine Schiebermütze ist tief ins Gesicht gezogen, seine Miene voll konzentriert. Nur das leise Geräusch des Stifts auf dem Papier ist zu hören. Eine Jesusfigur mit Schwimmring entsteht, die etwas wackelig auf einem Wellenmeer balanciert. Darunter schreibt der Zeichner mit Schwung: «Jesus heimlich gefilmter Probelauf übers Wasser.» Später wird er sein Werk am Computer einfärben und auf seine neue Website stellen, die er von Montag bis Freitag täglich mit einem neuen Cartoon füttert.

«Vor drei Wochen habe ich die Reissleine gezogen», sagt der gelernte Grafiker in seinem Atelier in Ennetbaden und legt den Stift zur Seite. Was heisst das? «Ich habe mein Grafikgeschäft und alle damit verbundenen Kunden aufgegeben, laufende Projekte gestoppt und setze voll auf die Schiene Cartoon.» Und das als absoluter No-Name im Business und mit etwas Ersparten, das höchstens für ein paar Monate reicht? «Ja, ich fange wieder bei Null an. Das ist für mich der Reiz. Ich bin gespannt auf jeden neuen Tag», meint der 54-Jährige und steht vom Stuhl auf. Er ist gertenschlank und seine Augen sprühen vor Lebenslust. Das sei vor einem Monat noch anders gewesen. «Ich war energetisch auf dem Tiefpunkt. Meine Partnerin fand: So geht das nicht mehr weiter.»

Nicht der erste Neuanfang

Es ist nicht das erste Mal, dass der gebürtige Schwyzer einen solchen Zusammenbruch erlebt. 2004 gab er seinen Job in einer Badener Kommunikationsagentur auf. Erschöpfungsdepression. «Ich stiefelte einen Tag lang auf den Lägern herum und wusste nicht, wie mein Leben weiter gehen soll. Am nächsten Morgen kündigte ich.» Hofer fing an zu malen. Ein Spontanentscheid. «Es war das Einzige, wofür ich neben der Grafik Talent hatte.»

Seine Neocolor-Zeichnungen wurden auf Anhieb zum Renner. Und was machte Hofer? Er änderte die Technik. «Ich wollte meinen eigenen Ausdruck weiterentwickeln und nicht das machen, was gefällig war.» So wechselte er zu Bleistift, Linolschnitt, Schabkarton und Collagen. 2010 konnte er seine Überdrucke von alten russischen Propagandaplakaten in einer Einzelausstellung im Historischen Museum Baden präsentieren. Das gab seiner künstlerischen Karriere gewaltig Schub. «Ich lebte bescheiden, aber gut von meiner Kunst.»

Auf Roman Hofers Website steht: «Das einzige Beständige ist der Wandel». Er sagt: «Den meisten Menschen ist die Sicherheit wichtig. Angst hindert sie daran, im Leben das auszuprobieren, was sie wirklich möchten.» In seinem Ennetbadener Atelier steht neben Sofa, Schreibtisch und Computer ein Regal mit 2000 Langspielplatten. Sonst nichts. «Ich habe alles verkauft; auch meine geliebte Musikanlage.»

Seit er das Buch «Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags» gelesen hat, gibt er immer mehr weg. «Innerhalb dreier Wochen war ich 60 Prozent meines Hausrates los. Und je weniger ich habe, desto freier fühle ich mich.» An der Wand hängt das Bild «Kosmos». Hofer hat dafür in einem zweigeteilten Kreis, der den Globus darstellt, fünftausend Kreise mit dem Zirkel aus einer Plastikfolie ausgeschnitten und mit feinstem Blattgold gefüllt. Eine Sisyphusarbeit, die ein halbes Jahr in Anspruch nahm.

Kunstliebhaber schätzten seine radikalen Stilwechsel, denn langweilig wurde es nie um ihn herum. Auch Grafikaufträge tröpfelten wieder herein. Und dann schlich es sich langsam wieder ein, dieses Gefühl des Ausgepresstseins, der inneren Leere, die zum abrupten Wechsel zu den Cartoons führte. Viele Leute können sich überhaupt nicht vorstellen, dass man als Künstler ein Burnout bekommen kann. Hofer dazu: «Die gängige Klischeevorstellung lautet, dass der Künstler mittags aufsteht, ein bisschen malt und dann zum Frühschoppen geht.» Dabei: Wer selbstständig ist, muss Ausstellungsorte suchen, Bilder kreieren, sich mit Leuten vernetzen, Adressdatenbank führen usw. «Fünfzig Prozent der ganzen Kunst ist Bürokratie.» Trotzdem bestückte er bis zu 10 Ausstellungen jährlich.

Roman Hofer, der im Thurgau aufwuchs und seit 1999 in Ennetbaden sein Atelier hat, steht am Fenster und blickt auf die Limmat. «Ich bin gerne am Fluss», sinniert er, «das passt zu meiner Lebensphilosophie. Altes wird fortgeschwemmt und Neues angespült. Tag für Tag.» Obwohl er im Gespräch offen und gesellig wirkt, bezeichnet er sich auch als einzelgängerisch. Das habe er von seiner Mutter. Der Vater sei mit 57 an Lungenkrebs gestorben. Dabei habe er noch so viele Pläne gehabt, die er nach der Pensionierung realisieren wollte.

Roman Hofer hat daraus gelernt: «Ich will das Jetzt ausschöpfen, solange ich gesund bin.» Wie zum Beweis, setzt er sich wieder an den Schreibtisch, und nimmt den Bleistift in die Hand. Blödsinn im Kopf habe er genug, dazu eine kreative Hand, bekundet er; und kichert wie ein Schulbub, der einen neuen Streich ausheckt. Der Mann hat ganz offensichtlich wieder Spass am Leben.